Entsetzen mit Vorgeschichte: Dahabflex war für die Linke Neukölln kein UnbekannterEntsetzen mit Vorgeschichte: Dahabflex war für die Linke Neukölln kein Unbekannter
Nach „Death to the IDF“ zeigt sich die Berliner Linke-Spitze entsetzt. Doch Dahabflex und seine Texte waren kein Geheimnis: Bereits 2025 gab es eine öffentliche Warnung vor genau diesem Rapper.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Nach dem Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin-Neukölln versucht die Parteispitze, auf Distanz zu gehen. Berlins Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp verurteilte die dort vorgetragenen Gewaltparolen scharf und erklärte, sie sei „entsetzt“. Landesvorsitzende Kerstin Wolter zeigte sich ebenfalls empört. Beide verlangen Aufklärung und Konsequenzen vom Neuköllner Bezirksverband. Das Problem dabei: Dahabflex war für die Partei weder ein unbekannter Künstler noch waren seine politischen Texte verborgen. Bereits fast ein Jahr zuvor war öffentlich auf genau jene Passagen hingewiesen worden, die nun zum Skandal führen.
Am Samstagabend hatte die Linke Neukölln auf dem Herrfurthplatz ihre Wahlkampf-Aktionswoche mit der Veranstaltung „Wütend auf den Kapitalismus“ abgeschlossen. Der Bezirksverband hatte Dahabflex im Vorfeld prominent angekündigt und noch am 21. August erklärt, man freue sich „riesig“, dass der Rapper die Veranstaltung musikalisch unterstützen werde. Das offizielle Programm verband politische Gespräche mit Kandidaten der Linken mit Auftritten von Künstlern und Aktivisten. Dahabflex stand damit nicht zufällig auf irgendeiner fremden Bühne, sondern war ausdrücklich Teil einer von der Partei beworbenen Wahlkampfveranstaltung.
Kurz vor Ende seines Auftritts spielte der Rapper den Titel „Stop the Genocide“. Darin wiederholt er unter anderem „Yalla, Yalla IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen, Westbank, PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen“ und „Death, death to the IDF“. Dazu kommen positive Bezüge auf die PFLPPFLP: Marxistische Terrororganisation gegen IsraelDie PFLP ist eine 1967 gegründete marxistisch leninistische palästinensische Organisation. Sie lehnt Israel ab, setzt auf bewaffneten Kampf und wird von den USA und der EU als Terrororganisation geführt.Mehr lesen und Leila Khaled. Die PFLP steht weiterhin auf der Terrorliste der Europäischen Union. Khaled gehörte der Organisation an und beteiligte sich 1969 an der Entführung eines TWA-Flugzeugs sowie 1970 an dem gescheiterten Versuch, eine El-Al-Maschine zu entführen.
Nach Berichten vom Herrfurthplatz tanzten und sangen Teile des Publikums während des Auftritts mit. Hermann Nehls, Co-Vorsitzender der Linken Neukölln, war während des Auftritts zeitweise auf der Bühne. Eine unmittelbare öffentliche Intervention gegen die problematischen Textpassagen erfolgte nach Darstellung des Tagesspiegel nicht. Nehls erklärte am folgenden Tag, der betreffende Song sei nicht Teil des zuvor mit dem Bezirksverband abgestimmten Programms gewesen und spontan am Ende gespielt worden. Aufrufe zu Gewalt gegen Personen seien nicht akzeptabel; der Bezirksverband wolle den Vorgang intern aufarbeiten.
Diese Erklärung beantwortet allerdings nur einen Teil der Fragen.
Die Warnung gab es bereits 2025
Denn Dahabflex war in der Linken Neukölln bereits lange vor dem vergangenen Wochenende Thema. Im September 2025 bewarb der Bezirksverband die Demonstration „Zusammen für Gaza“, bei deren musikalischem Programm ebenfalls Dahabflex angekündigt war. Die damalige frühere stellvertretende Linke-Vorsitzende Martina Renner reagierte öffentlich auf das von der Linken Neukölln verbreitete Line-up und zitierte aus einem Song des Rappers. Darin fanden sich bereits damals Verweise auf die Intifada, die PFLP und Leila Khaled sowie die Zeile „death death IDF“. Die Warnung war also öffentlich und benannte gerade jene Elemente, die knapp ein Jahr später auf dem Herrfurthplatz für Empörung sorgen sollten.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Funktionär des Bezirksverbandes jeden Titel Dahabflex' kannte. Auch lässt sich daraus nicht beweisen, dass die Verantwortlichen am Samstag vorher wussten, welchen Song er spielen würde. Diese Behauptungen wären zu weitgehend.
Aber die Darstellung eines völlig überraschenden Grenzübertritts wird dadurch erheblich schwerer aufrechtzuerhalten.
Wer einen Künstler auf eine Wahlkampfbühne holt, trägt Verantwortung dafür, wen er einlädt. Von einer Partei kann nicht verlangt werden, jedes Wort eines Musikers im Voraus zu genehmigen. Bei einem Künstler, dessen einschlägige Texte jedoch öffentlich zugänglich waren und dessen Auftritt bereits im Vorjahr innerhalb der eigenen politischen Umgebung Kritik ausgelöst hatte, stellt sich eine andere Frage: Welche Prüfung fand vor der erneuten Einladung überhaupt statt?
Dahabflex wurde auch 2026 nicht versteckt angekündigt. Die Linke Neukölln warb wenige Tage vor der Veranstaltung ausdrücklich mit seinem Namen. Zudem hatte die WerteInitiative bereits vor dem Auftritt öffentlich auf Texte des Rappers hingewiesen, darunter seine positiven Referenzen auf die PFLP und Leila Khaled, und die Partei davor gewarnt, solche Inhalte als bloße rebellische Begleitmusik zu behandeln.
Das Problem tauchte also nicht erst auf, als am Samstag ein Mikrofon eingeschaltet wurde.
Eralps Entsetzen richtet den Blick auf den eigenen Bezirksverband
Elif Eralp reagierte inzwischen eindeutig. Aufrufe zu Gewalt und zur Tötung von Menschen seien „absolut inakzeptabel“. Die Verantwortlichen hätten sofort eingreifen müssen. Sie erwarte vom Bezirksverband eine Erklärung dafür, wie es zu dieser Grenzüberschreitung kommen konnte, sowie Konsequenzen. Außerdem bekannte sie sich zum Schutz jüdischen Lebens und zum Kampf gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen.
Diese Distanzierung ist richtig. Gerade deshalb muss die angekündigte Aufklärung jedoch weiter gehen als die Frage, weshalb der Song nicht abgebrochen wurde.
Sie muss beantworten, weshalb Dahabflex überhaupt erneut eingeladen wurde.
Der frühere Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der die Linke nach langjährigen Auseinandersetzungen über Antisemitismus verlassen hatte, formulierte genau diesen Punkt besonders scharf. Die entsprechenden Informationen seien keineswegs neu und häufig genug angesprochen worden. Die demonstrative Überraschung, wenn derartige Vorgänge erneut öffentlich würden, bezeichnete er deshalb als „performativ“ und fragte, wann jemand Verantwortung übernehmen werde.
Damit trifft Lederer einen wunden Punkt. Eine Partei kann nicht jede spontane Äußerung auf einer Bühne verhindern. Sie kann aber entscheiden, wem sie diese Bühne gibt. Und wenn bei einem Künstler bereits öffentlich dokumentiert ist, dass er die Intifada besingt, sich positiv auf eine von der EU als Terrororganisation gelistete Gruppierung bezieht und eine bekannte PFLP-Flugzeugentführerin zum Vorbild stilisiert, reicht es nicht, nachher lediglich über einen unangekündigten Song zu sprechen.
Es geht um politische Verantwortung vor der Einladung.
Gerade die Formulierung „Death to the IDF“ lässt sich auch nicht überzeugend dadurch entschärfen, dass IDF zunächst die Bezeichnung einer Institution ist. Eine Armee besteht aus Menschen. Im KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen eines Textes, der zugleich zur Intifada aufruft und die PFLP sowie Leila Khaled positiv aufgreift, ist zumindest nachvollziehbar, warum selbst die Führung der Berliner Linken darin eine nicht hinnehmbare Gewaltbotschaft sieht.
Auch „Intifada“ ist in diesem Zusammenhang kein historisch neutrales Schlagwort. Insbesondere während der zweiten Intifada wurden Israelis in Bussen, Restaurants, Cafés und auf Straßen durch Selbstmordanschläge und andere Terrorangriffe ermordet. Natürlich kann der arabische Begriff sprachlich allgemein „Abschütteln“ bedeuten. In Verbindung mit PFLP-Romantik und Todesparolen lässt sich seine konkrete politische Bedeutung jedoch nicht vom historischen Kontext lösen.
Das Entscheidende an diesem Vorgang ist deshalb nicht, dass sich Elif Eralp heute distanziert. Entscheidend ist, was die Linke daraus macht.
Wenn sie tatsächlich gegen israelbezogenen Antisemitismus und Gewaltverherrlichung vorgehen will, reicht nachträgliches Entsetzen nicht. Dann muss sie erklären, warum öffentliche Warnungen ignoriert oder zumindest nicht ausreichend berücksichtigt wurden, welche Verantwortung der Neuköllner Bezirksverband übernimmt und welche Konsequenzen daraus folgen.
Denn diesmal kann niemand ernsthaft behaupten, sämtliche problematischen Signale seien erst am Samstagabend sichtbar geworden.
Dahabflex stand plötzlich mit diesem Song auf der Bühne. Seine politischen Texte waren dagegen längst öffentlich bekannt. Genau deshalb wird aus einem missglückten Konzertauftritt eine Frage politischer Verantwortung.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 02 September 2026