Jüdisches Berlin feiert - sichtbar, fröhlich und schwer bewachtJüdisches Berlin feiert - sichtbar, fröhlich und schwer bewacht
4.000 Menschen feiern 30 Jahre Chabad Berlin und den Beginn einer neuen Torarolle. Es ist ein Tag voller jüdischer Lebensfreude und ein deutliches Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland Zukunft hat.

Bildnachweis: Holfert haOlam.de
Es gibt Tage, an denen eine Nachricht größer ist als die Zahl der Besucher, größer als Festreden und größer als ein Jubiläum. Der Sonntag in Berlin-Wilmersdorf war ein solcher Tag. Rund 4.000 Menschen kamen nach Angaben der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin zusammen, um auf der Straße jüdisches Leben zu feiern: mit Musik, Essen, Kindern, Gesprächen, Gebeten und einer Freude, die sich nicht verstecken wollte. Drei Jahrzehnte nach der Gründung der Gemeinde stand damit nicht nur die Vergangenheit im Mittelpunkt. Es ging vor allem um eine Zukunft, in der Juden in Deutschland nicht darauf reduziert werden, geschützt, betrauert oder vor AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen gewarnt zu werden. Sie wollen leben, lernen, feiern, bauen und sichtbar sein.
Was 1996 ausgesprochen klein begann, ist heute aus dem jüdischen Berlin nicht mehr wegzudenken. Rabbiner Yehuda Teichtal und seine Frau Leah gründeten Chabad Berlin vor 30 Jahren. Die ersten Gottesdienste und Lernstunden fanden unter bescheidenen Bedingungen statt. Drei Jahrzehnte später zählt die Gemeinde nach eigenen Angaben knapp 4.000 Mitglieder, betreibt elf Synagogen sowie zahlreiche Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Zum Jüdischen Campus gehören unter anderem eine Kindertagesstätte, eine Grundschule, ein Gymnasium und eine Integrierte Sekundarschule. Hinzu kommen Angebote für Jugendliche, Familien und Geflüchtete. Aus einer kleinen Gemeinde ist ein sichtbarer Teil Berlins geworden.
Auf der Westfälischen Straße in Wilmersdorf konnte man diese Entwicklung unmittelbar erleben. Familien standen an den Essensständen, Kinder nahmen an den Programmen teil, auf der Bühne wurde musiziert, Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft kamen miteinander ins Gespräch. Die Jüdische Allgemeine berichtete über jüdische Musik, Schul- und Kitagruppen sowie zahlreiche Besucher, die gemeinsam das Jubiläum feierten.
Es war kein Gedenktag und keine Veranstaltung, deren Mittelpunkt die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland bildete. Es war jüdisches Leben in der Gegenwart. Gerade das macht solche Bilder wichtig.
Ein Besucher aus dem Umfeld von haOlam, der das Fest vor Ort erlebte, beschreibt seinen Eindruck mit wenigen Worten: „Ein wirklich gelungenes Fest! Jüdisches Leben, Fröhlichkeit und Harmonie.“ Er war aus Görlitz nach Berlin gekommen und schilderte, wie stark ihn der Unterschied berührte. Seine Heimatstadt besitzt eine der schönsten Synagogen Deutschlands, doch nur noch sehr wenige Juden leben dort. Für ihn sei sie heute ein Haus, „in dem G-tt nicht mehr wohnt“. In Berlin erlebte er das Gegenteil: keine prachtvolle Hülle ohne Gemeinde, sondern Menschen, Stimmen, Kinder und gelebten Glauben.
Es ist ein persönlicher Eindruck. Aber gerade darin liegt etwas, das Statistiken kaum ausdrücken können. Synagogen können restauriert, Denkmäler gepflegt und Gedenktafeln aufgestellt werden. Jüdisches Leben entsteht dadurch noch nicht. Es entsteht dort, wo eine Gemeinde wächst, wo Kinder jüdische Schulen besuchen, wo gebetet, gelernt und gefeiert wird und wo Menschen ihre jüdische Identität nicht verstecken müssen.
Eine Torarolle für die Zukunft
Der vielleicht stärkste Moment des Jubiläums richtete den Blick deshalb bewusst nach vorn. Mitten während des Festes begann das Projekt „Tora für Deutschland“. Eine neue Torarolle wird vollständig in Deutschland von Hand geschrieben. In den kommenden Monaten sollen Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft eingeladen werden, an ihrer Entstehung mitzuwirken.
Die Symbolkraft ist kaum zu übersehen. Deutschland kennt Torarollen auch aus Bildern ihrer Zerstörung, aus Berichten über brennende Synagogen, geplünderte Gemeinden und vernichtetes jüdisches Leben. Nun entsteht in diesem Land eine neue Torarolle, Buchstabe für Buchstabe. Nicht als Museumsstück und nicht als Erinnerung an eine verschwundene Gemeinde, sondern für lebendes jüdisches Leben.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner würdigte Chabad während des Festaktes als einen „Glücksfall für Berlin“. Die Gemeinde reiche Hände und baue Brücken. Besonders deutlich wurde Wegner mit einem anderen Satz: „Ich möchte in keinem Berlin leben, wo jüdisches Leben nicht sichtbar ist. Denn jüdisches Leben gehört zur DNA Berlins.“
Auch Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, würdigte die Arbeit der Gemeinde. Er wünschte Chabad, dass es diesen Weg fortsetze, „damit jüdisches Leben in Berlin weiter sichtbar ist“.
Rabbiner Yehuda Teichtal selbst bezeichnete das Jubiläum nicht nur als Rückblick auf drei Jahrzehnte, sondern als Blick nach vorn. Die große Beteiligung erfülle die Gemeinde mit Dankbarkeit. Jüdisches Leben werde auch künftig mit Zuversicht, Freude und Entschlossenheit gestaltet. Genau davon zeugte dieses Straßenfest.
Die Gemeinde plant zudem bereits den nächsten großen Schritt. Besucher konnten mithilfe einer Virtual-Reality-Präsentation die geplante neue Zentrale Synagoge erleben. Sie soll bis zu 600 Menschen Platz bieten und zu einem Zentrum des Gebets, des Lernens und der Begegnung werden. Der Baubeginn ist für das kommende Jahr vorgesehen.
Auch darin steckt eine Botschaft. Chabad reagiert auf die Herausforderungen jüdischen Lebens in Deutschland nicht mit Rückzug, sondern mit Wachstum. Wo die bestehenden Räume nicht mehr reichen, sollen größere entstehen.
Freude unter sichtbarem Schutz
Ganz ausblenden ließ sich die Sicherheitslage an diesem Sonntag dennoch nicht. Rund um das Fest und den Jüdischen Campus war eine deutlich sichtbare Polizeipräsenz vorhanden. Sicherheitskräfte schützten die Veranstaltung und sorgten dafür, dass Tausende Besucher unbeschwert feiern konnten.
Auch die deutlich sichtbare Präsenz der Berliner Polizei fiel dem Besucher aus dem Umfeld von haOlam auf. Sicherheitskräfte schützten das Straßenfest und den Jüdischen Campus und sorgten dafür, dass Tausende Menschen unbeschwert feiern konnten. Wie viele Polizeikräfte tatsächlich im Einsatz waren, ist öffentlich nicht bekannt. Eine konkrete Zahl lässt sich deshalb nicht seriös nennen.
Der Besucher dankte den Berliner Polizisten ausdrücklich für ihren Einsatz. Dieser Dank ist angebracht. Wer jüdische Einrichtungen, Schulen, Synagogen und öffentliche Veranstaltungen schützt, ermöglicht damit auch die Freiheit, jüdisches Leben sichtbar zu leben.
Dass ein solches Fest Schutz benötigt, bleibt dennoch eine bittere Realität.
Kinder sollen feiern können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Familien sollen jüdische Musik hören, miteinander essen und auf der Straße zusammenkommen können, ohne dass Sicherheitsfragen den Tag bestimmen. Doch jüdische Veranstaltungen und Einrichtungen in Deutschland gehören weiterhin zu den Orten, an denen Polizeipräsenz und Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich geworden sind.
Gerade deshalb sollte der Blick an diesem Tag nicht bei der Bedrohung stehen bleiben.
Denn Chabad Berlin zeigte etwas anderes: Schutz ist notwendig, aber er definiert diese Gemeinde nicht. Sie definiert sich durch das Leben, das innerhalb dieses Schutzes stattfindet.
Dreißig Jahre Chabad Berlin erzählen nicht die Geschichte einer Gemeinschaft, die gelernt hat, möglichst unauffällig zu bleiben. Sie erzählen von einer Gemeinde, die gewachsen ist, Schulen aufgebaut hat, Synagogen betreibt, soziale Verantwortung übernimmt und nun eine noch größere Synagoge bauen will.
Während in Deutschland oft darüber gesprochen wird, wie jüdisches Leben geschützt werden muss, zeigte Chabad an diesem Sonntag, warum es geschützt werden muss: damit es leben kann.
Die Bilder aus Wilmersdorf waren deshalb stärker als viele politische Erklärungen. Menschen feierten. Kinder spielten. Eine neue Torarolle begann zu entstehen. Ein Besucher aus Görlitz, der aus seiner Heimat eine wunderschöne Synagoge kennt, der jedoch weitgehend die Gemeinde fehlt, stand plötzlich mitten in einer Straße voller jüdischen Lebens und war, wie er selbst sagt, „gerührt und begeistert“.
Vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen Erinnerung und Zukunft kaum deutlicher beschreiben.
Deutschland besitzt viele Orte, an denen an verschwundenes jüdisches Leben erinnert wird.
In Berlin-Wilmersdorf konnte man an diesem Sonntag erleben, wie jüdische Zukunft aussieht.
Autor: Redaktion
Dienstag, 01 September 2026