ARD setzt Aufklärungsfilm über NS-Propaganda spät an, Kritik an programmlicher VerantwortungARD setzt Aufklärungsfilm über NS-Propaganda spät an, Kritik an programmlicher Verantwortung
Der Film „Führer und Verführer“ wird erst um 23.35 Uhr ausgestrahlt. Holocaust-Überlebende und Historiker warnen vor den Folgen begrenzter Reichweite. Es geht nicht um Symbolik, sondern um Wissen, Aufklärung und gesellschaftliche Verantwortung.
Die Entscheidung der ARD, den Film „Führer und Verführer“ erst spät in der Nacht auszustrahlen, hat eine sachlich geführte, aber deutliche Debatte ausgelöst. Konkret geht es um den Sendeplatz am Sonntagabend um 23.35 Uhr, wenige Tage vor dem offiziellen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Der Film analysiert die Mechanismen nationalsozialistischer Propaganda und verbindet dokumentarische Elemente mit Spielszenen. Kritiker sehen in der späten Ausstrahlung eine verpasste Chance, ein breites Publikum zu erreichen.
Zu den prominentesten Stimmen gehört die Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees, Eva Umlauf. Sie bezeichnete die Programmierung als unangemessen und kritisierte, dass ein zentraler Beitrag zur historischen Aufklärung faktisch an den Rand des Programms geschoben werde. Ihre Argumentation ist klar formuliert. Ein Film, der erklärt, wie Propaganda funktioniert und wie demokratische Gesellschaften manipuliert werden können, verliere einen Großteil seiner Wirkung, wenn er nur ein begrenztes Publikum erreiche.
Der Film stammt von Regisseur Joachim Lang und wurde unter anderem vom SWR mitfinanziert. Er ist keine Neuveröffentlichung, wurde international gezeigt und mehrfach diskutiert. Inhaltlich setzt er sich mit der Rolle von Sprache, Bildern und gezielter Inszenierung im Nationalsozialismus auseinander. Ziel ist es, historische Prozesse nachvollziehbar zu machen und ihre Relevanz für die Gegenwart sichtbar werden zu lassen.
Historiker unterstützen die Kritik an der späten Ausstrahlung. Der Stanford-Historiker Thomas Weber warnte vor einem Signal, das von der Programmentscheidung ausgehe. Es gehe nicht um eine Bewertung des Films, sondern um die Frage, welchen Stellenwert historische Aufklärung im Hauptprogramm einnehme. Ein später Sendeplatz bedeute zwangsläufig geringere Reichweite. Geringere Reichweite bedeute, dass vor allem jene erreicht würden, die sich ohnehin aktiv mit Geschichte beschäftigen.
Die ARD weist den Vorwurf zurück, Erinnerungskultur oder den Kampf gegen Antisemitismus zu vernachlässigen. Programmdirektorin Christine Strobl betonte, man müsse zwischen der Platzierung eines bereits veröffentlichten Kinofilms und der aktuellen Berichterstattung über Antisemitismus unterscheiden. Als Reaktion auf die öffentliche Debatte kündigte sie ein zusätzliches „ARD Extra“ am 27. Januar um 20.15 Uhr an. In dieser Sendung soll es um die Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland gehen, um Antisemitismus, Unsicherheit und gesellschaftliche Entwicklungen. Interviewgast ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Darüber hinaus plant die ARD, die Gedenkstunde aus dem Bundestag live zu übertragen und rund um den Gedenktag weitere Dokumentationen in der Mediathek prominent zu platzieren. Aus Sicht des Senders ergibt sich daraus ein umfassendes Angebot zur historischen und aktuellen Auseinandersetzung.
Kritiker halten dennoch an ihrem zentralen Punkt fest. Zusatzformate und Mediathek-Angebote könnten eine breite Ausstrahlung im Hauptprogramm nicht ersetzen. Reichweite sei kein technisches Detail, sondern Teil des publizistischen Auftrags. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk solle nicht nur bereitstellen, sondern aktiv erreichen. Gerade Menschen, die sich nicht gezielt mit Geschichte befassen, würden durch späte Sendezeiten ausgeschlossen.
Dabei geht es nicht um eine direkte Schuldzuweisung oder um pauschale Vorwürfe. Es geht um einen Zusammenhang, den Medienforscher seit Jahren beschreiben. Gesellschaftliches Wissen entsteht dort, wo Inhalte sichtbar sind. Wenn historische Aufklärung nur eingeschränkt wahrgenommen wird, wächst das Risiko von Vereinfachung, Verzerrung und Desinformation. Extremistische Ideologien profitieren weniger von aktiver Überzeugung als von fehlender Einordnung.
Die Kritik von Überlebenden und Historikern zielt daher auf Verantwortung, nicht auf Unterstellung. Sie fordert eine Abwägung, welche Inhalte zu welcher Zeit gesendet werden und welche gesellschaftliche Wirkung damit verbunden ist. Der Film „Führer und Verführer“ wird ausgestrahlt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sichtbar.
Die Debatte zeigt, wie sensibel Programmentscheidungen in einem öffentlich-rechtlichen System sind. Erinnerung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern Teil der politischen Gegenwart. Wie sie vermittelt wird, entscheidet darüber, wer sie erreicht. Genau darin liegt der Kern der Auseinandersetzung.
Autor: Bernd Geiger
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Donnerstag, 22 Januar 2026