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Schongauer Schulangriff: Mutmaßliches Täter-Manifest ist von Judenhass und Vernichtungsfantasien durchzogen

Schongauer Schulangriff: Mutmaßliches Täter-Manifest ist von Judenhass und Vernichtungsfantasien durchzogen


Der 16-jährige Beschuldigte war bereits wegen Drohungen und der Verherrlichung von Amokläufen aufgefallen. Nun zeigt ein mutmaßlich von ihm verfasstes Dokument, welche zentrale Rolle antisemitische Verschwörungsideologien bei der Tat gespielt haben könnten.

Schongauer Schulangriff: Mutmaßliches Täter-Manifest ist von Judenhass und Vernichtungsfantasien durchzogen
Bildnachweis: Pixabay

Eine Woche nach dem schweren Angriff am Welfen-Gymnasium im oberbayerischen Schongau verdichten sich die Hinweise auf ein extremistisches Tatmotiv. Ein 19 Seiten umfassendes Dokument, das dem mutmaßlichen Täter zugerechnet wird, ist von antisemitischen Verschwörungsvorstellungen, Vernichtungsfantasien und sexualisierten Gewaltvorstellungen durchzogen.

Die Recherche- und Informationsstelle AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen Bayern hat das englischsprachige Dokument ausgewertet. Nach ihrer Einschätzung spricht sehr viel dafür, dass der Text authentisch ist. Er wurde in einem einschlägigen Internetforum veröffentlicht und enthält persönliche Angaben, die mit dem 16-jährigen Beschuldigten übereinstimmen sollen.

Die Ermittlungsbehörden haben die Verfasserschaft bislang nicht abschließend öffentlich bestätigt. Sie prüfen das Schreiben und weitere digitale Spuren. Wegen der Hinweise auf eine extremistische Tatmotivation hat die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus das Verfahren übernommen.

Zwei Mädchen schwer verletzt

Der Angriff ereignete sich am 8. Juli gegen 12.50 Uhr. Nach Angaben der Polizei soll der Jugendliche auf dem Gelände des Welfen-Gymnasiums eine Schusswaffe und ein Messer bei sich getragen haben.

Mit der Waffe soll ein Schuss abgegeben worden sein. Danach soll der Beschuldigte zwei 13-jährige Schülerinnen mit einem Messer am Oberkörper schwer verletzt haben. Beide Mädchen überlebten. Mitschüler leisteten Erste Hilfe und sollen mit improvisierten Druckverbänden wesentlich dazu beigetragen haben, dass zumindest eines der Opfer nicht verblutete.

Zwei Mitarbeiter der Schule überwältigten den Jugendlichen im näheren Umfeld des Schulkomplexes und übergaben ihn der Polizei. Der 16-Jährige befindet sich in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird wegen des Verdachts des zweifachen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Für ihn gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.

Juden als angebliche unsichtbare Herrscher

Nach der Analyse von RIAS Bayern dient Antisemitismus in dem Dokument nicht nur als eine von mehreren Formen des Hasses. Er bildet das ideologische Gerüst, mit dem der Verfasser seine persönlichen Niederlagen, gesellschaftlichen Konflikte und Gewaltfantasien erklärt.

„Antisemitismus fungiert in dem Text als umfassende Welterklärung und gibt allen als negativ wahrgenommenen Ereignissen im Leben des Autors einen großen Rahmen“, erklärte RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı.

Der Autor beschreibt demnach eine angeblich „verjudete“ Gesellschaft, die durch ein „ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen occupied government“, abgekürzt ZOG, kontrolliert werde. Diese in rechtsextremen und internationalen Terrornetzwerken verbreitete Verschwörungsideologie behauptet, demokratische Regierungen seien in Wahrheit von Juden beziehungsweise „Zionisten“ besetzt und gesteuert.

„Die Juden“ erscheinen in dem Text als unsichtbare, nahezu allmächtige Gruppe, die angeblich politische Parteien, staatliche Institutionen, Medikamente, Religion und sogar Lebensmittel zur Kontrolle der Bevölkerung einsetze. Sämtliche Parteien werden als von Juden finanziert verworfen.

Das Dokument verwendet zahlreiche englischsprachige antisemitische Schmähbegriffe. Europa wird unter anderem als „jewrope“ und Jesus als „jewsus“ bezeichnet. Solche Wortbildungen sind keine belanglosen Provokationen. Sie reduzieren komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf ein allumfassendes jüdisches Feindbild.

Der Angriff als „Zero day“

Besonders schwer wiegt die mögliche Verbindung zwischen dem Text und der späteren Tat. Der Verfasser bezeichnet einen geplanten Angriff als „Zero day“. Dieser solle den angeblich „mit Abstand jüdischsten Ort in Europa“ treffen.

Der Autor kündigt demnach an, keine unmittelbaren Einrichtungen des vermeintlichen „zionistisch besetzten“ Staates anzugreifen. Stattdessen wolle er „die Schafe schlachten“, die zu dessen Aufrechterhaltung beitrügen. Nach Einschätzung von RIAS könnten damit Lehrerinnen und Lehrer gemeint sein.

Sollte bestätigt werden, dass der Beschuldigte das Dokument verfasst und darin seine Tat angekündigt hat, wäre der Angriff nicht lediglich eine spontane Gewalteskalation. Er wäre als vorbereitete Tat zu betrachten, bei der antisemitisches Verschwörungsdenken zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Menschen diente, die selbst nicht jüdisch sein mussten.

Das ist ein entscheidender Punkt: Antisemitische Weltbilder gefährden nicht ausschließlich Juden. Wer an eine angebliche jüdische Weltverschwörung glaubt, kann praktisch jeden Menschen zum Helfer oder Werkzeug dieser erfundenen Macht erklären. Lehrer, Ärzte, Politiker, Journalisten, Frauen oder Mitschüler werden dann zu angeblichen Bestandteilen eines Systems, das vernichtet werden müsse.

Hass auf Juden rahmt weitere Gewaltfantasien

Der Verfasser bezeichnet sich laut RIAS als Gegner der abrahamitischen Religionen und äußert sich auch abwertend über Christen und Muslime. Hinzu kommen Gewaltfantasien gegen Frauen, sexualisierte Foltervorstellungen sowie ein besonders ausgeprägter Hass auf das Leben in ländlichen Regionen.

Das erschwert eine einfache ideologische Einordnung. Der Text lässt sich offenbar nicht vollständig einer klassischen rechtsextremen, islamistischen oder anderen geschlossenen Organisation zuordnen.

RIAS sieht das Dokument vielmehr in der Tradition sogenannter Manifeste aus einer transnationalen, gewaltorientierten Online-Szene. In diesen digitalen Milieus vermischen sich rechtsextreme Codes, Frauenhass, Verschwörungserzählungen, persönliche Kränkungen, Verachtung der Gesellschaft und die Faszination für frühere Attentäter.

Gewalt wird dabei zunehmend zum Selbstzweck. Die Täter oder Tatplaner wollen nicht immer eine klar definierte politische Ordnung errichten. Sie suchen Aufmerksamkeit, Anerkennung in digitalen Subkulturen und die Möglichkeit, ihren Hass durch möglichst öffentlichkeitswirksame Gewalt auszudrücken.

Trotz dieser ideologischen Vermischung bleibt Antisemitismus häufig der verbindende Rahmen. Er liefert eine vermeintliche Erklärung dafür, weshalb das eigene Leben misslingt, weshalb Institutionen als feindlich wahrgenommen werden und warum Gewalt angeblich gerechtfertigt sei.

Der Jugendliche war den Behörden bereits bekannt

Der Fall wirft auch Fragen zum Umgang mit vorausgegangenen Warnzeichen auf. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd war der 16-Jährige den Sicherheitsbehörden bereits vor der Tat bekannt.

Wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025 führte die Staatsanwaltschaft München II ein Ermittlungsverfahren. Der Jugendliche soll Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft bestanden damals jedoch zu keinem Zeitpunkt Haftgründe.

Der Jugendliche war zudem zweimal befristet vom Unterricht ausgeschlossen worden. Nach Gesprächen zwischen Eltern, Lehrern und Schulpsychologen wurde er vom Welfen-Gymnasium abgemeldet und an einer anderen Schule angemeldet. Zumindest zeitweise befand er sich in psychiatrischer Behandlung.

Diese Angaben erklären die Tat nicht und erlauben keine Ferndiagnose. Sie zeigen aber, dass es bereits vor dem 8. Juli mehrere Warnsignale gab. Drohungen gegen Mitschüler und die Verherrlichung von Amokläufen waren bekannt, führten unter den damaligen rechtlichen Voraussetzungen jedoch nicht zu einer Inhaftierung.

Ob andere Schutzmaßnahmen möglich oder geboten gewesen wären, muss anhand der vollständigen Akten geprüft werden. Eine nachträgliche Behauptung, die Behörden hätten die spätere Tat sicher verhindern können, wäre ohne diese Kenntnisse unseriös. Ebenso falsch wäre es, die vorausgegangenen Hinweise nun als bedeutungslos abzutun.

Online-Subkulturen machen aus Hass ein Spiel

Der mutmaßliche Täter soll versucht haben, den Angriff im Internet zu übertragen. Auch diese Angabe wird noch untersucht. Sie würde jedoch zu dem beschriebenen digitalen Milieu passen.

In gewaltorientierten Foren werden frühere Attentäter verehrt, Opferzahlen verglichen und geplante Taten wie Wettbewerbsbeiträge behandelt. „Manifeste“, Livestreams und vorbereitete Bilder sollen dafür sorgen, dass die Tat über den unmittelbaren Tatort hinauswirkt und den Täter in der Szene bekannt macht.

Das Internet erschafft den Hass nicht aus dem Nichts. Es kann aber Menschen mit unterschiedlichen Ressentiments zusammenführen, Gewalt normalisieren und aus persönlichen Krisen eine ideologische Vernichtungsfantasie formen.

Antisemitismus ist für solche Milieus besonders anschlussfähig. Er bietet eine universelle Verschwörungserzählung, in die praktisch jeder Konflikt eingeordnet werden kann. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, schulische Probleme, medizinische Behandlungen, gesellschaftliche Regeln und persönliche Zurückweisung erscheinen dann als Teile eines angeblich von Juden gesteuerten Systems.

Antisemitismus darf nicht erst bei jüdischen Opfern erkannt werden

Die Opfer des Schongauer Angriffs waren zwei 13-jährige Mädchen. Bislang gibt es keine öffentlich bekannte jüdische Verbindung der beiden Schülerinnen. Das macht den möglichen antisemitischen Hintergrund nicht weniger relevant.

Antisemitismus bemisst sich nicht allein an der Identität der unmittelbaren Opfer. Entscheidend ist auch das Weltbild, mit dem ein Täter Menschen auswählt, entmenschlicht und Gewalt rechtfertigt.

Wenn Lehrer als Helfer einer angeblich jüdischen Macht betrachtet werden, können auch nichtjüdische Lehrkräfte zu Zielen antisemitisch begründeter Gewalt werden. Dasselbe gilt für Politiker, Polizisten, Ärzte oder Mitschüler.

Der Fall Schongau zeigt damit eine Entwicklung, die Sicherheitsbehörden, Schulen und Forschung stärker beachten müssen: Antisemitismus erscheint in neuen Gewaltmilieus nicht immer als geschlossenes nationalsozialistisches Weltbild. Er verbindet sich mit Frauenhass, Nihilismus, digitaler Gewaltverherrlichung und persönlicher Rache.

Gerade diese Mischung macht ihn nicht weniger gefährlich. Sie erweitert den Kreis möglicher Opfer.

Die weiteren Ermittlungen müssen klären, ob das Dokument tatsächlich vom Beschuldigten stammt, wann es veröffentlicht wurde, wer darauf Zugriff hatte und welche Rolle es bei der konkreten Tatplanung spielte. Die bisherige Analyse liefert noch kein Gerichtsurteil. Sie zeigt jedoch, dass der extremistische Hintergrund des Angriffs nicht länger als nebensächliche Spur behandelt werden kann.




Autor: Redaktion
Freitag, 17 Juli 2026

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