Mehr als 60 Veranstaltungen machen jüdisches Leben sichtbarMehr als 60 Veranstaltungen machen jüdisches Leben sichtbar
Zwischen Harz und Heide laden Konzerte, Lesungen, Führungen und Ausstellungen zu Begegnungen mit jüdischer Geschichte und Gegenwart ein. Nach dem 7. Oktober ist diese Sichtbarkeit wichtiger denn je.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Jüdisches Leben wird in Deutschland noch immer viel zu häufig auf Verfolgung, Vernichtung und Gedenken reduziert. Man erinnert an ermordete Juden, verlegt Stolpersteine und spricht an Jahrestagen über Verantwortung. Das ist notwendig. Doch eine Gesellschaft beweist ihre Haltung nicht allein darin, wie sie der Toten gedenkt. Sie beweist sich auch darin, ob lebende Juden sichtbar, selbstverständlich und ohne Rechtfertigungszwang zu ihr gehören dürfen.
Genau darum geht es bei den siebten Jüdischen Kulturtagen zwischen Harz und Heide. Vom 17. August bis zum 20. September laden mehr als 60 Veranstaltungen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zu Führungen, Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Gesprächen, Workshops und kulinarischen Begegnungen ein. Unter dem Motto „gemeinsam jüdisch. einst und heute“ sollen jüdische Geschichte und jüdische Gegenwart nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Hauptgastgeberin ist in diesem Jahr die Stadt Goslar.
Das klingt zunächst nach einem klassischen Kulturprogramm. Doch im Jahr 2026 besitzt eine solche Veranstaltungsreihe eine Bedeutung, die weit darüber hinausgeht. Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 erleben Juden weltweit, dass ihre Trauer relativiert, ihre Verbindung zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen gegen sie verwendet und ihre bloße Sichtbarkeit zum Anlass für Anfeindungen gemacht wird. Der Präsident des Israel Jacobson Netzwerks, Cord-Friedrich Berghahn, stellt die Kulturtage deshalb ausdrücklich in den Zusammenhang des anhaltenden Hamas-Terrors gegen Israel und des Terrors gegen Juden in Deutschland und anderen Ländern. Sichtbarkeit, Dialog und ein respektvolles Miteinander seien dringlicher denn je.
Diese Klarheit ist wichtig. Die Kulturtage sind kein unverbindliches Fest der Folklore, bei dem jüdische Kultur für einige Wochen als interessante Besonderheit präsentiert und danach wieder aus dem öffentlichen Raum geräumt wird. Sie erinnern daran, dass jüdische Geschichte zur Geschichte dieser Region gehört und dass jüdische Gegenwart kein Gastauftritt ist.
Eine Frau, die jüdisches Leben in Goslar wieder aufbaute
Im Mittelpunkt steht mit Jitla bat Chaim erstmals eine historische Frauenfigur. Sie war im 17. Jahrhundert am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Goslar beteiligt. Ihr Grabstein befindet sich bis heute auf dem bedeutenden jüdischen Friedhof der Stadt. Damit rückt eine Frau ins Zentrum, deren Lebensgeschichte beispielhaft für etwas steht, das in der deutschen Erinnerung oft zu wenig Raum erhält: Juden waren nicht nur Opfer der späteren nationalsozialistischen Vernichtung. Sie bauten Gemeinden auf, handelten, arbeiteten, lehrten, gründeten Familien und prägten ihre Städte über Jahrhunderte.
Jitla bat Chaim steht zugleich für den mühsamen Wiederbeginn jüdischer Gemeinschaft nach Vertreibung und Zerstörung. Dass ihr 2026 ein besonderer Schwerpunkt gewidmet wird, ist deshalb mehr als eine historische Würdigung. Ihr Leben verweist auf eine immer wiederkehrende Erfahrung jüdischer Geschichte: Gemeinden wurden angegriffen und vertrieben, doch jüdisches Leben begann erneut. Es ließ sich nicht dauerhaft auslöschen.
Goslar ist dafür ein geeigneter Gastgeberort. Die jüdische Geschichte der Stadt reicht bis ins Mittelalter zurück. Sie ist nicht nur in Archiven, Grabsteinen und ehemaligen Wohnorten erhalten, sondern Teil der städtischen Identität. Die Kulturtage wollen diese Spuren nicht in einer abgeschlossenen Vergangenheit belassen. Sie verbinden historische Orte mit heutigen Stimmen und fragen, was jüdische Gemeinschaft damals zusammenhielt und was sie heute benötigt.
Die Eröffnung findet am Montag, 17. August, um 17 Uhr im Kulturmarktplatz Goslar statt. Vorgesehen sind Grußworte, eine Einführung in das Jahresthema und ein moderiertes Gespräch über die Bedeutung jüdischer Gemeinschaften in Vergangenheit und Gegenwart. Zugleich wird die Ausstellung „HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen-Denkmal, ein Ausstellungs-Projekt der Schule am Harly in Goslar“ eröffnet. Bereits am Nachmittag führt ein Rundgang zu Orten der jüdischen Geschichte Goslars.
Das Gesamtprogramm beschränkt sich nicht auf Goslar. Veranstaltungen in der Region sollen zeigen, wie weit jüdische Geschichte zwischen Harz und Heide reicht. Das Israel Jacobson Netzwerk verbindet dafür Gemeinden, Museen, Archive, Schulen, wissenschaftliche Einrichtungen, Vereine und interessierte Bürger. Lesungen, Konzerte und Ausstellungen stehen neben Quellenarbeit, Stadtführungen und Gesprächen über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen.
Zu den Goslarer Veranstaltungen gehört beispielsweise eine szenische Lesung von „Adressat unbekannt“ am 3. September. Das Werk erzählt anhand eines Briefwechsels vom Zerbrechen einer Freundschaft zwischen einem jüdischen Amerikaner und einem Deutschen unter dem Einfluss des Nationalsozialismus. Ein Workshop im Stadtarchiv widmet sich historischen Quellen und dem Antisemitismus in der Harzregion. Damit bleibt das Programm nicht bei gefälliger Unterhaltung stehen. Es fordert dazu auf, die Mechanismen von Ausgrenzung, Anpassung und Hass zu erkennen.
Sichtbarkeit darf keine Ausnahmeveranstaltung bleiben
Das Israel Jacobson Netzwerk feiert während der Kulturtage am 17. September zugleich sein zehnjähriges Bestehen. Seit seiner Gründung im Jahr 2016 arbeitet der Verein daran, Orte und Zeugnisse jüdischer Kultur dauerhaft sichtbar zu machen, regionale Einrichtungen miteinander zu verbinden und neue Wege der Vermittlung zu entwickeln. Die Arbeit umfasst eine Region, die von Braunschweig und Wolfsburg über Helmstedt, Peine und Wolfenbüttel bis nach Halberstadt und Goslar reicht.
Diese Arbeit ist gerade deshalb notwendig, weil jüdisches Leben im öffentlichen Bewusstsein noch immer zu oft nur dann erscheint, wenn Synagogen angegriffen, Davidsterne beschmiert oder Juden bedroht werden. Wer ausschließlich über Antisemitismus berichtet, läuft ungewollt Gefahr, Juden nur als Opfer sichtbar zu machen. Wer dagegen nur Kultur feiert und den gegenwärtigen Hass verschweigt, zeichnet ebenfalls ein falsches Bild.
Die Kulturtage verbinden beides. Sie zeigen die Verletzlichkeit jüdischen Lebens, ohne es darauf zu reduzieren. Sie sprechen über Verfolgung, aber auch über Gemeinschaft, Musik, Literatur, Religion, Alltag, Erinnerung und Neubeginn. Damit widersprechen sie zwei gleichermaßen falschen Vorstellungen: Juden gehören weder ausschließlich in die Vergangenheit noch sind sie nur Stellvertreter für politische Debatten über Israel.
Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner beschreibt die Veranstaltungsreihe als Ort der Begegnung, des Austauschs und des gegenseitigen Verständnisses. Solche Worte dürfen allerdings nicht zu einem bequemen Ritual werden. Toleranz zeigt sich nicht darin, Juden für einige Wochen freundlich auf eine Bühne zu bitten. Sie zeigt sich darin, ob jüdische Stimmen auch dann gehört werden, wenn sie über Antisemitismus sprechen, Israel verteidigen oder widersprechen.
Nach dem 7. Oktober hat sich gezeigt, wie schnell die oft beschworene Solidarität an Grenzen stößt. Viele Einrichtungen reagierten mit Schweigen, falscher Ausgewogenheit oder einer Sprache, in der die Opfer des Hamas-Terrors hinter politischen Rechtfertigungen verschwanden. Umso wichtiger sind Veranstaltungen, die jüdisches Leben nicht durch fremde Deutungen ersetzen, sondern Menschen, Geschichten und Erfahrungen selbst sichtbar machen.
Die Jüdischen Kulturtage zwischen Harz und Heide können Antisemitismus nicht beseitigen. Kein Konzert, keine Lesung und keine Führung wird einen überzeugten Judenhasser allein durch kulturelle Begegnung umstimmen. Doch sie können verhindern, dass der öffentliche Raum jenen überlassen bleibt, die jüdisches Leben verdrängen, verzerren oder ausschließlich als Problem behandeln wollen.
Wer die Veranstaltungen besucht, bekommt nicht nur historische Informationen. Er begegnet einer Geschichte, die zur eigenen Region gehört. Er erfährt, dass jüdische Kultur nicht von außen nach Niedersachsen gebracht werden muss, weil sie dort seit Jahrhunderten verwurzelt ist. Und er erkennt hoffentlich, dass jüdisches Leben keinen besonderen Anlass benötigt, um sichtbar sein zu dürfen.
Das Programm setzt deshalb ein notwendiges Zeichen. Nicht ein Zeichen, das nach dem 20. September wieder abgebaut werden darf, sondern eines, das bleiben muss: Juden gehören in die Mitte der Gesellschaft, in ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Gegenwart. Nicht geduldet, nicht als Ausnahme bestaunt, sondern selbstverständlich.
Autor: Redaktion
Freitag, 07 August 2026