Sabotage-Serie am Stromnetz: Bekennerbrief mit Klarnamen bringt Ermittler auf neue Spur

Sabotage-Serie am Stromnetz: Bekennerbrief mit Klarnamen bringt Ermittler auf neue Spur


Der Brief nennt den Kampf gegen fossile Energie als Motiv, kündigt weitere Stromausfälle an und enthält auch eine antiisraelische Passage. Ob sein Verfasser tatsächlich hinter den Anschlägen steckt, ist noch offen.

Sabotage-Serie am Stromnetz: Bekennerbrief mit Klarnamen bringt Ermittler auf neue Spur
Bildnachweis: Isohypse / Quelle

Nach den Angriffen auf das deutsche Stromnetz bekommt die Fahndung erstmals ein Gesicht. Ermittler suchen nach einem Mann aus Gevelsberg in Nordrhein-Westfalen, der ein handschriftliches Bekennerschreiben verfasst und mit seinem Namen unterschrieben haben soll. Der Brief enthält detaillierte Angaben zu den selbstgebauten Vorrichtungen, mit denen Hochspannungsleitungen attackiert wurden. Zugleich kündigt der Verfasser weitere Taten an. Ob der Mann tatsächlich der Saboteur ist oder sich lediglich zu Anschlägen bekennt, die er nicht begangen hat, ist allerdings noch nicht geklärt.

Ausgangspunkt der Ermittlungen ist der Angriff auf das Umspannwerk Turnow-Preilack nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg. Dort wurden am Dienstag mehrere unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen gefunden. Die Polizei ermittelt wegen mehrerer schwerer Straftatbestände, darunter wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Am Donnerstag bestätigte das Polizeipräsidium Brandenburg offiziell, über ein Bekennerschreiben informiert worden zu sein. Dessen Echtheit könne derzeit weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.

Das Schreiben selbst war zunächst bei der taz eingegangen. Laut Zeitung wurde es in Nordrhein-Westfalen aufgegeben. Der Verfasser beschreibt darin ausführlich, wie mit Rohren, Silvesterraketen, Zeitschaltern und dünnen Drahtseilen Kurzschlüsse an Hochspannungsleitungen verursacht werden sollten. Besonders auffällig ist, dass Angaben zu Aufbau und Tatzeit mit Erkenntnissen übereinstimmen, die zum Zeitpunkt des Postversands noch nicht öffentlich bekannt gewesen sein sollen. Die taz hält es deshalb für möglich, dass der Schreiber über Täterwissen verfügt, betont aber ausdrücklich, dass seine tatsächliche Beteiligung nicht bewiesen ist.

Nach Angaben von taz und BILD handelt es sich bei dem Verfasser um einen Mann namens Daniel V. aus Gevelsberg. Die Polizei bestätigte gegenüber Medien, dass nach einer Person aus diesem Raum gefahndet werde. Ein Polizeisprecher warnte zugleich vor voreiligen Schlüssen. Es müsse erst geklärt werden, ob der Mann tatsächlich tatverdächtig oder möglicherweise nur ein Trittbrettfahrer sei.

Der Brief kündigt weitere Angriffe an

Der Inhalt macht die Sache noch brisanter. Der Verfasser erklärt den Kampf gegen fossile Energieträger zu seinem Motiv und rechtfertigt Sabotage damit, staatliche Stellen handelten seiner Ansicht nach nicht ausreichend gegen deren Folgen. Zugleich kündigt er weitere Stromausfälle an.

Er behauptet, allein zu handeln und keinen Kontakt zu einer linken Gruppe zu haben. Genau diese Darstellung muss jedoch ebenso überprüft werden wie der Rest des Schreibens. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann hatte zuvor erklärt, es gebe Anzeichen für einen koordinierten Angriff auf die Energieversorgung. Ermittler hatten neben linksextremistischen Tätern auch eine mögliche ausländische Einflussnahme nicht ausgeschlossen. Das neue Schreiben könnte diese bisherigen Hypothesen verändern, beweist aber noch keine davon.

Bemerkenswert ist außerdem eine Passage mit Bezug auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Der Verfasser schreibt, es würde ihn nicht stören, wenn durch die Stromausfälle auch die deutsche Rüstungsindustrie getroffen werde, insbesondere solange Deutschland angeblich einen "Völkermord in PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen" unterstütze. Der unmittelbare Schwerpunkt des Schreibens liegt nach den veröffentlichten Auszügen auf fossiler Energie. Die antiisraelische Aussage zeigt jedoch, dass sich in der Gedankenwelt des Verfassers Klimaextremismus und Feindseligkeit gegenüber der deutschen Unterstützung Israels zumindest berühren.

Seit dem Schreiben hat sich die Lage weiter verschärft. Am Umspannwerk in Bergheim bei Köln wurden ähnliche Abschussvorrichtungen entdeckt. Dort gelang es, leitfähiges Material auf Hochspannungsleitungen zu bringen. Mehrere Leitungen fielen aus, fünf Braunkohleblöcke mussten zeitweise vom Netz genommen werden. Einen flächendeckenden Stromausfall gab es nicht.

Am Donnerstagabend folgte der nächste Fund. Ein Spaziergänger entdeckte nahe einem Umspannwerk in Dormagen-Gohr verdächtige Vorrichtungen. Die Polizei geht auch dort von einem Sabotageversuch aus. Die Konstruktionen sollten offenbar einen Kurzschluss an Hochspannungsleitungen verursachen. Diesmal entstanden keine Schäden.

Damit nicht genug. Weil das Bekennerschreiben weitere mögliche Tatorte erwähnt, überprüften Einsatzkräfte am Freitag auch ein Umspannwerk in Weisweiler bei Aachen. Die Fahndung nach dem Mann aus Gevelsberg läuft nach Polizeiangaben intensiv.

Aus einem Anschlag wird eine Serie

Noch am Dienstag war völlig offen, wer hinter dem Angriff bei Jänschwalde steckte. Die damalige Zurückhaltung war richtig. Wenige Tage später hat sich das Bild erheblich verändert: Ein detaillierter Bekennerbrief liegt vor, ein möglicher Verfasser ist identifiziert, die Polizei fahndet nach ihm und an weiteren Standorten wurden ähnliche Vorrichtungen entdeckt.

Trotzdem wäre es journalistisch falsch, aus diesen Indizien bereits einen überführten Serientäter zu machen. Der entscheidende Beweis fehlt bislang. Die Polizei Brandenburg prüft die Echtheit des Schreibens weiterhin. Auch die Ermittler in Nordrhein-Westfalen haben ausdrücklich offengelassen, ob der gesuchte Mann wirklich für die Taten verantwortlich ist.

Dass Ermittler diese Möglichkeit inzwischen ernsthaft verfolgen, zeigt jedoch, wie weit der Fall seit dem ersten Fund in Brandenburg fortgeschritten ist.

Besonders gefährlich ist dabei die Methode. Die Täter benötigen offenbar keinen direkten Zugang zu einem Kraftwerk oder Umspannwerk. Selbstgebaute Abschussvorrichtungen sollen leitfähiges Material über Hochspannungsleitungen bringen und dadurch Kurzschlüsse auslösen. Was in Jänschwalde nur begrenzte Folgen hatte, führte in Bergheim bereits dazu, dass mehrere Kraftwerksblöcke vom Netz genommen werden mussten.

Damit richtet sich die Tat nicht gegen irgendeine Industrieanlage. Stromversorgung ist kritische Infrastruktur. Ein erfolgreicher Angriff kann Krankenhäuser, Kommunikationsnetze, Unternehmen, Verkehr und private Haushalte gleichzeitig treffen. Wer solche Ausfälle bewusst herbeiführen will, nimmt Folgen für Menschen in Kauf, die mit dem behaupteten politischen Ziel überhaupt nichts zu tun haben.

Genau diesen Punkt scheint der Verfasser des Schreibens selbst zu erkennen. Er spricht ausdrücklich von Leid, das durch die von ihm angekündigten Stromausfälle entstehen könne. Das hält ihn nach seiner eigenen Darstellung jedoch nicht davon ab, weitere Taten anzukündigen.

Deutschland hat es damit möglicherweise nicht mehr mit einem einzelnen missglückten Anschlagsversuch zu tun, sondern mit einer Serie gezielter Angriffe auf eine seiner empfindlichsten Lebensadern. Wer dahintersteht, müssen die Ermittler beweisen. Dass die Gefahr real ist, haben Jänschwalde, Bergheim und Dormagen bereits gezeigt.




Autor: Redaktion
Freitag, 04 September 2026

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