83 Prozent unzufrieden und trotzdem dieser Ton: Merz nennt Ärzte „Nutznießer“

83 Prozent unzufrieden und trotzdem dieser Ton: Merz nennt Ärzte „Nutznießer“


Friedrich Merz erreicht einen historischen Tiefstwert im ARD DeutschlandTREND. Gleichzeitig erklärt der Kanzler einer Kinderärztin, sie sei Nutznießerin des Gesundheitssystems. Heute protestieren Ärzte, Pflegekräfte und Patienten vor dem Reichstag.

83 Prozent unzufrieden und trotzdem dieser Ton: Merz nennt Ärzte „Nutznießer“
Bildnachweis: President Of Ukraine / Quelle

Friedrich Merz verlangt Respekt für sein Amt. Beim Respekt gegenüber jenen, die Deutschlands Gesundheitsversorgung jeden Tag am Laufen halten, klingt der Bundeskanzler deutlich großzügiger mit sich selbst. In der RTL Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ stritt er mit der Kinderärztin Maria Bea Merscher über die geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen. Merscher griff den Kanzler scharf an und bezeichnete Teile seiner Politik als „menschenverachtend“ und „zerstörerisch“. Merz durfte und musste darauf widersprechen. Doch dann erklärte er der Ärztin, sie sei als Teil des Gesundheitssystems auch dessen „Nutznießerin“. Ärztebudgets seien in zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, Deutschland gebe mehr als 500 Milliarden Euro für Gesundheit aus.

Man kann über Merschers Vorwürfe streiten. Man kann ihre Wortwahl für überzogen halten und die Sparpläne der Bundesregierung verteidigen. Aber ausgerechnet Ärzte zu „Nutznießern“ eines Systems zu erklären, das ohne ihre Arbeit binnen kürzester Zeit zusammenbrechen würde, ist eine bemerkenswerte Verdrehung. Die Ironie daran scheint Merz entgangen zu sein: Der Bundeskanzler ist selbst Nutznießer ärztlicher Arbeit. Genau wie jeder andere Mensch in Deutschland. Wer krank wird, einen Unfall hat, Vorsorge benötigt oder im Alter medizinische Hilfe braucht, erwartet, dass Ärzte, Pflegekräfte, Rettungsdienste und medizinische Fachangestellte da sind. Sie sind nicht die Zuschauer eines teuren Systems. Sie sind ein wesentlicher Teil dessen, was dieses System überhaupt erst zu medizinischer Versorgung macht.

Die Landesärztekammer Baden Württemberg nennt Merz' Wortwahl einen „Affront“. Kammerpräsident Wolfgang Miller verweist darauf, dass Ärzte weder für den hohen Krankenstand noch für die finanzielle Schieflage des Gesundheitswesens verantwortlich seien. Sie versorgten Patienten rund um die Uhr und unter schwierigen Bedingungen. Die Landesärztekammer Brandenburg formuliert noch schärfer: Ärzte und Beschäftigte seien Hauptbestandteil des Gesundheitssystems und nicht dessen Nutznießer. Präsident Steffen König wirft Merz vor, mit seiner Darstellung die tatsächlichen Verhältnisse zu verkehren.

Der Hartmannbund spricht von einem Tiefpunkt der politischen Debattenkultur. Die Bezeichnung erwecke den Eindruck, Ärzte seien Profiteure eines für sie geschaffenen Systems. Tatsächlich sei die Gesellschaft die Nutznießerin einer nahezu flächendeckenden medizinischen Versorgung. Das trifft den Punkt erheblich besser als die Wortwahl des Kanzlers. Natürlich werden Ärzte für ihre Arbeit bezahlt. Natürlich muss auch über Kosten, ineffiziente Strukturen und Fehlanreize gesprochen werden. Aber aus bezahlter Arbeit einen „Nutznießer“ zu machen, während dieselben Menschen Nachtdienste, Bereitschaften, überfüllte Praxen und Personalmangel bewältigen, wirkt nicht wie Reformbereitschaft. Es wirkt herablassend.

83 Prozent sind mit Merz unzufrieden

Besonders erstaunlich ist der Ton vor dem Hintergrund der politischen Lage des Kanzlers. Der aktuelle ARD DeutschlandTREND liefert Zahlen, bei denen Demut zumindest keine völlig abwegige Reaktion wäre. Nur 13 Prozent der Wahlberechtigten sind mit der politischen Arbeit von Friedrich Merz zufrieden. 83 Prozent sind weniger oder gar nicht zufrieden. Das ist der niedrigste Zufriedenheitswert, den ein amtierender Bundeskanzler in der Geschichte dieser Erhebung erreicht hat. Auch die Bundesregierung steht mit nur 15 Prozent Zufriedenheit kaum besser da.

Ein Kanzler mit solchen Zahlen könnte besonders genau zuhören, wenn ihm Menschen aus der Praxis erklären, wo es knirscht. Merz vermittelt stattdessen den Eindruck, als müsse vor allem den Kritikern erklärt werden, wie das System funktioniert. Genau dieser Ton von oben herab ist politisch gefährlich. Nicht weil ein Regierungschef jedem Protestierenden recht geben müsste. Sondern weil 83 Prozent Unzufriedenheit ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf sind, dass zwischen Regierung und Bevölkerung bereits erheblicher Vertrauensverlust besteht.

Wie wenig glücklich die „Nutznießer“ Bemerkung war, zeigt inzwischen sogar der Spott aus den Kliniken. Beschäftigte der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret veröffentlichten ein Video, in dem sie sich ironisch selbst als „Nutznießer“ präsentieren. Oberärztin Lena Lippert bezeichnete Merz' Aussage gegenüber der Hessenschau als große Respektlosigkeit gegenüber Menschen, die Überstunden leisten und Nachtschichten übernehmen. Das Video verbreitete sich innerhalb kurzer Zeit tausendfach.

Und Merz setzte noch einen drauf. Merscher organisiert für den heutigen Samstag ab 13 Uhr vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Kundgebung „Es reicht! Gesundheit statt Sparwahn“. Ärzte, Pflegekräfte, Hebammen, Therapeuten, Eltern und Patienten wollen dort gegen die geplanten Einsparungen protestieren. Die Veranstalter rechnen mit mehr als 12.000 Teilnehmern. Auf Merschers Frage, ob Merz zur Demonstration komme, habe er nach ihrer Darstellung lediglich geantwortet: „Ganz bestimmt nicht.“ Ein Kanzler ist selbstverständlich nicht verpflichtet, jede Demonstration zu besuchen. Aber im Zusammenhang mit der vorangegangenen Auseinandersetzung klingt dieser Satz nicht nach Gesprächsbereitschaft.

Wer ist hier eigentlich der Nutznießer?

Deutschland hat ein teures Gesundheitssystem und die Kosten müssen kontrolliert werden. Daran führt kein Weg vorbei. Auch Ärzteverbände bestreiten nicht, dass Reformen notwendig sind. Die aktuelle Auseinandersetzung dreht sich deshalb nicht darum, ob jeder Euro, der heute ausgegeben wird, unantastbar sein soll. Sie dreht sich darum, ob die Bundesregierung ausgerechnet bei den Menschen kürzt und verbal nachtritt, deren Arbeit Patienten unmittelbar spüren.

Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung warnte erst am Freitag davor, die ambulante Versorgung wie einen beliebig reduzierbaren Kostenblock zu behandeln. Ärzte seien häufig von Idealismus und Verantwortungsgefühl getragen, doch damit lasse sich keine Praxis finanzieren. Auch die politischen Verantwortlichen werden irgendwann feststellen, dass man fehlendes Personal nicht mit einer Haushaltsposition behandeln und keine Kinderarztpraxis mit einer Excel Tabelle offenhalten kann.

Merz wollte der Kinderärztin vermutlich erklären, dass auch Ärzte wirtschaftlich vom Gesundheitssystem abhängig sind. Das ist banal richtig. Nur funktioniert diese Abhängigkeit in beide Richtungen. Ärzte brauchen ein finanziertes Gesundheitssystem. Das Gesundheitssystem braucht Ärzte. Und Friedrich Merz braucht, sobald er medizinische Hilfe benötigt, dieselben Ärzte wie jeder andere Bürger auch.

Vielleicht liegt genau darin die Absurdität dieses ganzen Streits. Der Mann, dessen politische Arbeit derzeit 83 Prozent der Wahlberechtigten nicht überzeugt, erklärt einer Ärztin, sie sei Nutznießerin des Systems, und lehnt ihre Einladung zum Protest nach ihrer Darstellung mit einem knappen „Ganz bestimmt nicht“ ab.

Selbstbewusstsein ist für einen Bundeskanzler keine schlechte Eigenschaft.

Bei 13 Prozent Zustimmung wäre etwas weniger Überheblichkeit allerdings auch kein politischer Nachteil.




Autor: Daniel Werner
Samstag, 05 September 2026

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