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Nationalisten verhöhnen die verbrannten Juden von Jedwabne als „jüdische Lüge“

Nationalisten verhöhnen die verbrannten Juden von Jedwabne als „jüdische Lüge“


Am 85. Jahrestag des Massakers störten polnische Nationalisten das Gedenken und leugneten die Beteiligung polnischer Täter. Ihr Angriff richtet sich nicht gegen eine angebliche Kollektivschuld, sondern gegen eine historisch belegte Wahrheit.

Nationalisten verhöhnen die verbrannten Juden von Jedwabne als „jüdische Lüge“
Bildnachweis: Radosław Tobolski / Quelle

Am 10. Juli wurden in Jedwabne die Namen ermordeter jüdischer Männer, Frauen und Kinder verlesen. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, der polnischen Politik und ausländischer Botschaften erinnerten an die Menschen, die genau 85 Jahre zuvor gedemütigt, geschlagen, zusammengetrieben und schließlich in einer Scheune eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt worden waren.

Nur wenige Meter entfernt versuchten Nationalisten, aus dem Gedenken eine Bühne für Geschichtsfälschung zu machen. Anhänger des rechtsextremen Politikers Grzegorz Braun zeigten ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Genug der jüdischen Lügen. Die Deutschen begingen das Verbrechen in Jedwabne.“ Damit bestritten sie nicht die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft. Sie leugneten den entscheidenden und für Polen schmerzhaften Teil der Geschichte: Polnische Einwohner beteiligten sich an der Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn.

Das polnische Institut für Nationales Gedenken bestätigte zum Jahrestag erneut seine bisherigen Erkenntnisse. Mindestens 340 jüdische polnische Staatsbürger wurden am 10. Juli 1941 ermordet. Die genaue Zahl lässt sich nicht mehr feststellen, weil eine frühere Exhumierung aus Rücksicht auf jüdisches Religionsrecht abgebrochen wurde. Nach den Ermittlungen waren mindestens etwa 40 Polen unmittelbar an dem Verbrechen beteiligt. Die Tat geschah unter deutscher Besatzung, entsprach der von den Nationalsozialisten betriebenen Pogrompolitik und wurde durch die anwesende deutsche Macht ermöglicht und angestiftet. Doch die unmittelbaren Täter kamen auch aus dem Ort und der Umgebung.

Diese Wahrheit ist differenziert und eindeutig zugleich. Nazi-Deutschland schuf die Voraussetzungen, förderte antijüdische Gewalt und beherrschte das Gebiet militärisch und polizeilich. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder einzelne Mord ausschließlich von Deutschen ausgeführt wurde. Wer die Beteiligung polnischer Täter bestreitet, schützt nicht die Würde Polens. Er ersetzt Geschichte durch eine nationale Trosterzählung.

Erinnerung bedeutet keine Kollektivschuld

Israels Botschafter in Polen, Yaakov Finkelstein, stellte während der Gedenkveranstaltung ausdrücklich klar, dass es nicht darum gehe, dem gesamten polnischen Volk eine gemeinsame Schuld zuzuschreiben. Erinnern bedeute, den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückzugeben, historische Tatsachen anzuerkennen und Versuchen der Leugnung entgegenzutreten.

Diese Klarstellung ist notwendig. Polen wurde im September 1939 von Deutschland und der Sowjetunion überfallen, besetzt und aufgeteilt. Millionen polnische Bürger wurden verfolgt und ermordet. Der polnische Staat arbeitete nicht mit Hitler zusammen, sondern hörte unter der Besatzung auf seinem Staatsgebiet faktisch auf zu bestehen. Zahlreiche Polen riskierten und verloren ihr Leben, weil sie Juden versteckten oder ihnen bei der Flucht halfen.

All das gehört zur Wahrheit. Es löscht jedoch Jedwabne nicht aus.

Es ist keine Beleidigung Polens, anzuerkennen, dass es neben Rettern, Widerstandskämpfern und Opfern auch Täter, Helfer, Plünderer und Nachbarn gab, die sich an der Verfolgung von Juden beteiligten. Eine reife Erinnerungskultur muss beides aushalten. Sie würdigt jene Polen, die Juden retteten, ohne deshalb die Beteiligung anderer Polen an einem Massenmord zu verschweigen.

Auch der amerikanische Botschafter Tom Rose betonte, Jedwabne sei nicht die Regel im besetzten Polen gewesen. Zugleich ehrte er die Opfer und erinnerte an Tausende Polen, die jüdischen Nachbarn halfen. Gerade diese Unterscheidung nimmt den Nationalisten ihren bevorzugten Vorwand. Niemand muss Polen zu einer Nation von Tätern erklären, um die Täter von Jedwabne zu benennen.

Das polnische Außenministerium würdigte die ermordeten jüdischen Bürger des Landes und bezeichnete das Verbrechen als Beispiel dafür, wohin AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, ethnische Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit führen können. Die Erkenntnisse der staatlichen Ermittler seien ein unverzichtbarer Teil des Verständnisses der gemeinsamen polnisch-jüdischen Geschichte.

Damit bezog der polnische Staat eine verantwortliche Position. Umso bedrückender ist, dass eine Bewegung, die sich selbst als besonders patriotisch bezeichnet, diese staatlich dokumentierte Geschichte als „jüdische Lüge“ verunglimpft.

Braun macht Antisemitismus zur politischen Bühne

Grzegorz Braun sprach bei der Gegenveranstaltung nicht nur von einer angeblichen Lüge über Jedwabne. Er griff auch den polnischen Oberrabbiner Michael Schudrich an, bezeichnete ihn als Betrüger und verlangte seine Verhaftung, Verurteilung und spätere Ausweisung aus Polen. Außerdem verwendete Braun den Ausdruck „Å»ydokomuna“, auf Deutsch etwa „Judenkommunismus“. Dahinter steht die antisemitische Verschwörungserzählung, Juden seien gemeinschaftlich für die kommunistische Herrschaft und deren Verbrechen verantwortlich.

Die Methode ist alt. Zuerst werden einzelne Juden oder Kommunisten zu einem angeblichen jüdischen Kollektiv verbunden. Anschließend wird dieses Kollektiv für historische Verbrechen verantwortlich gemacht. Am Ende erscheinen jüdische Opfer nicht mehr als Ermordete, sondern als Angehörige einer angeblich schuldigen Gruppe. So wird aus der Erinnerung an verbrannte Familien eine Debatte darüber, ob Juden ihren Tod vielleicht selbst mitverschuldet hätten.

Braun bezeichnete auch die antisemitischen PogromePogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen von Rzeszów, Krakau und Kielce nach dem Zweiten Weltkrieg als Lügen. Er sprach damit nicht über offene wissenschaftliche Fragen, sondern erklärte eine ganze Folge dokumentierter antijüdischer Gewalttaten zu Erfindungen.

Bereits ein Jahr zuvor hatte Braun während des Jedwabne-Gedenkens für einen schweren Zwischenfall gesorgt. Seine Anhänger bedrängten Oberrabbiner Schudrich und blockierten dessen Fahrzeug, bis die Polizei eingriff. Ebenfalls 2025 erklärte Braun in einem Interview die Gaskammern von AuschwitzShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen für erfunden und griff auf die jahrhundertealte Ritualmordlegende zurück. 2026 hob das Europäische Parlament seine Immunität im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen auf.

Das ist kein vereinzelter Ausrutscher und keine ungeschickte Wortwahl. Es ist ein politisches Programm, das Aufmerksamkeit durch Angriffe auf jüdische Erinnerung gewinnt. Braun stellt sich als Verteidiger der polnischen Ehre dar, während er ausgerechnet jene Polen missachtet, die sich ehrlich mit der Geschichte ihres Landes auseinandersetzen.

Wahre nationale Würde entsteht nicht durch Leugnung. Sie zeigt sich darin, Verantwortung dort anzuerkennen, wo sie belegt ist, ohne sich eine erfundene Kollektivschuld aufzwingen zu lassen. Polen kann zugleich Opfer deutscher Besatzung gewesen sein, einen bewundernswerten Widerstand geleistet haben und anerkennen, dass polnische Bürger in Jedwabne jüdische Nachbarn ermordeten. Diese Tatsachen widersprechen einander nicht.

Die Opfer von Jedwabne wurden nicht abstrakt von „der Geschichte“ getötet. Es waren Menschen aus einer Stadt, die ihre Nachbarn kannten. Ihre Häuser, Geschäfte, Stimmen und Familien gehörten zu Jedwabne. Am 10. Juli 1941 wurden sie auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Sie wurden geschlagen und erniedrigt. Schließlich wurden sie in eine Scheune gezwungen und verbrannt.

85 Jahre später stehen wieder Menschen an diesem Ort und erklären, das Wissen darüber sei eine jüdische Lüge.

Das ist keine Suche nach historischer Genauigkeit. Es ist der Versuch, die Opfer ein zweites Mal aus der Geschichte zu vertreiben. Der erste Angriff nahm ihnen das Leben. Der heutige Angriff soll ihnen die Wahrheit über ihren Tod nehmen.




Autor: Redaktion
Sonntag, 12 Juli 2026

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