Der Moment, in dem Deutschland nicht mehr wegsehen konnteDer Moment, in dem Deutschland nicht mehr wegsehen konnte
1979 veränderte eine Fernsehserie das Selbstbild der Bundesrepublik grundlegend. Mit „Holocaust“ begann eine Auseinandersetzung, die Jahrzehnte zu spät kam, aber unausweichlich war. Was damals geschah, wirkt bis heute nach.
Es gibt wenige Augenblicke, in denen ein ganzes Land innehält. Einer dieser Momente ereignete sich im Januar 1979, nicht auf einem politischen Gipfel, nicht im Bundestag, sondern vor den Fernsehgeräten. Millionen Deutsche sahen eine Serie, die sie nicht sehen wollten. Und doch sehen mussten.
Die US-amerikanische Produktion „Holocaust“ erzählte in vier Teilen das Schicksal einer jüdischen Familie während der nationalsozialistischen Verfolgung. Keine Dokumentation, kein nüchterner Bericht, sondern eine erzählte Geschichte. Genau das machte sie so verstörend. Zum ersten Mal wurde der industrielle Mord an den europäischen Juden nicht abstrakt erklärt, sondern emotional erfahrbar gemacht.
Bis dahin hatte sich die Bundesrepublik zwar offiziell zur historischen Verantwortung bekannt, doch im Alltag blieb vieles unausgesprochen. Der Nationalsozialismus galt als abgeschlossenes Kapitel, der Blick richtete sich nach vorn. Schuld wurde verwaltet, aber selten empfunden. Die Opfer kamen vor, aber meist ohne Gesichter.
Die Entscheidung, diese Serie auszustrahlen, war hoch umstritten. Innerhalb der ARD gab es massiven Widerstand. Vor allem konservative Stimmen warnten vor einer erneuten „Belastung“ der Bevölkerung. Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß spielte dabei eine zentrale Rolle. Sein Argument lautete sinngemäß, man dürfe sich nicht weiter selbst zum Opfer machen. Dahinter stand ein weit verbreitetes Denken jener Zeit: Irgendwann müsse doch Schluss sein.
Doch genau dieser Wunsch nach Schlussstrich war Teil des Problems.
Selbst unter den Befürwortern herrschte Unsicherheit. Die ästhetische Form der Serie war ungewohnt. Darf man den Holocaust erzählen wie einen Spielfilm? Darf man Gefühle erzeugen, wo es um Mord, Deportation und Vernichtung geht? Günter Rohrbach, damals Fernsehspielchef des WDR, entschied sich dennoch dafür. Nicht aus Überzeugung für die Form, sondern aus Verantwortung für den Inhalt.
Für die deutsche Ausstrahlung wurde das Ende bewusst verändert. In der amerikanischen Fassung bleibt die Familie des Täters emotional zusammen. Für Rohrbach war das unerträglich. Ein versöhnlicher Abschluss erschien ihm unangebracht. Deutschland, so seine Überzeugung, habe dieses Gefühl der Erleichterung nicht verdient.
Als die Serie ausgestrahlt wurde, brach etwas auf, das lange verschlossen war. Die Sender wurden mit Anrufen überflutet. Menschen weinten, schwiegen, stellten Fragen. Junge Zuschauer wollten wissen, was ihre eigenen Großeltern getan hatten. Nicht aus Anklage, sondern aus Unsicherheit. Zum ersten Mal wurde die Vergangenheit nicht als Geschichte der anderen wahrgenommen, sondern als Teil der eigenen Familie.
Diese Reaktion war kein Zufall. Die Serie traf eine Generation, die begonnen hatte, Fragen zu stellen. Die Kinder der Nachkriegszeit wollten wissen, warum so vieles verschwiegen worden war. „Holocaust“ lieferte keinen historischen Lehrplan, aber einen emotionalen Zugang, der bis dahin fehlte.
In der Folge veränderte sich die deutsche Erinnerungskultur grundlegend. Der Begriff „Holocaust“ selbst wurde erst durch diese Ausstrahlung fest im deutschen Sprachgebrauch verankert und später zum Wort des Jahres 1979 gewählt. Schulen, Medien und Politik begannen intensiver, offener und persönlicher über den Völkermord zu sprechen.
Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 1945, wurde 1996 offizieller Gedenktag in Deutschland. Seit 2005 wird er international begangen. Doch dieser staatliche Rahmen wäre ohne die gesellschaftliche Erschütterung der späten siebziger Jahre kaum denkbar gewesen.
Die Serie markierte keinen Abschluss, sondern einen Anfang. Sie zwang Deutschland, nicht nur zu erinnern, sondern sich selbst zu befragen. Wer waren wir? Wer hat geschwiegen? Wer profitiert? Und was bedeutet Verantwortung, wenn die Täter tot, die Folgen aber lebendig sind?
Heute, in einer Zeit, in der antisemitische Narrative wieder salonfähig werden, wirkt dieser Wendepunkt aktueller denn je. Erinnerung ist kein Besitz, den man einmal erwirbt und dann verwahrt. Sie muss immer wieder verteidigt werden, gegen Müdigkeit, gegen Relativierung, gegen Gleichgültigkeit.
Die Serie „Holocaust“ war unbequem. Genau deshalb war sie notwendig. Sie nahm Deutschland die Möglichkeit, sich weiter hinter Zahlen, Begriffen und Distanz zu verstecken. Sie machte sichtbar, dass Erinnerung nicht nur Pflicht ist, sondern Zumutung.
Und vielleicht ist genau das ihr bleibender Wert.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: symboldbild:Von Photographed by a stringer of SS newspaper "Das Schwarze Korps" - United States Holocaust Memorial Museum, Fotografie #83718, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2534404
Dienstag, 27 Januar 2026