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Brandanschlag auf Synagoge in Gießen zeigt das Versagen des deutschen Schutzversprechens

Brandanschlag auf Synagoge in Gießen zeigt das Versagen des deutschen Schutzversprechens


Ein Mann zündet den Eingang einer Synagoge an, hebt den Arm zum Hitlergruß und geht. Zurück bleibt verbrannter Putz, zerstörte Elektrik und ein Gefühl, das viele Jüdinnen und Juden in Deutschland nur zu gut kennen: Niemand hat sie wirklich geschützt.

Brandanschlag auf Synagoge in Gießen zeigt das Versagen des deutschen Schutzversprechens

In der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen ist in der Nacht ein Anschlag verübt worden, der keine Deutungsoffenheit zulässt. Ein 32-jähriger Mann schüttete brennbare Flüssigkeit vor dem Eingang der Beith Jaakov Synagoge aus, setzte sie in Brand und zeigte anschließend den Hitlergruß. Die Tat wurde von Überwachungskameras aufgezeichnet. Der Schaden am Gebäude ist sichtbar. Der Schaden für das Sicherheitsgefühl der jüdischen Gemeinde ist ungleich größer.

Der Täter wurde noch in der Nähe des Tatorts festgenommen, nachdem Anwohner eingegriffen hatten. Verletzt wurde niemand. Dass dies so ist, grenzt an Zufall. In dem Gebäude leben Menschen. Eine Hausmeisterin mit ihrem Mann war zu Hause, ebenso mehrere Studierende. Wäre das Feuer außer Kontrolle geraten, hätte dieser Anschlag Tote fordern können.

Die Ermittlungsbehörden sprechen von Hinweisen auf eine psychische Erkrankung des Tatverdächtigen. Ob eine politische Motivation vorliege, werde noch geprüft. Diese Wortwahl wirkt auf viele Betroffene wie eine ritualisierte Beschwichtigung. Denn wer eine Synagoge anzündet und dabei den Hitlergruß zeigt, handelt nicht im luftleeren Raum. Er greift ein Symbol an und sendet eine Botschaft. Diese Botschaft ist eindeutig antisemitisch.

Ein Angriff mit Ansage

Die jüdische Gemeinde in Gießen zählt rund 300 Mitglieder, überwiegend Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Es war der erste schwere Anschlag dieser Art auf die Gemeinde. Für viele kam er dennoch nicht überraschend. Vertreter der Gemeinde sprechen offen davon, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei.

Laurens de Dunges, Vizepräsident der Gemeinde, äußerte scharfe Kritik an Politik und Behörden. Seit Jahren höre man warme Worte, Solidaritätsbekundungen und Versprechen. Was fehle, seien konkrete Maßnahmen. Der Satz, man fühle sich an das Jahr 1933 erinnert, ist keine rhetorische Übertreibung, sondern Ausdruck tiefer Verunsicherung.

Deutschland warnt seit Monaten vor einem Anstieg antisemitischer Straftaten. Jüdische Einrichtungen stehen unter erhöhtem Schutz. Und doch gelingt es einem Mann, ungehindert ein Feuer zu legen und eine nationalsozialistische Geste zu zeigen. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist offensichtlich.

Psychische Erkrankung als Nebelwand

Dass der Tatverdächtige in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wurde, mag juristisch korrekt sein. Politisch darf dieser Schritt jedoch nicht als Entlastung verstanden werden. Antisemitismus verschwindet nicht, weil ein Täter krank ist. Er verschwindet auch nicht, wenn man ihn entpolitisiert.

In den vergangenen Jahren hat sich in Deutschland ein Klima entwickelt, in dem jüdisches Leben wieder zur Zielscheibe wird. Nicht nur durch rechtsextreme Täter, sondern auch durch islamistischen Judenhass und durch einen vermeintlich moralischen Antizionismus, der sich immer häufiger gegen ganz konkrete jüdische Menschen richtet. Synagogen, Schulen und Gemeindezentren stehen symbolisch für all das, was manche in diesem Land wieder offen angreifen.

Gießen ist kein Einzelfall. Es reiht sich ein in eine Serie von Angriffen, Bedrohungen und Schmierereien. Was sich verändert hat, ist die Offenheit. Der Hitlergruß vor einer brennenden Synagoge ist kein codiertes Signal. Er ist eine klare Ansage.

Der Staat schuldet mehr als Worte

Der deutsche Staat betont seine historische Verantwortung. Diese Verantwortung endet nicht bei Gedenkreden und Kranzniederlegungen. Sie beginnt im Alltag, beim Schutz jüdischer Einrichtungen, beim konsequenten Vorgehen gegen antisemitische Täter und bei der klaren Benennung von Motiven.

Wenn jüdische Gemeinden öffentlich um mehr Personenschutz bitten müssen, läuft etwas grundlegend falsch. Sicherheit darf keine Gnade sein, sondern ist staatliche Pflicht. Wer jüdisches Leben in Deutschland will, muss es schützen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Von Decebalus2021 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=146684861


Freitag, 16 Januar 2026

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