27. Januar 2026: Erinnerung darf nicht bequem werden27. Januar 2026: Erinnerung darf nicht bequem werden
Am 27. Januar gedenkt Deutschland der Opfer der Shoah. Doch zwischen Gedenkreden und symbolischen Gesten wächst erneut Judenhass. Erinnerung verliert ihren Sinn, wenn sie keine Haltung mehr verlangt.
Der 27. Januar ist kein gewöhnlicher Gedenktag. Er markiert die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945. Mit ihr wurde sichtbar, was bis dahin kaum vorstellbar schien: der systematische Mord an Millionen Juden, organisiert durch einen modernen Staat, getragen von Behörden, Verwaltungen, Juristen, Ärzten und einer Gesellschaft, die zu lange schwieg.
Mehr als achtzig Jahre später ist Auschwitz Geschichte. Doch die Fragen, die daraus entstehen, sind es nicht.
Denn der Holocaust war kein plötzliches Verbrechen. Er begann nicht mit Gaskammern. Er begann mit Worten. Mit Ausgrenzung. Mit dem schrittweisen Verlust von Rechten. Mit der Gewöhnung daran, dass Juden als anders, als störend, als Problem dargestellt wurden. Der Mord kam erst, als diese Sichtweise längst akzeptiert war.
Gerade deshalb genügt es nicht, jedes Jahr Kränze niederzulegen und bekannte Sätze zu wiederholen. Erinnerung verliert ihren Wert, wenn sie zur Routine wird. Wenn sie nichts mehr fordert. Wenn sie nicht mehr wehtut.
Heute wächst in Europa erneut eine Feindseligkeit gegenüber Juden. Nicht flächendeckend, nicht überall gleich, aber deutlich messbar. Jüdische Einrichtungen stehen unter Polizeischutz. Jüdische Familien überlegen, ob sie religiöse Symbole zeigen. Viele vermeiden öffentliche Debatten, weil jede Äußerung zur eigenen Identität sofort politisiert wird.
Das ist keine historische Parallele, aber ein Warnsignal.
Antisemitismus tritt heute oft nicht offen auf. Er tarnt sich. Er nennt sich Kritik, Aktivismus oder Moral. Juden werden nicht mehr pauschal beschimpft, sondern kollektiv in Verantwortung genommen. Für Entscheidungen, für einen Staat, für Entwicklungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
Wer sich jüdisch zeigt, muss sich erklären. Wer schweigt, gilt als verdächtig. Wer widerspricht, wird ausgegrenzt. Das erzeugt Druck und genau dieser Druck ist der Anfang jeder gesellschaftlichen Verrohung.
Besonders deutlich wird das im Umgang mit Israel. Kritik an Politik ist legitim. Sie gehört zur Demokratie. Doch in vielen Debatten geht es längst nicht mehr um konkrete Entscheidungen, sondern um die grundsätzliche Infragestellung jüdischer Selbstbestimmung.
Israel wird dabei nicht wie andere Staaten behandelt. Es gelten andere Maßstäbe, andere Begriffe, andere moralische Erwartungen. Das ist keine zufällige Schieflage. Es ist Ausdruck eines Problems, das nicht politisch, sondern gesellschaftlich ist.
Der jüdische Staat ist für viele Juden Teil ihrer Identität, unabhängig von Regierung oder Parteipolitik. Wer diese Verbindung leugnet oder delegitimiert, greift jüdisches Selbstverständnis an. Das ist kein Meinungsstreit, sondern eine Grenzüberschreitung.
Der 27. Januar erinnert daran, wohin solche Grenzverschiebungen führen können.
Hinzu kommt, dass die Generation der Überlebenden nahezu verschwunden ist. Menschen wie Margot Friedländer haben bis zuletzt erzählt, nicht um Schuld zuzuweisen, sondern um Verantwortung weiterzugeben. Mit ihrem Tod endet die unmittelbare Begegnung mit Geschichte.
Was bleibt, sind Texte, Bilder und Archive. Doch ohne persönliche Stimmen wird Erinnerung anfälliger für Verharmlosung, Verdrehung und Missbrauch. Geschichte wird diskutierbar, relativierbar, formbar.
Gerade deshalb ist dieser Tag heute wichtiger als früher.
Er verlangt keine Schuldgesten. Er verlangt Klarheit. Eine Gesellschaft muss in der Lage sein, Judenhass zu erkennen, auch wenn er sich modern ausdrückt. Sie muss bereit sein, Widerspruch auszuhalten, wenn moralische Gewissheiten bequem geworden sind.
Erinnerung bedeutet nicht, sich ständig selbst zu verurteilen. Sie bedeutet, aufmerksam zu bleiben. Grenzen zu ziehen. Nicht zu schweigen, wenn Minderheiten wieder unter Druck geraten.
Auschwitz war kein Unfall der Geschichte. Es war das Ergebnis von Gleichgültigkeit, Anpassung und dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden.
Der 27. Januar erinnert daran, dass genau diese Haltung gefährlich ist.
Nicht gestern. Heute.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By U.S. Space Force graphic by Senior Airman Tiarra Sibley - This image was released by the United States Air Force with the ID 240127-F-GJ070-1001 (next).This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing.العربية ∙ বাংলা ∙Bahaso Jambi ∙Deutsch ∙ Deutsch (Sie-Form) ∙ English ∙ español ∙ euskara ∙ فارسی ∙ français ∙ italiano ∙ 日本語 ∙ 한국어 ∙ македонски ∙ മലയാളം ∙ Plattdüütsch ∙ Nederlands ∙ polski ∙ پښتو ∙ português ∙ русский ∙ slovenščina ∙ svenska ∙ Türkçe ∙ українська ∙ 简体中文 ∙ 繁體中文 ∙ +/−, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=172175079
Dienstag, 27 Januar 2026