Pressefreiheit unter Doppelstandard: Wie ARD, Bedrohungen und internationale Rankings ein verzerrtes Bild zeichnenPressefreiheit unter Doppelstandard: Wie ARD, Bedrohungen und internationale Rankings ein verzerrtes Bild zeichnen
Der ARD-Bericht über angebliche Repressionen in Israel löste große Resonanz aus – doch die entscheidenden blinden Flecken liegen nicht in Jerusalem, sondern in Berlin. Während Reporter ohne Grenzen Israel herabstuft, geraten pro-israelische Stimmen in Deutschland selbst zunehmend unter Druck. Die Debatte ist längst nicht ehrlich geführt.
Wer heute über Pressefreiheit spricht, muss die Realität beider Seiten kennen – und auch erkennen, wo mit zweierlei Maß gemessen wird.
Der jüngste Bericht eines großen deutschen Senders aus Tel Aviv zeichnet ein Bild, das kaum jemandem entgeht: Journalistinnen und Journalisten, die eingeschüchtert werden, Politiker, die scharf formulieren, und ein internationales Ranking, das Israel weit hinten einstuft. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Beleg für ein massives Problem. Doch diese Darstellung hält nur, wenn man zentrale Fakten ignoriert – und zwar konsequent.
Israel gehört zu den wenigen Staaten der Region, in denen Medien frei arbeiten können. Die Debatte ist hart, die Atmosphäre manchmal grell, doch der Kern ist unübersehbar: Reporterinnen und Reporter recherchieren ohne staatliche Lenkung, Redaktionen senden ohne politische Filter, und Enthüllungen über Regierung und Militär laufen zur besten Sendezeit. Kein Sender wird geschlossen, kein Journalist verhaftet, kein Leitartikel verboten. Selbst während des Krieges blieb die militärische Zensur streng begrenzt und ausschließlich auf operationelle Details beschränkt – so wie es in jedem demokratischen Land in Kriegszeiten üblich ist, auch in Europa.
Das bedeutet nicht, dass die politische Lage ruhig wäre. Israel ist eine streitende Demokratie, deren Medienkultur von offener Auseinandersetzung lebt. Doch diese Angriffslust wird im Ausland oft als Unterdrückung missverstanden – als stünde ein autoritärer Staat hinter jeder Schlagzeile. Dieser Eindruck entsteht vor allem dann, wenn man Israel ausschließlich mit Ländern vergleicht, die keine vergleichbare Sicherheitslage haben, deren Innenpolitik ruhiger wirkt, oder deren Regierungen sich weniger öffentlich aneinander abarbeiten. Entscheidend ist jedoch ein anderer Vergleich: jener mit Ländern, die in Ranglisten besser abschneiden, obwohl dort kritische Berichterstattung strafrechtliche Folgen haben kann oder Medienhäuser unter direkter staatlicher Kontrolle stehen.
Ein blinder Fleck zieht sich durch viele internationale Bewertungen: Israel wird an idealisierten Demokratien gemessen, während die Realität jener Staaten, die weit vor Jerusalem stehen, kaum hinterfragt wird. Dort werden Journalisten bis heute verhaftet, Redaktionen geschlossen oder Recherchen verboten – und das oft unter Wohlwollen derselben Organisationen, die Israel abwerten. Wer so bewertet, beurteilt nicht Freiheit, sondern Stimmung.
Ein zweiter blinder Fleck liegt noch näher: der Umgang mit Bedrohungen gegen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland. Wenn israelische Medien von innenpolitischem Druck berichten, wird das sofort als strukturelle Repression interpretiert. Wenn hierzulande Journalistinnen und Journalisten Gewaltandrohungen erhalten – egal ob anonym oder direkt adressiert –, wird das selten als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet. Dabei sind gerade pro-israelische Stimmen besonders gefährdet. Sie erleben tagtägliche Hassmails, enthemmte Drohungen und Versuche, private Daten gezielt zur Einschüchterung zu nutzen. Viele Redaktionen können solche Angriffe kaum abfangen, kleinere Medien gar nicht. Zu ihnen gehört auch haOlam.de.
Dieser Druck führt zu einem Klima, das ebenso gefährlich ist wie staatliche Eingriffe: Menschen überlegen immer stärker, was sie noch öffentlich formulieren können. Dieser gesellschaftliche Kälteeffekt entsteht nicht durch Gesetze, sondern durch eine radikalisierte Öffentlichkeit, die versucht, Berichterstattung zu bestrafen. Die Debatte über Pressefreiheit blendet das weitgehend aus – obwohl genau hier die Freiheit beginnt zu wanken.
Zugleich zeigt die juristische Realität in Deutschland ein asymmetrisches Bild. Kritik an Politikerinnen und Politikern am rechten Rand führt rasch zu juristischen Drohschreiben und hohen Kostenrisiken. Kritik an Mandatsträgern aus etablierten Parteien wird hingegen deutlich seltener rechtlich sanktioniert. Auch das beeinflusst journalistische Freiheit – und doch taucht es in internationalen Bewertungen kaum auf. Stattdessen richtet man den Fokus auf Israel, dessen Medienlandschaft Härten aushält, die in Europa längst zu Selbstzensur führen würden.
Damit entsteht ein verzerrtes Gesamtbild: Israel wird für innenpolitischen Lärm bestraft, während Staaten mit realer Repression besser platziert sind. Deutschland wiederum betrachtet seine eigenen Gefährdungen nicht als Bedrohung der Pressefreiheit, weil sie nicht vom Staat ausgehen – sondern aus der Gesellschaft. Doch die Wirkung bleibt dieselbe: Eine freie Presse wird eingeschüchtert, und zwar dort, wo sie sich am lautesten zu Israel bekennt.
Es ist wichtig, Fehler Israels nicht auszublenden. Doch ebenso wichtig ist, Maßstäbe ehrlich anzulegen. Wer sich für Pressefreiheit einsetzt, darf keine politischen Sympathien in Bewertungen einfließen lassen. Er muss akzeptieren, dass Bedrohungen gegen Journalistinnen und Journalisten überall existieren – und dass gerade pro-israelische Stimmen in Europa zu den am stärksten angegriffenen gehören.
Wenn diese Realitäten nicht anerkannt werden, ist nicht Israel das Problem. Dann scheitert die Debatte selbst an ihrer eigenen Glaubwürdigkeit.
Autor: Andeas Krüger
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Samstag, 29 November 2025