CSD der Ausgrenzung: Streit um Mishpacha stellt Brühls Vielfalt-Anspruch infrage

CSD der Ausgrenzung: Streit um Mishpacha stellt Brühls Vielfalt-Anspruch infrage


PRIDE Brühl wirbt mit Vielfalt, Akzeptanz, Austausch und dem Mut zu unbequemen Positionen. Mishpacha Colonia wird dennoch fehlen. Der Konflikt zeigt, wie schwierig gelebter Pluralismus offenbar wird, sobald innerhalb der queeren Community echter Widerspruch entsteht.

CSD der Ausgrenzung: Streit um Mishpacha stellt Brühls Vielfalt-Anspruch infrage
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

Am 29. August will Brühl zum dritten Mal „bunt, laut und sichtbar“ werden. Der Christopher Street Day lädt nach eigener Darstellung dazu ein, für Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung auf die Straße zu gehen. Es soll Raum für Austausch, Begegnung und Vernetzung geben. Und ausdrücklich heißt es auf der Webseite des Veranstalters, der CSD sei „manchmal auch unbequem“.

Doch ausgerechnet vor diesem Hintergrund wirft der Streit um Mishpacha Colonia eine grundsätzliche Frage auf: Wie weit reicht die beschworene Vielfalt, wenn innerhalb der queeren Community Positionen vertreten werden, die den Organisatoren deutlich missfallen?

Das jüdisch-queere Netzwerk Mishpacha Colonia wird am Brühler CSD nicht unter seinem Namen und Logo teilnehmen. PRIDE Brühl bestätigt in einer eigenen Stellungnahme, dass Aviel Tromm und Sören Habet angefragt hatten, unter dem von ihnen gegründeten Logo an der Demonstration teilzunehmen, und dass der Verein diese Anfrage ablehnte. Als Grund nennt der Veranstalter ausdrücklich nicht die jüdische Identität der Gruppe, sondern Äußerungen der beiden Verantwortlichen, die PRIDE Brühl als „eklatant trans- bzw. queerfeindlich“ bewertet.

Diese Darstellung muss bei einer journalistisch sauberen Bewertung berücksichtigt werden. Der Fall lässt sich deshalb nicht seriös auf die Behauptung reduzieren, eine jüdische Gruppe sei wegen ihres Judentums oder wegen des Davidsterns vom CSD ausgeschlossen worden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass damit sämtliche Fragen beantwortet wären.

PRIDE Brühl führt mehrere Äußerungen an. Dazu gehören Aussagen Aviel Tromms über die queere Bewegung, Abtreibung und die Zahl biologischer Geschlechter sowie eine Äußerung Sören Habets über eine trans Person. Gerade Habets Formulierung war abwertend und kann selbstverständlich kritisiert werden. Niemand muss solche Aussagen unwidersprochen hinnehmen, und ein CSD-Veranstalter muss sie auch nicht gutheißen.

Die weitergehende Frage lautet jedoch, ob aus der Ablehnung bestimmter Auffassungen zwingend die Ausgrenzung einer Organisation folgen muss, deren Verantwortliche sie vertreten.

Genau an dieser Stelle kollidiert der Vorgang mit dem außergewöhnlich weit gefassten Selbstverständnis des Brühler CSD. Denn der Veranstalter wirbt nicht nur mit dem Schutz vor Diskriminierung. Er verspricht ausdrücklich „Austausch, Begegnung und Vernetzung“ und erklärt sogar die Bereitschaft zur Unbequemlichkeit zum Bestandteil seiner Veranstaltung.

Vielfalt ist mehr als Übereinstimmung

Queere Menschen bilden keine politische Partei und keine weltanschaulich homogene Gemeinschaft. Ein schwuler Mann, eine lesbische Frau oder ein bisexueller Mensch vertritt nicht automatisch bestimmte Ansichten zu Geschlecht, Abtreibung, Religion, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, Migration oder anderen gesellschaftspolitischen Fragen. Auch innerhalb der queeren Community gibt es konservative, liberale, linke, religiöse und vollkommen unpolitische Menschen.

Diese Unterschiede können erheblich sein. Manche Ansichten können verletzen, andere provozieren, wieder andere heftigen Widerspruch auslösen. Gerade darin zeigt sich jedoch, ob Vielfalt als gesellschaftliches Prinzip verstanden wird oder lediglich als Vielfalt innerhalb eines bereits festgelegten politischen Konsenses.

Es wäre falsch, jede Aussage unter dem Begriff Meinungsvielfalt gegen Kritik immunisieren zu wollen. Eine abwertende Bemerkung gegenüber einer trans Person wird nicht dadurch respektvoll, dass sie als persönliche Meinung bezeichnet wird. Ebenso ist PRIDE Brühl selbstverständlich berechtigt, Positionen öffentlich zurückzuweisen, die nach Auffassung des Vereins seinen Zielen widersprechen.

Doch Kritik, Widerspruch und Ausschluss sind nicht dasselbe.

Ein CSD könnte gerade der Ort sein, an dem solche Konflikte ausgetragen werden. Menschen könnten einander widersprechen, erklären, warum bestimmte Aussagen verletzend sind, Gegenpositionen vertreten und miteinander diskutieren. Niemand müsste am Ende überzeugt sein. Aber zumindest würde genau jener „Austausch“ stattfinden, mit dem PRIDE Brühl selbst für seinen CSD wirbt.

Eine Vielfalt, die erst dort funktioniert, wo in entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Fragen weitgehend Einigkeit herrscht, bleibt dagegen bemerkenswert bequem.

Das ist gerade bei einem Christopher Street Day ein schwieriger Widerspruch. Die Geschichte queerer Emanzipation ist schließlich selbst eng mit der Forderung verbunden, Menschen nicht deshalb aus dem öffentlichen Raum zu drängen, weil ihre Identität, ihr Leben oder ihre Vorstellungen gesellschaftlichen Mehrheiten unangenehm erscheinen.

Der Konflikt endete nicht mit der ersten Ablehnung

Hinzu kommt ein zweiter Teil des Vorgangs, der in der Stellungnahme von PRIDE Brühl nicht abschließend beantwortet wird.

Nach Angaben der Synagogen-Gemeinde Köln vermittelte Bürgermeister Dr. Marc Prokop anschließend zwischen Mishpacha Colonia und PRIDE Brühl. Mishpacha habe sich dabei unter anderem bereit erklärt, auf Israel-Flaggen und Informationsmaterial sowie auf die Teilnahme zweier benannter Vertreter zu verzichten. Im Gegenzug sollte politische Symbolik des Nahostkonflikts insgesamt ausgeschlossen werden. Die Synagogen-Gemeinde Köln zitiert aus einem Schreiben Prokops vom 17. August, in dem der Bürgermeister die „große Kompromissbereitschaft der Vertreter von Mishpacha Colonia“ gewürdigt habe.

Nach Darstellung der Synagogen-Gemeinde Köln kam es dennoch zu keiner Einigung über die Umsetzung. Mishpacha Colonia habe weiterhin nicht unter eigenem Namen und Logo teilnehmen können und daraufhin seine Anmeldung zurückgezogen.

Auch über Pride-Flaggen des Netzwerks wird gestritten. Die Synagogen-Gemeinde Köln erklärt, es habe sich dabei nicht um israelische Nationalflaggen gehandelt, sondern um Regenbogenflaggen, die unter anderem den Magen David, das hebräische Wort „Chai“ sowie Namen und Logo von Mishpacha verbinden.

Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, kritisiert in diesem Zusammenhang einen doppelten Maßstab. Wenn die Kufiya als Zeichen palästinensischer Gemeinschaft beim CSD getragen werden dürfe, müsse dies auch für den Magen David auf einer Pride-Flagge gelten. Jüdische Menschen müssten selbst zeigen dürfen, wer sie seien.

PRIDE Brühl wiederum betont ausdrücklich, dass jüdische Menschen und Organisationen willkommen seien. Der Verein verweist darauf, unter anderem andere jüdische Gruppen eingeladen zu haben, und erklärt, weder AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen noch andere Formen der Diskriminierung dulden zu wollen.

Auch das gehört zur vollständigen Darstellung. Es gibt nach den derzeit vorliegenden Informationen keinen belastbaren Beleg dafür, PRIDE Brühl pauschal eine judenfeindliche Motivation zu unterstellen.

Die Kritik an der konkreten Entscheidung bleibt dennoch möglich.

Denn die Einladung anderer jüdischer Organisationen beantwortet nicht automatisch die Frage, ob der Umgang mit Mishpacha Colonia angemessen war. Ebenso wenig widerlegt die jüdische Identität einer Gruppe jede Kritik an ihren Verantwortlichen. Beides gleichzeitig anzuerkennen ist keine Relativierung, sondern Voraussetzung für eine faire Bewertung.

Und genau dann bleibt der eigentliche Widerspruch bestehen.

PRIDE Brühl beschreibt seinen CSD als Ort der Vielfalt, der Begegnung und des Austauschs. Die Veranstaltung soll sogar „unbequem“ sein. Doch die wirklich schwierige Form von Vielfalt beginnt nicht dort, wo unterschiedliche Menschen dieselben politischen Überzeugungen teilen. Sie beginnt dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen trotzdem miteinander im selben gesellschaftlichen Raum umgehen müssen.

Man kann Tromms Ansichten zurückweisen. Man kann Habets Äußerung über eine trans Person scharf kritisieren. Man kann das Mishpacha-Logo ablehnen und trotzdem fragen, ob Ausschluss die richtige Antwort eines CSD ist.

Denn wer gesellschaftliche Veränderung erreichen möchte, wird irgendwann mit Menschen sprechen müssen, die noch nicht derselben Meinung sind.

Das ist keine Schwäche der Vielfalt. Das ist ihr eigentlicher Belastungstest.

Der Brühler CSD trägt in diesem Jahr das Motto „Schön hier, aber geht das auch queer?“ Nach dem Streit um Mishpacha Colonia bekommt dieses Motto eine zusätzliche Dimension: Geht es auch queer, wenn queere Menschen untereinander nicht in allen gesellschaftspolitischen Fragen einer Meinung sind?

Der Umgang mit Mishpacha zeigt zumindest, dass die Antwort komplizierter ist, als das Versprechen von „Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung“ vermuten lässt.

Wer Vielfalt fordert, darf Widerspruch nicht automatisch mit Ausgrenzung beantworten. Sonst bleibt am Ende keine Vielfalt, sondern nur noch Vielfalt innerhalb der eigenen politischen Grenzen.




Autor: Bernd Geiger
Freitag, 28 August 2026

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