Erst antisemitisch angegriffen dann bei Intifada-Kritik das Mikro abgestellt

Erst antisemitisch angegriffen dann bei Intifada-Kritik das Mikro abgestellt


Ein Mann beschimpft den jüdischen Grünen-Politiker Daniel Eliasson und versucht, ihm ins Gesicht zu schlagen. Stunden später spricht Eliasson über Antisemitismus und gerät erneut in einen verstörenden Konflikt.

Erst antisemitisch angegriffen dann bei Intifada-Kritik das Mikro abgestellt
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

Für Daniel Eliasson begann der Montag als gewöhnlicher Wahlkampftag in Berlin-Steglitz. Der 28-jährige Grünen-Politiker verteilte vor einem Supermarkt Flugblätter und führte Gespräche mit Bürgern. Wenig später wurde aus einem politischen Gespräch ein antisemitischer Angriff. Nach Angaben der Berliner Polizei soll ein 68-Jähriger Eliasson zunächst mit volksverhetzenden Äußerungen konfrontiert, ihn anschließend antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen beleidigt und schließlich versucht haben, ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Der Schlag verfehlte den Politiker knapp. Der Polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamtes hat die Ermittlungen übernommen.

Eliasson schilderte später, der Mann habe zunächst allgemein über politische Zustände geschimpft. Dann habe er begonnen, über Juden herzuziehen. Als Eliasson ihn aufforderte aufzuhören und erklärte, selbst Jude zu sein, sei die Situation körperlich bedrohlich geworden. Nach seiner Darstellung fielen unter anderem die Beschimpfungen „scheiß Juden“ und „Dreckspenner“. Anschließend habe der Mann ihm sogar seinen Ausweis gezeigt und sinngemäß erklärt, Eliasson könne ihn ruhig anzeigen.

Der Tatverdächtige konnte inzwischen identifiziert werden. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um einen 68-jährigen Mann. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Körperverletzung, VolksverhetzungVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen und Beleidigung ermittelt. Damit stützt sich der Kern des Vorfalls inzwischen nicht mehr allein auf Eliassons eigene Darstellung: Die Berliner Polizei bestätigt sowohl den mutmaßlichen antisemitischen Angriff als auch die Ermittlungen des Staatsschutzes.

Eliasson selbst bezeichnete die Situation als „krass bedrohlich“. Für ihn zeige der Vorfall, dass Antisemitismus keineswegs auf einzelne Berliner Bezirke oder bestimmte politische Milieus begrenzt sei. Wer sich als Jude zu erkennen gebe, könne auch mitten im gewöhnlichen Alltag zur Zielscheibe werden. Die Berliner Grünen erklärten sich geschlossen solidarisch mit ihrem Direktkandidaten und betonten, Antisemitismus müsse unabhängig davon bekämpft werden, aus welcher Richtung er komme.

Doch damit war dieser Tag für Eliasson noch nicht beendet.

Nach dem Angriff folgt der nächste Eklat

Nur wenige Stunden später nahm der Grünen-Politiker an einer Demonstration auf dem Hermann-Ehlers-Platz vor dem Rathaus Steglitz teil. Dort ging es ursprünglich um mehr Vielfalt im Programm der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek und um den Streit über Drag-Lesungen. Eliasson sprach bei der Veranstaltung auch über den antisemitischen Angriff, den er kurz zuvor erlebt hatte.

Er forderte dazu auf, Antisemitismus überall zu bekämpfen und ausdrücklich auch dann, wenn er aus dem eigenen politischen Umfeld oder von politischen Verbündeten kommt. Dabei verwies Eliasson nach Angaben des Grünen-Kreisverbands auf die jüngsten Vorgänge bei der Linken in Neukölln und bezeichnete auch „Yalla-yalla-IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen“-Rufe als antisemitisch. Danach soll ihm das Mikrofon abgeschaltet worden sein. Nach Darstellung des Grünen-Kreisverbands waren dafür Veranstalter aus dem Umfeld der Linksjugend verantwortlich. Eine eigenständige Stellungnahme der betreffenden Veranstalter zu diesem Vorwurf war zunächst nicht bekannt.

Genau diese Abfolge macht den Fall so bemerkenswert.

Am Mittag wird ein jüdischer Politiker auf offener Straße antisemitisch beschimpft und beinahe mit der Faust getroffen. Wenige Stunden später spricht derselbe Mann öffentlich darüber, dass Antisemitismus konsequent bekämpft werden müsse. Als er dabei auch Intifada-Rufe aus dem linken politischen Umfeld kritisiert, soll ihm das Mikrofon abgeschaltet werden.

Der Kreisvorstand der Grünen in Steglitz-Zehlendorf formulierte seinen Vorwurf entsprechend scharf: Wer einem Betroffenen antisemitischer Gewalt das Wort entziehe, sobald dieser Antisemitismus im eigenen politischen Umfeld anspreche, mache sich im Kampf gegen Hass und Hetze unglaubwürdig. Die Grünen verlangen eine Entschuldigung der Veranstalter und eine vollständige Aufklärung.

Der Bezug auf die Linke kommt nicht aus dem Nichts. Erst am Wochenende hatte eine Wahlkampfveranstaltung der Linken in Neukölln für Empörung gesorgt. Der Rapper Dahabflex trat dort mit Zeilen wie „Yalla, yalla Intifada, Westbank, PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen“ und „Death to the IDF“ auf. Zahlreiche Besucher tanzten und klatschten. Die Berliner Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich anschließend von den Gewaltaufrufen und erklärte, die Verantwortlichen hätten sofort eingreifen müssen.

Gerade deshalb ist es schwer nachvollziehbar, wenn einem jüdischen Politiker wenige Tage später ausgerechnet dann das Mikrofon entzogen worden sein sollte, als er solche Rufe als antisemitisch bezeichnete.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob Grüne und Linke politisch miteinander konkurrieren oder möglicherweise nach der Berliner Wahl miteinander koalieren wollen. Es geht um einen wesentlich einfacheren Maßstab: Ein Jude muss Antisemitismus benennen dürfen, ohne dass die Herkunft des Antisemitismus darüber entscheidet, ob man ihm zuhört.

Eliassons Fall zeigt innerhalb weniger Stunden zwei unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Problems. Auf der Straße ist es der offene Judenhass eines Mannes, der nach bisherigen Erkenntnissen nicht bei Worten bleibt, sondern zum Schlag ansetzt. Wenig später geht es um den politischen Umgang mit Antisemitismus: Wird er auch dann klar benannt, wenn die Kritik das eigene Lager trifft?

Die Berliner Grünen haben darauf eine richtige Antwort gegeben. Antisemitismus müsse „egal, aus welcher Richtung der Hass kommt“ bekämpft werden. Genau daran werden sich Parteien messen lassen müssen.

Denn Solidarität mit Juden ist einfach, solange sie nichts kostet. Entscheidend wird sie dort, wo die eigenen politischen Freunde widersprechen.

Für Daniel Eliasson war dieser Montag dafür eine bedrückende Demonstration: Er musste erst erleben, wie schnell antisemitische Worte in körperliche Gewalt umschlagen können und wenige Stunden später offenbar darum kämpfen, Antisemitismus überhaupt in seiner ganzen politischen Breite benennen zu dürfen.




Autor: Redaktion
Dienstag, 01 September 2026

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