Davidstern unerwünscht: Bonner Pride verspielt seine GlaubwürdigkeitDavidstern unerwünscht: Bonner Pride verspielt seine Glaubwürdigkeit
Ein Student durfte bei der Bonner Pride nur weiterlaufen, wenn er seine Regenbogenfahne mit Davidstern einrollte. Ausgerechnet eine Demonstration gegen Ausgrenzung machte jüdische Sichtbarkeit zur Bedingungssache.

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Sören Habet wollte niemanden provozieren. Der 28 Jahre alte Student trug keine israelische Nationalflagge, rief keine Parolen und störte keine Rede. Er zeigte eine Regenbogenfahne mit einem Davidstern. Seine Botschaft war so einfach wie notwendig: Queere Jüdinnen und Juden gehören dazu.
Auf einer Pride sollte darüber keine Diskussion entstehen.
In Bonn genügte diese Fahne jedoch, um Habet bereits wenige Minuten nach Beginn des Demonstrationszuges vor eine Entscheidung zu stellen. Nach seiner Schilderung forderte ihn eine Vertreterin der Versammlungsleitung auf, das Zeichen nicht weiter zu zeigen. Zunächst wurde dies damit begründet, Nationalflaggen seien unerwünscht. Als Habet darauf hinwies, dass es sich nicht um eine israelische Flagge handelte, folgte nach seinen Angaben eine neue Begründung: Religiöse Symbole seien ebenfalls nicht erwünscht.
Der Davidstern auf einer Regenbogenfahne ist jedoch weder eine Nationalflagge noch bloß Werbung für eine Religionsgemeinschaft. Er steht für jüdische Identität und in diesem Zusammenhang ausdrücklich für queere jüdische Menschen. Die Fahne sagte nicht: Unterstützt diese oder jene Regierung. Sie sagte: Jüdisches und queeres Leben darf sichtbar sein.
Genau diese Sichtbarkeit sollte verschwinden.
Als keine Einigung erzielt wurde, kam die Polizei hinzu. Deren gegenüber der „Bild“-Zeitung wiedergegebene Erklärung lässt kaum Spielraum für eine beschönigende Darstellung: Habet könne ohne die Fahne weiter teilnehmen. Zeige er sie weiter, werde ihn die Versammlungsleitung aus der Demonstration ausschließen. Daraufhin verließ er die Veranstaltung.
Die Veranstalter bestreiten, ihn ausgeschlossen zu haben. Formal mag das stimmen, weil Habet ging, bevor ein endgültiger Ausschluss ausgesprochen wurde. Inhaltlich ist diese Verteidigung schwach. Wer einem Teilnehmer erklärt, er dürfe nur ohne sein Zeichen jüdischer Solidarität bleiben, muss sich nicht darauf zurückziehen, der Betroffene sei schließlich selbst gegangen.
Er ging nicht freiwillig, weil ihm die Veranstaltung nicht gefiel. Er ging, weil er nur unter der Bedingung bleiben durfte, den Davidstern unsichtbar zu machen.
Ausgerechnet die Pride erklärt jüdische Sichtbarkeit zum Problem
Pride Bonn beschreibt sich selbst als inklusive und intersektional gerechte Veranstaltung. Die Organisatoren wollen nach den eigenen Regeln Diskriminierung bekämpfen, Barrieren abbauen und die Repräsentation mehrfach ausgegrenzter Gruppen fördern. In ihrem ausführlichen Wertepapier erklären sie ausdrücklich, weder AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen noch israelbezogenen Antisemitismus zu dulden. Jüdinnen und Juden werden dort als marginalisierte Gruppe bezeichnet, die geschützt werden müsse.
Diese Sätze sind richtig. Doch am 18. Juli hielten sie dem ersten sichtbaren Belastungstest offenbar nicht stand.
Ein nichtjüdischer Student zeigte Solidarität mit queeren Juden, und die Reaktion bestand nicht darin, diese Botschaft zu begrüßen oder wenigstens zu dulden. Stattdessen wurde erst nach einer passenden Begründung gesucht, weshalb die Fahne verschwinden müsse. Zuerst galt sie angeblich als Nationalflagge. Als diese Einordnung nicht überzeugte, wurde der Davidstern zum unerwünschten religiösen Symbol erklärt.
Dieses Wechseln der Begründung ist besonders aufschlussreich. Es entsteht der Eindruck, dass nicht eine klar veröffentlichte und nachvollziehbare Regel auf einen eindeutigen Fall angewendet wurde. Vielmehr stand das Ergebnis offenbar bereits fest: Die Fahne sollte weg. Nur die Begründung musste noch gefunden werden.
Eine solche Schlussfolgerung ist keine Behauptung über die innere Haltung der verantwortlichen Personen. Ob sie antisemitisch dachten, lässt sich von außen nicht feststellen. Entscheidend ist die Wirkung ihres Handelns. Eine Fahne, die queere jüdische Menschen sichtbar machen sollte, wurde nicht akzeptiert. Derjenige, der sie trug, musste sich zwischen seiner Botschaft und seiner Teilnahme entscheiden.
Das ist Ausgrenzung in der Praxis, unabhängig davon, welches Selbstbild die Organisatoren pflegen.
Besonders bitter ist der Vorgang, weil Pride-Veranstaltungen aus dem Recht entstanden sind, die eigene Identität nicht länger verstecken zu müssen. Menschen gingen auf die Straße, weil sie nicht mehr bereit waren, sich anzupassen, zu schweigen oder einen Teil ihrer Persönlichkeit unsichtbar zu machen, damit andere sich nicht gestört fühlen.
In Bonn wurde genau diese Anpassung nun von einem Menschen verlangt, der jüdische Sichtbarkeit verteidigte.
Du darfst dabei sein, aber nicht mit diesem Stern.
Du darfst Solidarität zeigen, aber nur, solange sie niemanden mit jüdischem Leben konfrontiert.
Du darfst queer sichtbar sein, doch jüdische Sichtbarkeit wird zur vermeidbaren Provokation.
Das ist das Gegenteil dessen, was eine Pride verkörpern sollte.
Welche erhebliche Störung ging von dieser Fahne aus?
Die rechtliche Lage ist enger, als es die Stellungnahme der Polizei zunächst erscheinen lässt. Nach Paragraf 6 des nordrhein-westfälischen Versammlungsgesetzes kann eine Versammlungsleitung Personen ausschließen, wenn diese die Ordnung der Versammlung erheblich stören. Bei einer Demonstration unter freiem Himmel ist dafür die Zustimmung der zuständigen Behörde erforderlich.
Damit ist nicht jede Meinungsverschiedenheit gemeint. Auch eine Fahne, die einzelne Teilnehmer ablehnen oder als unangenehm empfinden, wird nicht allein dadurch zu einer erheblichen Störung.
Bislang ist nicht bekannt, dass Habet Gewalt angedroht, andere Teilnehmer beleidigt, den Demonstrationszug blockiert oder den Ablauf behindert hätte. Berichtet wird lediglich über die Fahne und die anschließende Auseinandersetzung mit der Versammlungsleitung. Die entscheidende Frage bleibt deshalb unbeantwortet: Welche erhebliche Störung ging von einer Regenbogenfahne mit Davidstern aus?
Sollte die Gefahr darin bestanden haben, dass andere Teilnehmer aggressiv reagieren könnten, wäre die Konsequenz besonders problematisch. Dann wäre nicht gegen mögliche Störer vorgegangen worden, sondern gegen den Menschen, dessen jüdisches Symbol den Unmut auslösen könnte.
Ein solches Vorgehen belohnt die Drohung der Lauteren. Wer sich nur heftig genug über ein Symbol empört, bestimmt am Ende, was andere noch zeigen dürfen. Jüdische Sichtbarkeit wird damit nicht geschützt, sondern aus Gründen vermeintlicher Ruhe zurückgedrängt.
Die Polizei hat nach den vorliegenden Berichten nicht selbst den Ausschluss ausgesprochen. Sie erläuterte Habet vielmehr, welche Entscheidung die Versammlungsleitung treffen könne. Das entbindet die Beamten jedoch nicht von der Frage, weshalb sie die geschilderte Behandlung des Davidsterns offenbar hinnahmen, statt auf eine nachvollziehbare Begründung für die behauptete erhebliche Störung zu bestehen.
Auch die Organisatoren können sich nicht dauerhaft hinter einem formalen Satz verstecken, es habe keinen Ausschluss gegeben. Sie sollten öffentlich erklären, welche konkrete Regel galt, wo sie vor der Demonstration veröffentlicht wurde und weshalb eine Regenbogenfahne mit Davidstern dagegen verstieß. Sie sollten außerdem darlegen, worin die erhebliche Störung bestand und weshalb ein Gespräch nicht zu dem einfachen Ergebnis führte, dass jüdische Solidarität auf einer Pride selbstverständlich ihren Platz hat.
Vor allem wäre eine Entschuldigung angebracht.
Nicht, weil jede beliebige Fahne auf jeder Demonstration zugelassen werden muss. Eine Versammlung darf eigene inhaltliche Regeln festlegen und ihren Charakter schützen. Doch eine Organisation, die Antisemitismus ausdrücklich ablehnt und den Schutz marginalisierter Gruppen verspricht, muss erkennen, was hier geschehen ist.
Ein Zeichen für queere Juden wurde zum unerwünschten Gegenstand erklärt.
Ein Unterstützer jüdischen Lebens verließ die Pride, weil seine Solidarität nur ohne sichtbaren Davidstern geduldet wurde.
Und eine Demonstration, die Menschen Mut machen wollte, ihre Identität offen zu zeigen, vermittelte queeren Jüdinnen und Juden eine andere Botschaft: Euer Symbol könnte zu viel sein.
Das ist kein kleiner organisatorischer Fehler. Es berührt die Glaubwürdigkeit der gesamten Veranstaltung.
Antisemitismus zeigt sich nicht nur in Beschimpfungen, Angriffen oder offenen Boykottaufrufen. Er zeigt sich auch dort, wo jüdische Sichtbarkeit als kompliziert, störend oder sicherheitspolitisch lästig behandelt wird. Ob dieser Fall rechtlich als Diskriminierung oder Antisemitismus einzuordnen ist, können die bisher bekannten Angaben allein nicht abschließend beantworten. Politisch und moralisch ist der Vorgang dennoch eindeutig genug.
Der Davidstern störte nicht die Pride. Der Umgang mit ihm entlarvte ihre Grenzen.
Sören Habet wollte zeigen, dass queere Juden nicht allein sind. Die Bonner Pride hat unfreiwillig bewiesen, weshalb solche Solidarität heute dringend gebraucht wird.
Autor: Redaktion
Freitag, 24 Juli 2026