Israel weg, Intifada her: Bei der Linken wird Antisemitismus zum ParteiproblemIsrael weg, Intifada her: Bei der Linken wird Antisemitismus zum Parteiproblem
Hannah Bruns will selbst Tel Aviv nicht unter israelischer Herrschaft sehen und verweigerte die Distanzierung vom Hamas Massaker. Trotzdem ist sie weiter Mitglied der Linken.

Bildnachweis: Symbolbild KI generiert
âDie Befreiung PalĂ€stinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von PalĂ€stinaPalĂ€stina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalĂ€stina bezeichnet historisch eine Region im sĂŒdlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palĂ€stinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jĂŒdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen liegt!â Mit diesem Satz hat Hannah Bruns ziemlich genau beschrieben, worum es ihr geht. Nicht um Benjamin Netanjahu. Nicht um Siedlungen in JudĂ€a und SamariaJudĂ€a und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudĂ€a und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen HöhenzĂŒgen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebrĂ€uchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen. Nicht um einen Streit ĂŒber Grenzen. Tel Aviv liegt mitten im international anerkannten israelischen Staatsgebiet. Wer auch Tel Aviv der israelischen SouverĂ€nitĂ€t entziehen will, fordert nichts weniger als die Beseitigung Israels als jĂŒdischen Staat.
Bei Bruns steht diese Aussage nicht allein. Im Juli 2025 erklĂ€rte sie auf einer Demonstration, man werde sich auch von anderen KrĂ€ften nicht distanzieren, die gegen das von ihr so bezeichnete israelische Kolonialregime kĂ€mpften. Ein Reporter fragte ausdrĂŒcklich nach dem Hamas Massaker7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel verĂ€nderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel verĂ€nderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen. Bruns antwortete: âIch werde mich von gar nichts distanzieren.â Im Oktober rief sie zur âglobalen IntifadaIntifada: Ein Wort fĂŒr Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa âAbschĂŒttelnâ. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palĂ€stinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch SelbstmordanschlĂ€ge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprĂ€gt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesenâ auf, im Januar 2026 beendete sie eine Rede mit âIntifada bis zum SiegGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiertâGlobale Intifadaâ oder âGlobalize the Intifadaâ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, HĂ€fen und Schiffe.Mehr lesenâ. Die WELT dokumentiert diese Aussagen und berichtet ĂŒber einen inzwischen vorbereiteten Antrag auf ihren Parteiausschluss.
Das Massaker, von dem Bruns sich auf ausdrĂŒckliche Nachfrage nicht distanzieren wollte, kostete rund 1200 Menschen in IsraelIsrael: Der jĂŒdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jĂŒdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegrĂŒndet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum UnabhĂ€ngigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen das Leben. HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palĂ€stinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen Terroristen und ihre VerbĂŒndeten ermordeten Familien, Jugendliche auf dem Nova Festival, alte Menschen und Kinder. Mehr als 250 Menschen wurden als Geiseln verschleppt. Wer danach von einer Intifada bis zum Sieg spricht und erklĂ€rt, die Befreiung mĂŒsse bis Tel Aviv reichen, lĂ€sst kaum Raum fĂŒr die bequeme Ausrede, hier werde lediglich eine israelische Regierung kritisiert.
Auch nach den MaĂstĂ€ben der international verwendeten IHRA ArbeitsdefinitionIHRA-Definition: MaĂstab gegen modernen AntisemitismusDie IHRA-Definition ist eine nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition von Antisemitismus. Sie wird international von vielen Staaten, Behörden und Institutionen genutzt. Besonders wichtig sind ihre Beispiele zu israelbezogenem Antisemitismus.Mehr lesen ist die Sache relevant. Als Beispiel fĂŒr AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und VerschwörungserzĂ€hlungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nennt sie ausdrĂŒcklich das Aberkennen des Selbstbestimmungsrechts des jĂŒdischen Volkes. Die Bundesregierung hat sich dieser Definition 2017 angeschlossen. Der Deutsche Bundestag zieht sie ebenfalls als maĂgebliche Grundlage im Kampf gegen Antisemitismus heran.
Bruns fordert die Beseitigung Israels als jĂŒdischen Staat. Ihre Aussagen zur Intifada und ihre Weigerung, sich vom Hamas Massaker zu distanzieren, verschĂ€rfen dieses Bild. Wer darin Antisemitismus erkennt, muss keine versteckten Codes entschlĂŒsseln. Die Aussagen liegen offen auf dem Tisch.
Der Ausschlussantrag ist fertig, nur einreichen will ihn keiner
Und genau hier beginnt der eigentliche Skandal fĂŒr die Berliner Linke.
Dem Tagesspiegel und der WELT liegt ein Entwurf fĂŒr einen Parteiausschlussantrag gegen Bruns vor. Nach Tagesspiegel Informationen wird er schon lĂ€nger vorbereitet. Bislang findet sich jedoch offenbar niemand, der bereit ist, ihn einzureichen. Einzelne Parteimitglieder vermuten laut Tagesspiegel, dass eine erneute Antisemitismusdebatte mitten im Berliner Wahlkampf vermieden werden soll. Die WELT berichtet aus Kreisen der Antragsteller sogar, der Landesvorstand habe darauf gedrĂ€ngt, den Wahlkampf nicht mit einem Ausschlussverfahren zu belasten. Der Landesvorstand lieĂ die entsprechende Anfrage der Zeitung unbeantwortet. Damit ist diese Darstellung nicht bestĂ€tigt, aber sie steht im Raum.
Die politische Wirkung ist trotzdem verheerend. Die Partei weiĂ, was Bruns gesagt hat. Parteimitglieder haben ihre Aussagen gesammelt, bewertet und einen Ausschlussantrag vorbereitet. Prominente UnterstĂŒtzer soll es nach WELT Informationen ebenfalls geben. Nur die Unterschrift, die aus dem Papier ein tatsĂ€chliches Verfahren machen wĂŒrde, fehlt.
Das ist bemerkenswert fĂŒr eine Partei, die öffentlich versichert, das Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jĂŒdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jĂŒdischen Staates, als souverĂ€ner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jĂŒdische Selbstbestimmung grundsĂ€tzlich infrage.Mehr lesen sei fĂŒr sie nicht verhandelbar. Noch im Juni beschloss der Bundesparteitag unter der Ăberschrift âGegen jeden Antisemitismusâ, Judenhass niemals tolerieren zu wollen. Der Beschluss beschreibt selbst den dramatischen Anstieg antisemitischer VorfĂ€lle nach dem 7. Oktober und die Angst vieler Juden in Deutschland.
Auf dem Papier klingt das tadellos.
In Berlin klingt es gleichzeitig nach âIntifada bis zum Siegâ.
Noch deutlicher wird der Widerspruch, weil Bruns kein politischer Findling ist, der gestern zufĂ€llig vor der Parteizentrale aufgetaucht wĂ€re. Sie war bereits frĂŒher Mitglied der Linken, trat 2018 aus und schloss sich dem militanten maoistischen âJugendwiderstandâ an. Im April 2025 wurde sie wieder in die Linkspartei aufgenommen. Heute gehört sie der parteiinternen Arbeitsgemeinschaft PalĂ€stinasolidaritĂ€t an und zĂ€hlt dort laut WELT zu den prĂ€genden Stimmen.
Die Partei hat sie also nicht geerbt. Sie hat sie zurĂŒckgenommen.
Erst Dahabflex, jetzt Bruns
Der Zeitpunkt könnte fĂŒr die Berliner Linke kaum unangenehmer sein. Erst wenige Tage zuvor hatte der Rapper Dahabflex auf einer Wahlkampfveranstaltung des Neuköllner Bezirksverbandes âYalla Yalla Intifadaâ und âDeath to the IDFâ gesungen. Zahlreiche Besucher tanzten, Teile des Publikums sangen mit. WĂ€hrend des Auftritts griff nach Berichten des Tagesspiegels niemand ein. Spitzenkandidatin Elif Eralp zeigte sich anschlieĂend âentsetztâ und verlangte Konsequenzen.
Nur war Dahabflex fĂŒr die Linke Neukölln kein völlig unbekanntes Risiko. haOlam hatte bereits dokumentiert, dass es schon 2025 innerhalb der politischen Umgebung des Bezirksverbandes öffentliche Warnungen wegen seiner Texte gegeben hatte. Damals waren bereits Referenzen auf Intifada, PFLPPFLP: Marxistische Terrororganisation gegen IsraelDie PFLP ist eine 1967 gegrĂŒndete marxistisch leninistische palĂ€stinensische Organisation. Sie lehnt Israel ab, setzt auf bewaffneten Kampf und wird von den USA und der EU als Terrororganisation gefĂŒhrt.Mehr lesen Terroristin Leila Khaled und Todesparolen gegen die IDF thematisiert worden. Von einem völlig ĂŒberraschenden Ausrutscher auf der WahlkampfbĂŒhne konnte deshalb kaum die Rede sein.
Noch erstaunlicher war die Reaktion der parteiinternen LAG PalĂ€stinasolidaritĂ€t. Statt den Vorfall zum Anlass fĂŒr Distanzierung zu nehmen, stellte sie sich hinter Dahabflex und die Neuköllner Linke. Die Berichterstattung bezeichnete sie als âHetzkampagneâ und als Intervention der âReichen und MĂ€chtigenâ.
Damit stehen innerhalb derselben Partei zwei Welten nebeneinander. Auf der einen Seite erklĂ€rt die Spitzenkandidatin, sie sei entsetzt und stehe gegen jede Form von Antisemitismus. Auf der anderen Seite verteidigt eine offizielle Landesarbeitsgemeinschaft einen Auftritt, bei dem Intifada Parolen und âDeath to the IDFâ zu hören waren. Und mittendrin steht Hannah Bruns mit ihrer Vorstellung eines PalĂ€stinas, dessen âBefreiungâ erst dann beendet sein soll, wenn Tel Aviv nicht mehr israelisch ist.
Der Fall Ramsis Kilani hĂ€tte lĂ€ngst zeigen können, wohin dieser Konflikt fĂŒhrt. Kilani wurde 2025 endgĂŒltig aus der Linken ausgeschlossen. Die Bundesschiedskommission bestĂ€tigte den Parteiausschluss. Teile der Partei stellten sich anschlieĂend demonstrativ hinter ihn und griffen das Verfahren scharf an.
haOlam berichtete bereits nach dem Potsdamer Bundesparteitag ĂŒber den immer offeneren Kampf um den Kurs gegenĂŒber Israel. Damals hatte die Linke Israels Vorgehen in Gaza als Völkermord bezeichnet. Gleichzeitig wurde innerhalb der Partei ĂŒber Hamas Verharmlosung, Antizionismus und antisemitische Parolen gestritten. Was damals wie ein schwerer Richtungsstreit wirkte, ist inzwischen auf Berliner WahlkampfbĂŒhnen und in AusschlussantrĂ€gen angekommen.
Der bequemste Ausweg wĂ€re jetzt wieder das Wort âEinzelfallâ.
Nur werden die EinzelfÀlle langsam ziemlich gesellig.
Dahabflex war einer. Kilani war einer. Bruns soll offenbar ebenfalls einer sein. Die LAG PalĂ€stinasolidaritĂ€t verteidigt wiederum Teile dieses Milieus. Parteimitglieder, die dagegenhalten, warnen selbst vor einer VerwĂ€sserung antisemitismuskritischer Positionen. Gleichzeitig erklĂ€rt die ParteifĂŒhrung öffentlich, sie kĂ€mpfe entschlossen gegen Antisemitismus.
An Bekenntnissen mangelt es der Linken nicht.
An Konflikten mit den eigenen Bekenntnissen offensichtlich auch nicht.
Bei Hannah Bruns ist die Sache besonders deutlich. Sie hat ihre Position nicht in einem vertraulichen GesprĂ€ch formuliert und wurde auch nicht mit einem heimlich aufgenommenen Halbsatz erwischt. Sie sprach öffentlich ĂŒber Tel Aviv. Sie wurde ausdrĂŒcklich nach dem Massaker vom 7. Oktober gefragt. Sie rief öffentlich zur Intifada auf.
Jetzt liegt offenbar ein Ausschlussantrag vor.
Und wĂ€hrend die Linke darĂŒber diskutiert, wer ihn unterschreibt, bleibt Bruns Mitglied.
Vielleicht ist genau das inzwischen die treffendste Beschreibung des Antisemitismusproblems dieser Partei: Die richtigen BeschlĂŒsse sind lĂ€ngst geschrieben.
Nur bei den Konsequenzen wird es plötzlich kompliziert.
Autor: Redaktion
Samstag, 05 September 2026