Wir brauchen Ihre Hilfe: haOlam.de arbeitet ohne Verlag. Damit wir unsere Arbeit in gewohnter Qualität fortsetzen und laufende Aufgaben abschließen können, sind wir weiter auf Unterstützung angewiesen.
Zwischen NS-Vergleichen und Menschenverachtung: Der Alltag unter Israel-Beiträgen

Zwischen NS-Vergleichen und Menschenverachtung: Der Alltag unter Israel-Beiträgen


Unter einem Beitrag über ein pro-palästinensisches Protestcamp auf einem historischen Deportationsplatz in Hamburg entlud sich erneut eine Welle aus Israelhass, Relativierungen und antisemitischen Narrativen. Die eigentliche Erschütterung liegt jedoch woanders: Für jüdische Medien und deutsch-israelische Seiten ist genau das längst Alltag geworden.

Zwischen NS-Vergleichen und Menschenverachtung: Der Alltag unter Israel-Beiträgen
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es beginnt oft harmlos. Ein neuer Artikel geht online. Ein Beitrag über Israel, Antisemitismus oder jüdisches Leben in Deutschland wird veröffentlicht. Anfangs kommen sachliche Kommentare. Zustimmung, Kritik, Diskussionen. Doch nach kurzer Zeit verändert sich der Ton. Aus Debatten werden Vorwürfe. Aus Vorwürfen wird Verachtung. Dann folgen die ersten NS-Vergleiche, die ersten offenen Hasskommentare, die ersten Relativierungen von Terror und irgendwann der Punkt, an dem man merkt, dass es längst nicht mehr nur um Politik geht.

Wer solche Kommentarspalten nur gelegentlich sieht, hält vieles vielleicht für einzelne Ausrutscher. Wer jedoch seit Jahren ein deutsch-israelisches Magazin betreibt, erkennt irgendwann ein Muster. Genau dieses Muster wurde unter dem Beitrag über das pro-palästinensische Protestcamp auf der Hamburger Moorweide erneut sichtbar.

Ausgerechnet auf einer Fläche, von der während der NS-Zeit Juden sowie Sinti und Roma deportiert wurden, entstand ein Camp, das viele jüdische Stimmen als bewusste Provokation empfinden. Doch noch verstörender als das Camp selbst war das, was anschließend unter dem Beitrag geschah.

Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich die Kommentarspalte zu einem Spiegel einer gesellschaftlichen Entwicklung, über die in Deutschland viel zu wenig ehrlich gesprochen wird. Israel wurde dort nicht bloß kritisiert. Der jüdische Staat wurde dämonisiert. Kommentatoren sprachen von „Nazis“, „Kindermördern“, „Genozid“, „Apartheid“ oder „SS“. Israel wurde mit dem Holocaust verglichen, Hamas relativiert und jüdischen Menschen indirekt die Verantwortung für Kriege und Leid zugeschrieben.

Besonders erschütternd war dabei nicht nur die Härte vieler Aussagen, sondern ihre völlige Selbstverständlichkeit. Viele dieser Kommentare kamen nicht von anonymen Trollprofilen. Sie wurden öffentlich unter Klarnamen geschrieben. Menschen tippten solche Sätze offenbar ohne Angst vor Konsequenzen, ohne Scham und oft ohne jedes erkennbare Mitgefühl.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Veränderung seit dem 7. Oktober 2023. Antisemitismus existierte auch vorher. Wer sich länger mit jüdischem Leben in Deutschland beschäftigt, weiß das. Schon vor Jahren wurden jüdische Einrichtungen beschimpft, bedroht oder angegriffen. Auch unter Israel-Beiträgen gab es immer wieder Hass und Dämonisierung. Doch seit dem Hamas-Massaker scheint etwas gekippt zu sein.

Die Hemmschwelle ist gefallen.

Was früher oft versteckt formuliert wurde, wird heute offen ausgesprochen. Menschen vergleichen Israel öffentlich mit den Nationalsozialisten. Sie sprechen jüdischen Menschen Empathie ab. Sie relativieren antisemitische Gewalt oder erklären sogar offen, dass jüdische Sorgen sie nicht interessieren. Manche schreiben, Juden würden „übertreiben“. Andere behaupten, Israel kontrolliere Medien oder Politik. Wieder andere verbreiten Verschwörungserzählungen über angebliche geheime Pläne oder eine „zionistische Propagandamaschinerie“.

Und genau an diesem Punkt geht es nicht mehr um normale politische Kritik.

Kritik an israelischer Politik gehört selbstverständlich zu einer demokratischen Debatte. Israel selbst ist ein Land mit harten inneren Auseinandersetzungen, Protestbewegungen und kontroversen Diskussionen. Doch zwischen Kritik und Entmenschlichung liegt ein Unterschied. Zwischen politischer Debatte und historischer Täter-Opfer-Umkehr ebenfalls.

Wer Israel mit dem Holocaust gleichsetzt, relativiert die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen. Wer Juden kollektiv für Kriege verantwortlich macht oder von jüdischen Gemeinden verlangt, sich öffentlich zu distanzieren, misst Menschen plötzlich mit anderen Maßstäben als allen anderen Gruppen der Gesellschaft. Und wer Terror relativiert oder feiert, verlässt endgültig den Boden jeder ernsthaften Diskussion.

Das eigentlich Bedrückende ist jedoch etwas anderes: die Gewöhnung daran.

Viele Betreiber jüdischer oder deutsch-israelischer Seiten lesen solche Kommentare inzwischen fast täglich. Nicht einmal im Monat. Nicht nur nach großen Eskalationen. Sondern ständig. Unter Beiträgen über Geiseln. Unter Meldungen über antisemitische Angriffe. Unter Artikeln über jüdisches Leben in Deutschland. Selbst unter Berichten über ermordete oder bedrohte Juden erscheinen oft sofort Relativierungen, Spott oder Schuldumkehr.

Die Öffentlichkeit sieht davon meist nur einen kleinen Teil. Denn vieles wird gelöscht. Beleidigungen, Gewaltfantasien oder offen antisemitische Aussagen verschwinden oft schnell wieder. Doch wer moderiert, sieht alles. Und genau das verändert etwas in Menschen.

Es verändert den Blick auf die Gesellschaft.

Denn irgendwann stellt man sich automatisch Fragen, die man sich früher vielleicht nie gestellt hätte. Wie sicher ist ein Land eigentlich noch, wenn Menschen ohne jede Hemmung Juden oder Israel dämonisieren? Was bedeutet es, wenn historische NS-Vergleiche tausendfach Zustimmung erhalten? Wie fühlt sich jüdisches Leben an, wenn Hasskommentare alltäglich werden und kaum noch jemanden überraschen?

Noch vor einigen Jahren hätten viele Menschen wahrscheinlich geglaubt, so etwas seien Randerscheinungen extremistischer Gruppen. Heute wirken viele Kommentarspalten wie ein Ort, an dem gesellschaftliche Grenzen verschwimmen. Dort wird nicht mehr diskutiert. Dort wird moralisch vernichtet.

Und trotzdem gibt es einen Punkt, der vielleicht Hoffnung macht.

Dass jüdische und deutsch-israelische Stimmen trotz allem weitermachen.

Denn genau darauf scheinen manche Menschen zu setzen: dass der Druck irgendwann zu groß wird. Dass Betreiber aufgeben. Dass man sich irgendwann nicht mehr traut, offen über Israel, Antisemitismus oder jüdisches Leben zu schreiben. Dass man schweigt, weil die tägliche Welle aus Hass, Relativierung und Verachtung zu belastend wird.

Doch gerade darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre. Dass Aufgeben keine Option sein darf.

Ein deutsch-israelisches Magazin, das seit fast zwei Jahrzehnten existiert, hat erlebt, wie sich gesellschaftliche Debatten verändert haben. Früher gab es Vorurteile, Feindbilder und antisemitische Ressentiments oft unterschwelliger. Heute erscheinen sie offener, aggressiver und enthemmter. Doch genau deshalb ist es wichtiger geworden, darüber zu sprechen.

Nicht um Menschen pauschal zu verurteilen. Nicht um jede Kritik als antisemitisch abzustempeln. Sondern weil eine Gesellschaft sich ehrlich fragen muss, wohin sie sich entwickelt, wenn immer mehr Menschen jede Empathie verlieren, sobald es um Juden oder Israel geht.

Der Hamburger Deportationsplatz steht deshalb inzwischen für mehr als nur einen lokalen Streit über ein Protestcamp. Er ist zu einem Symbol geworden für eine gesellschaftliche Stimmung, die viele Menschen zunehmend beunruhigt. Eine Stimmung, in der historische Sensibilität schwindet, Menschenverachtung alltäglich wird und Antisemitismus sich immer häufiger hinter politischen Schlagworten versteckt.

Und vielleicht sollte genau das jeden nachdenklich machen. Nicht nur Juden. Nicht nur Israelis. Sondern alle, die glauben, dass eine demokratische Gesellschaft irgendwann erkennen muss, wenn sie beginnt, ihre eigene Menschlichkeit zu verlieren.




Autor: Redaktion
Sonntag, 10 Mai 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage