Symbolprojekt am Ende: Das Restaurant Kanaan und die Illusion vom unpolitischen FriedenSymbolprojekt am Ende: Das Restaurant Kanaan und die Illusion vom unpolitischen Frieden
Jahrelang galt das Berliner Restaurant Kanaan als Beweis dafür, dass Koexistenz auch im Alltag funktionieren kann. Nun meldet das Vorzeigeprojekt Insolvenz an. Der Grund liegt tiefer als steigende Kosten oder sinkende Gästezahlen.
Es war mehr als ein Restaurant. Das Kanaan im Berliner Prenzlauer Berg wurde über Jahre hinweg zu einem politischen Ort, ohne offiziell politisch sein zu wollen. Israelis und Palästinenser kochten gemeinsam, erzählten von Dialog, Begegnung und Verständigung. Für viele galt das Lokal als Gegenentwurf zu den Bildern aus dem Nahen Osten, als Hoffnung im Kleinen, als Symbol dafür, dass das Miteinander möglich sei, wenn man es nur wolle.
Nun ist dieses Symbol zerbrochen.
Die Betreiber Oz Ben David und Jalil Dabit haben Insolvenz angemeldet. Der tägliche Restaurantbetrieb wird eingestellt. Was bleibt, ist ein Name, der weiterleben soll, und eine Frage, die unbequemer ist als jede betriebswirtschaftliche Erklärung: War das Kanaan von Anfang an überfordert von der Realität, die es ausblenden wollte?
Offiziell nennen die Betreiber steigende Kosten, Personalmangel, wirtschaftliche Unsicherheit und schwankende Besucherzahlen. Gründe, die viele Gastronomiebetriebe in Deutschland derzeit nennen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass diese Erklärung nicht ausreicht.
Denn das Kanaan war kein gewöhnliches Restaurant.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Besucher blieben aus. Veranstaltungen wurden abgesagt. Die Stimmung kippte. Was zuvor als Ort der Verständigung gefeiert wurde, geriet plötzlich zwischen die Fronten einer aufgeheizten Gesellschaft, in der Neutralität kaum noch akzeptiert wird.
Das zeigte sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ganz konkret. Im Sommer 2024 wurde das Restaurant Ziel eines schweren Vandalismusangriffs. Fenster wurden beschädigt, das Lokal verwüstet. Die Botschaft war eindeutig. Selbst Orte, die sich dem Dialog verschrieben haben, sind nicht geschützt, wenn jüdisches Leben sichtbar wird.
Dass ausgerechnet ein Projekt, das jahrelang für Versöhnung stand, in diesem Klima nicht mehr tragen konnte, ist kein Zufall. Es ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen in Deutschland.
Das Kanaan wurde gefeiert, solange Frieden abstrakt blieb. Solange Dialog keine klare Haltung verlangte. Solange niemand gezwungen war, sich zur Realität von Terror, Gewalt und Antisemitismus zu verhalten.
Doch seit dem 7. Oktober ist genau das nicht mehr möglich.
Wer heute jüdisch ist, wer israelisch ist oder wer sich weigert, Israel pauschal zu delegitimieren, steht unter Rechtfertigungsdruck. Auch dann, wenn er sich ausdrücklich für Verständigung einsetzt. Das Kanaan wurde damit ungewollt zum Symbol eines Konflikts, den man in Deutschland gern moralisch diskutiert, aber selten konsequent aushält.
Politische Anerkennung erhielt das Projekt dennoch. Der Besuch des Regierenden Bürgermeisters, Auszeichnungen wie der Moses Mendelssohn Preis, wohlmeinende Worte. Doch all das schützt nicht vor leer bleibenden Tischen, nicht vor Angst, nicht vor gesellschaftlicher Isolation.
Die Insolvenz ist deshalb mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung. Sie markiert eine Grenze.
Die Betreiber sprechen selbst davon, dass dies kein Scheitern sei, sondern ein Eingeständnis dessen, was nicht mehr tragbar ist. Dieser Satz wirkt ehrlich. Und zugleich bitter. Denn er offenbart, wie schwer es geworden ist, jüdisch-arabische Zusammenarbeit sichtbar zu leben, ohne politisch instrumentalisiert oder angefeindet zu werden.
Dass der Name Kanaan weitergeführt werden soll, in Form von Pop-ups, Bildungsprojekten oder Veranstaltungen, zeigt den Willen, nicht vollständig aufzugeben. Doch es zeigt auch, dass der Alltag, das tägliche Miteinander, das einfache gemeinsame Essen, nicht mehr möglich scheint.
Das ist vielleicht die härteste Erkenntnis.
Nicht, weil Dialog unmöglich wäre. Sondern weil er in einer Atmosphäre gedeiht, die derzeit fehlt. Vertrauen. Sicherheit. Ehrlichkeit.
Das Ende des Restaurantbetriebs ist kein Einzelfall. Es ist Teil einer Entwicklung, in der jüdische Sichtbarkeit in Deutschland wieder zur Belastung wird und Projekte, die Brücken bauen wollten, zwischen den Trümmern politischer Radikalisierung stehen bleiben.
Das Kanaan wollte beweisen, dass Koexistenz funktioniert. Seine Insolvenz zeigt nun, wie zerbrechlich diese Hoffnung geworden ist.
Nicht wegen der Küche. Nicht wegen der Betreiber. Sondern wegen einer Gesellschaft, die Frieden gern feiert, solange er nichts kostet.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild
Mittwoch, 28 Januar 2026