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Judenhass vor der Grundschule: Drei Meter große Parolen in Pforzheim

Judenhass vor der Grundschule: Drei Meter große Parolen in Pforzheim


Sechs riesige antisemitische und beleidigende Schriftzüge wurden an der Arlingerschule in Pforzheim hinterlassen. Der materielle Schaden beträgt nur 500 Euro, doch die Botschaft trifft einen Ort, an dem Kinder Gemeinschaft und Respekt lernen sollen.

Judenhass vor der Grundschule: Drei Meter große Parolen in Pforzheim
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Unbekannte Täter haben den Zaun des Sportplatzes der Arlingerschule in Pforzheim mit sechs großflächigen Schriftzügen besprüht. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Pforzheim enthielten die Graffiti teilweise antisemitische sowie beleidigende Botschaften. Jeder einzelne Schriftzug war zwischen zwei und drei Meter groß. Die Tat ereignete sich zwischen Dienstag, dem 14. Juli 2026, 16 Uhr, und Mittwoch, dem 15. Juli 2026, 9 Uhr.

Über den genauen Wortlaut informierte die Polizei bislang ebenso wenig wie über mögliche verbotene Zeichen oder einen konkreten politischen Hintergrund. Auch Angaben zur Zahl, zum Alter oder zur möglichen Herkunft der Täter liegen nicht vor. Wer deshalb bereits eine bestimmte Gruppe verantwortlich macht, verlässt den Boden der bekannten Tatsachen. Sicher ist bislang nur: Die Botschaften waren nach Bewertung der Ermittler zum Teil antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, sie wurden gezielt und in kaum übersehbarer Größe am Gelände einer Grundschule angebracht.

Gerade der Tatort macht den Vorfall besonders abstoßend. Die Arlingerschule beschreibt sich selbst als lebendige Lern- und Lebensgemeinschaft, in der soziales Lernen, Selbstständigkeit und Bewegung im Mittelpunkt stehen. An ihrem Zaun wurde nun das Gegenteil hinterlassen: Verachtung statt Gemeinschaft, Einschüchterung statt Verantwortung und antisemitischer Hass statt eines respektvollen Zusammenlebens.

500 Euro Schaden erfassen nicht die wirkliche Tat

Die Polizei beziffert den entstandenen Sachschaden auf etwa 500 Euro. Diese Zahl gehört in den Bericht, sagt über die tatsächliche Bedeutung der Tat aber fast nichts aus. Ein beschädigter Zaun lässt sich reinigen oder neu streichen. Die öffentliche Verbreitung antisemitischer Botschaften ist damit nicht aus der Welt geschafft.

Solche Graffiti richten sich nicht nur gegen eine Oberfläche. Sie tragen Judenhass in den Alltag, machen ihn sichtbar und sollen den Eindruck erwecken, er könne überall hinterlassen werden, selbst an einem Ort für Grundschulkinder. Die Täter wählten keine versteckte Wand in einem verlassenen Gebäude. Sie nutzten den Zaun eines Sportplatzes, an dem Kinder lernen, spielen und täglich vorbeikommen.

Es wäre falsch, aus dem Tatort automatisch zu schließen, dass die Täter gezielt Kinder bedrohen wollten. Dafür gibt es bislang keinen Beleg. Ebenso falsch wäre es jedoch, den Ort als bedeutungslos zu behandeln. Wer Schriftzüge von bis zu drei Metern Größe an einem Schulgelände hinterlässt, nimmt bewusst in Kauf, dass Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Anwohner mit dem Inhalt konfrontiert werden.

Die Größe der Graffiti zeigt zudem, dass es sich nicht um eine kleine, innerhalb weniger Sekunden hinterlassene Schmiererei gehandelt haben dürfte. Sechs Schriftzüge von jeweils zwei bis drei Metern benötigen Platz, Material und Zeit. Ob mehrere Täter beteiligt waren, ist dennoch nicht bekannt. Diese Frage müssen die Ermittlungen beantworten.

Baden-Württemberg erlebt seit dem Terrorangriff der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen einen erheblichen Anstieg antisemitisch motivierter Straftaten. Das Innenministerium des Landes registrierte im gesamten Jahr 2023 insgesamt 668 solcher Taten. Im ersten Halbjahr 2024 waren es bereits 260, gegenüber 81 im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Als Schwerpunkte nannte das Ministerium Sachbeschädigungen und Volksverhetzungsdelikte.

Diese älteren Vergleichszahlen erklären nicht, wer den Zaun der Arlingerschule besprüht hat. Sie zeigen jedoch, dass der Vorfall nicht in einer Gesellschaft geschieht, in der Antisemitismus nur noch eine historische Erinnerung wäre. Er findet in einer Zeit statt, in der jüdische Menschen erneut erleben, dass Hass gegen sie auf Straßen, bei Demonstrationen, im Internet und an öffentlichen Einrichtungen sichtbar wird.

Auch Pforzheim ist davon nicht unberührt. Im Mai 2024 soll ein Mann Teilnehmer einer Stolpersteinverlegung antisemitisch beleidigt und unter anderem zur Ermordung von Juden aufgerufen haben. Unter den Anwesenden befanden sich Schülerinnen und Schüler sowie aus Israel angereiste Angehörige von Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet worden waren. Später wurde gegen den Beschuldigten ein Strafbefehl wegen VolksverhetzungVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen erlassen.

Der aktuelle Fall darf dennoch nicht vorschnell mit früheren Vorfällen verbunden werden. Dafür fehlen Hinweise. Entscheidend ist etwas anderes: Antisemitische Botschaften tauchen nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum auf. Sie werden möglich, wo Judenhass verharmlost, als politische Zuspitzung entschuldigt oder nur dann ernst genommen wird, wenn bereits Menschen unmittelbar bedroht oder angegriffen wurden.

Eine Schule darf kein Anschlagbrett für Hass werden

Eine Grundschule soll Kindern vermitteln, dass Menschen trotz unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebensweise gleichberechtigt miteinander leben können. Antisemitische Graffiti greifen genau diese Grundlage an. Sie sagen nicht nur etwas über Juden aus. Sie vermitteln allen Kindern, die solche Botschaften sehen, dass eine Minderheit öffentlich herabgesetzt werden könne.

Deshalb reicht es nicht, die Schriftzüge zu entfernen und den Vorgang anschließend als gewöhnliche Sachbeschädigung abzulegen. Die Täter müssen ermittelt werden. Ebenso wichtig ist eine altersgerechte pädagogische Reaktion, die den Kindern erklärt, weshalb solche Botschaften nicht bloß „dumme Schmierereien“ sind. Der Hass darf weder durch dramatische Spekulationen vergrößert noch durch sprachliche Verharmlosung verkleinert werden.

Dabei muss die Schule geschützt werden, nicht zum öffentlichen Schauplatz gemacht. Die Polizei hat den Inhalt der Schriftzüge offenbar bewusst nicht verbreitet. Das verhindert, dass die Täter durch eine mediale Vervielfältigung ihrer Parolen zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. Diese Zurückhaltung ist sinnvoll. Über Antisemitismus kann und muss berichtet werden, ohne seine Botschaften unnötig weiterzutragen.

Der Vorfall zeigt zugleich, weshalb Hinweise aus der Bevölkerung wichtig sind. Die Tatzeit erstreckt sich über einen Zeitraum von 17 Stunden. Möglicherweise haben Anwohner, Spaziergänger oder vorbeifahrende Menschen verdächtige Personen, Fahrzeuge oder Geräusche bemerkt, ohne sie zunächst mit einer Straftat in Verbindung zu bringen. Gerade bei großflächigen Graffiti können solche Beobachtungen entscheidend sein.

Das Polizeirevier Pforzheim-Süd bittet Zeugen, sich unter der Telefonnummer 07231 423-8200 zu melden. Wer etwas gesehen hat, sollte dies nicht als belanglose Beobachtung abtun. Sechs bis zu drei Meter große antisemitische Schriftzüge entstehen nicht von selbst. Hinter ihnen stehen Menschen, die ihren Hass sichtbar machen wollten. Es liegt nun an Polizei, Schule und Stadtgesellschaft, dafür zu sorgen, dass sie damit nicht durchkommen.




Autor: Redaktion
Montag, 20 Juli 2026

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