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Entebbe: Die Nacht, in der Israel zeigte, warum es diesen Staat geben muss

Entebbe: Die Nacht, in der Israel zeigte, warum es diesen Staat geben muss


Neue Akten zeigen, wie knapp Israel 1976 zwischen Verhandlung, Erpressung und militärischem Risiko stand. Als Terroristen Juden aussortierten, rang eine Regierung um jedes Leben und traf am Ende eine Entscheidung, die bis heute nachhallt.

Entebbe: Die Nacht, in der Israel zeigte, warum es diesen Staat geben muss
Bildnachweis: IDF Spokesperson's Unit / Quelle / CC BY-SA

Die Legende von EntebbeEntebbe: Israels Geiselbefreiung, die zur Staatsräson wurdeEntebbe ist eine Stadt in Uganda und wurde durch die israelische Geiselbefreiung vom 4. Juli 1976 weltbekannt. Israelische Kommandos retteten dort Geiseln eines entführten Air-France-Fluges.Mehr lesen klingt oft, als sei sie von Anfang an unausweichlich gewesen: ein Flugzeug wird entführt, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen schickt seine Soldaten, die Geiseln werden befreit. Doch die jetzt veröffentlichten Dokumente zeigen eine andere, viel menschlichere Geschichte. Eine Geschichte voller Zweifel, Angst, Zeitdruck, widersprüchlicher Informationen und schwerer Verantwortung. Entebbe war nicht der Triumph eines Staates, der leichtfertig zur Waffe griff. Entebbe war die Entscheidung eines Staates, der wusste: Wenn Juden wieder ausgesondert und bedroht werden, darf ihre Rettung nicht vom guten Willen anderer abhängen.

Am Nachmittag des 27. Juni 1976 begann die Krise. Eine Maschine der Air France war von Tel Aviv nach Paris unterwegs, nach einem Zwischenstopp in Athen. An Bord befanden sich nach den damaligen Angaben rund 140 Passagiere, darunter 83 Israelis. Vier Terroristen brachten das Flugzeug in ihre Gewalt. Um 14.30 Uhr landete die Maschine zunächst in Bengasi in Libyen, später flog sie weiter nach Uganda. In der Nacht zum 28. Juni erreichte sie Entebbe. Die Passagiere wurden aus dem Flugzeug geholt und in einem alten Terminal festgehalten. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete damals, die Volksfront zur Befreiung Palästinas unter George Habash habe die Verantwortung übernommen.

Schon in den ersten Stunden suchte Ministerpräsident Jitzchak Rabin nach politischer Verantwortung. Auf einem Zettel an seinen Büroleiter Eli Mizrahi notierte er, Frankreich müsse für das Schicksal der Israelis in der französischen Maschine verantwortlich gemacht werden. Israel wollte Paris nicht aus der Verantwortung entlassen. Doch bald zeigte sich, dass die Krise nicht wie eine gewöhnliche Flugzeugentführung behandelt werden konnte. Die Terroristen verlangten die Freilassung von 53 Gefangenen in fünf Ländern, darunter 40 in Israel, sechs in Deutschland, fünf in Kenia sowie zwei in der Schweiz und Frankreich. Die Gefangenen sollten nach Entebbe gebracht werden, erst dann sollten die Geiseln freikommen. Ein Ultimatum wurde gesetzt.

In Israel wuchs der Druck. Die Familien der Geiseln flehten Rabin an, sich auf die Forderungen einzulassen. „Menschenleben sind kostbarer als Prinzipien“, schrieben sie. Dieser Satz schneidet bis heute. Er zeigt, wie schwer es ist, in sicherheitspolitischen Kategorien zu sprechen, wenn Familien um ihre Angehörigen bangen. Der Staat musste abwägen, was kaum abzuwägen ist: das Leben einzelner Menschen gegen die Gefahr, durch Nachgeben die nächste Entführung wahrscheinlicher zu machen.

Israel blieb zunächst bei seiner Grundlinie, terroristischer Erpressung nicht nachzugeben. Doch zugleich wurde verhandelt, sondiert, getäuscht und vorbereitet. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus den neuen Akten: Israel entschied nicht blind. Israel gewann Zeit. Nach außen liefen diplomatische Bemühungen, vor allem über Frankreich. Gleichzeitig prüften Militär, Mossad und Regierung, ob eine Rettung überhaupt denkbar war.

Die Freilassung nichtisraelischer Geiseln veränderte die Lage. Die Terroristen trennten die Israelis und Juden von den anderen Passagieren. Für Israel war damit endgültig klar, dass hier nicht nur Bürger eines Staates festgehalten wurden. Hier wiederholte sich ein uraltes Muster: Juden wurden ausgesondert. Genau für diesen Moment war der jüdische Staat gegründet worden.

Am 30. Juni schrieb Verteidigungsminister Schimon Peres an Rabin, eine militärische Operation sei grundsätzlich möglich, aber nicht sofort. Man brauche zwei Nächte und einen Tag ab der Entscheidung. Außerdem bestehe zunächst keine sichere Möglichkeit, die Passagiere zurückzubringen. Zugleich drängte Peres, bei einer Neigung zur militärischen Option sofort zwölf Kämpfer, als Passagiere getarnt, nach Kenia zu schicken, da die entsprechende Flugverbindung nur einmal wöchentlich bestehe. Das war kein Filmstoff. Das war kalte, mühsame, riskante Planung unter Druck.

Parallel versuchte Israel, Ugandas Diktator Idi Amin zu beeinflussen. Baruch Bar-Lev, genannt Borka, der früher als israelischer Militärattaché in Uganda gedient hatte und Amin kannte, rief ihn als Privatperson an. Er appellierte an ihn als jemand, der Menschenleben retten könne. Doch die Gespräche blieben ohne Erfolg. Immer deutlicher wurde: Amin war nicht der neutrale Gastgeber einer Krise, sondern Teil des Problems. Ugandische Soldaten bewachten die Geiseln. Die Terroristen konnten sich in Entebbe nicht ohne staatliche Duldung bewegen.

Am 1. Juli erklärte sich die israelische Regierung bereit, Verhandlungen über die Freilassung von Gefangenen zu führen. Das Ultimatum wurde bis zum 4. Juli verlängert. Doch während diese Gespräche weiterliefen, verdichtete sich in Israel die militärische Möglichkeit. Am Morgen des 3. Juli lagen die Dinge auf dem Tisch. In einer engen Beratung bei Rabin stellte Generalstabschef Motta Gur den Plan und seine Risiken vor. Er bewertete die Chancen als gut. Eine der größten offenen Fragen blieb Kenia: Würde Nairobi eine Betankung oder Versorgung auf dem Weg ermöglichen? Israel konnte nicht offen fragen, ohne die Operation zu gefährden. Rabin rechnete damit, dass Kenia israelische Flugzeuge nicht abweisen würde, falls sie landen müssten.

Um 14 Uhr trat die Regierung in Tel Aviv zusammen. Die Minister wurden zu einer Sitzung gerufen, ohne dass ihnen der genaue Grund genannt wurde. Ihnen wurde der Operationsplan vorgestellt, während nach außen die Verhandlungen weiterliefen. Diese Gespräche dienten nun auch der Täuschung. Am Ende stimmte die Regierung einstimmig zu. Noch am Abend starteten die Flugzeuge mit den Rettungskräften von Scharm el-Scheich in Richtung Entebbe.

Kurz nach Mitternacht, am 4. Juli, landeten die israelischen Maschinen in Uganda. Die Kräfte stürmten das Terminal. Die meisten Geiseln wurden befreit. Es war eine der kühnsten Rettungsoperationen der modernen Geschichte. Doch sie hatte einen hohen Preis. Oberstleutnant Yonatan Netanyahu, der Kommandeur der Einsatzkräfte, fiel. Drei Geiseln starben während der Operation. Dora Bloch, die zuvor krank in ein Krankenhaus in Kampala gebracht worden war, wurde später von Ugandern ermordet.

Unmittelbar mit Beginn der Operation ließ Außenminister Jigal Allon über die israelische Botschaft in Paris eine Botschaft an seinen französischen Kollegen übermitteln. Israelische Kräfte seien in Uganda im Einsatz, nur israelische Kräfte seien beteiligt, Ziel sei ausschließlich die Befreiung der Geiseln und ihre sichere Rückkehr nach Israel. Dieser Satz ist entscheidend. Israel ging nicht nach Entebbe, um Uganda zu erobern, nicht um ein Zeichen der Macht um der Macht willen zu setzen, nicht um Geschichte zu schreiben. Israel ging dorthin, um Menschen aus der Hand von Terroristen zu holen.

Entebbe wurde später zur Legende. Doch gerade die Akten nehmen dieser Legende nichts. Sie machen sie größer. Denn sie zeigen, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Angst zu entscheiden. Rabin, Peres, Gur, die Minister, die Piloten, die Kämpfer und die Geheimdienstleute bewegten sich nicht in Gewissheit. Sie bewegten sich in Nebel, Risiko und moralischer Last.

Fünfzig Jahre später wirkt Entebbe erschreckend aktuell. Nach dem 7. Oktober weiß Israel wieder, was Geiselnahme bedeutet. Wieder wurden Israelis verschleppt. Wieder wurden Familien in quälende Ungewissheit gestoßen. Wieder wurde Terror nicht nur als Mordwerkzeug eingesetzt, sondern als politische Erpressung. Und wieder musste Israel erleben, dass die Welt oft schneller mahnt, als sie hilft.

Rabin sagte nach der Operation sinngemäß, man dürfe sich nicht täuschen. Entebbe sei eine außergewöhnliche Leistung gewesen, aber das Problem sei nicht beendet. Der Terrorismus arbeite weiter. Eine Schlacht sei gewonnen, der Krieg gehe weiter. Dieser Satz ist heute keine Erinnerung. Er ist eine Warnung.

Entebbe zeigt, warum Israel existiert. Nicht als abstrakte Idee. Nicht als diplomatisches Projekt. Sondern als Antwort auf eine alte jüdische Erfahrung: Wenn Juden in Gefahr sind, darf ihr Schicksal nicht länger von anderen entschieden werden. Der jüdische Staat ist das Versprechen, dass jemand kommt.

In Entebbe kam Israel.




Autor: Redaktion
Samstag, 27 Juni 2026

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