43,8 Prozent AfD: Charlotte Knobloch erkennt ihre Heimat kaum wieder

43,8 Prozent AfD: Charlotte Knobloch erkennt ihre Heimat kaum wieder


Die AfD gewinnt Sachsen-Anhalt mit historischem Abstand. Für Charlotte Knobloch ist das mehr als ein politischer Erdrutsch. Die 93-jährige Holocaust-Überlebende sagt offen: „Das macht mir Angst.“

43,8 Prozent AfD: Charlotte Knobloch erkennt ihre Heimat kaum wieder
Bildnachweis: U.S. Army photo by Pfc. Jesus Menchaca / Quelle

Das Ergebnis steht inzwischen fest. Nach dem vorläufigen Endergebnis erreicht die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Die CDU stürzt auf 17,2 Prozent ab. SPD, Grüne und Linke bleiben jeweils unter zehn Prozent, das BSW zieht knapp in den Landtag ein. Die AfD hat damit ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt.

Für Charlotte Knobloch ist dieser Wahlabend nicht einfach die nächste Verschiebung im deutschen Parteiensystem. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern wurde 1932 geboren, überlebte als jüdisches Kind die nationalsozialistische Verfolgung und blieb nach 1945 in Deutschland. Dass sie nun erleben muss, wie eine vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei fast 44 Prozent erreicht, trifft sie entsprechend persönlich.

Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, sagte Knobloch, an Tagen wie diesem falle es ihr schwer, ihre Heimat wiederzuerkennen. Dass Rechtsextreme in Deutschland wieder Wahlen auf diese Weise gewinnen könnten, habe sie sich nicht vorstellen können. Ihr knappster und wohl stärkster Satz lautet: „Das macht mir Angst.“

Diese Angst entsteht nicht aus einer beliebigen politischen Abneigung. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den Landesverband der AfD seit 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Behörde erklärt ausdrücklich, die politische Agitation richte sich gegen wesentliche Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Genannt werden ein völkisch geprägter Volksbegriff sowie rassistische, muslimfeindliche und auch antisemitische Aussagen von Funktions- und Mandatsträgern. Das ist keine Bewertung einer konkurrierenden Partei und keine journalistische Zuschreibung, sondern die offizielle Einschätzung der zuständigen Verfassungsschutzbehörde.

haOlam berichtete bereits am Wahlabend über die Dimension des AfD-Sieges und die besondere Bedeutung für jüdische Beobachter. Damals lagen nur Prognosen vor. Inzwischen ist klar, dass die ersten Zahlen die Größenordnung nicht übertrieben haben. Die AfD hat Sachsen-Anhalt politisch umgepflügt.

Israelfreundlichkeit beantwortet nicht jede jüdische Sorge

Dabei gibt es einen Widerspruch, den man nicht unterschlagen sollte. Die AfD präsentiert sich seit Jahren demonstrativ israelfreundlich. Sie verurteilt HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, fordert ein hartes Vorgehen gegen Islamismus und positioniert sich deutlich gegen BDSBDS: Boykottkampagne gegen IsraelBDS ist eine gegen Israel gerichtete Boykottkampagne. Der Deutsche Bundestag verurteilte die Bewegung 2019 als antisemitisch.Mehr lesen. Gerade angesichts des explosionsartig gewachsenen israelbezogenen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen von links und aus islamistischen Milieus findet diese Haltung auch bei manchen jüdischen und proisraelischen Beobachtern Zustimmung.

Aber Unterstützung für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen beantwortet nicht automatisch die Frage, welche Vorstellungen eine Partei von deutscher Geschichte, Erinnerungspolitik, Minderheiten und nationaler Identität vertritt. Für Knobloch und andere Vertreter jüdischer Gemeinden liegt genau dort das Problem.

Auch Zentralratspräsident Josef Schuster reagierte auf das Ergebnis mit großer Sorge. Die Jüdische Allgemeine berichtet, Schuster sei „persönlich entsetzt“. Besonders fürchtet er Veränderungen in der Bildungs- und Erinnerungspolitik, sollte die AfD Regierungsverantwortung erhalten.

Schon Monate vor der Wahl hatte Schuster bei der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage in Magdeburg ungewöhnlich deutlich vor einer Regierungsbeteiligung der AfD gewarnt. Dabei nannte er ausdrücklich Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und verlangte von den demokratischen Parteien, Wähler zurückzugewinnen, ohne der AfD politische Verantwortung zu überlassen.

43,8 Prozent lassen sich nicht einfach wegreden

Gleichzeitig wäre es falsch, aus dem Wahlergebnis zu machen, 43,8 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt seien Rechtsextremisten oder Antisemiten. Wahlen funktionieren so nicht. Menschen wählen Parteien aus sehr unterschiedlichen Gründen. Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Frust über Berlin, Ablehnung der etablierten Parteien, Russlandpolitik, Protest und das Gefühl politischer Entfremdung spielten beim AfD-Erfolg eine Rolle. Das ändert nichts an der politischen Verantwortung einer Wahlentscheidung, aber es verhindert eine bequeme Erklärung, bei der fast die Hälfte eines Bundeslandes einfach moralisch abgeschrieben wird.

Genau dort liegt zugleich das Versagen der politischen Mitte. Wer ein Ergebnis von fast 44 Prozent ausschließlich mit falschem Bewusstsein, Wut oder Extremismus erklärt, macht es sich zu leicht. Die CDU ist von 37,1 Prozent im Jahr 2021 auf 17,2 Prozent abgestürzt. Ein solches Ergebnis fällt nicht vom Himmel. Vertrauen ist in riesigem Umfang verloren gegangen.

Knoblochs Reaktion richtet sich deshalb auch an jene Parteien, die jetzt entsetzt auf die AfD schauen. Sie fordert, dass die demokratische Mitte nicht länger nur auf Entwicklungen reagiert, sondern wieder selbst politische Richtung vorgibt. Das ist keine Forderung, 573.000 AfD-Wähler zu beschimpfen. Es ist die Forderung, zu verstehen, warum eine Partei mit dieser Einstufung überhaupt so stark werden konnte.

haOlam hat bereits früher darauf hingewiesen, dass Erinnerungskultur allein jüdische Sicherheit nicht garantiert. Deutschland kann jedes Jahr an die SchoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen erinnern und gleichzeitig erleben, wie jüdische Bürger das Vertrauen verlieren, dass bestimmte politische und gesellschaftliche Grenzen tatsächlich dauerhaft bestehen.

Bei Charlotte Knobloch bekommt dieser Widerspruch ein Gesicht. Sie überlebte als Kind ein Deutschland, in dem Juden verfolgt und ermordet wurden. Danach entschied sie sich, in München zu bleiben, eine jüdische Gemeinde wieder aufzubauen und Deutschland als ihre Heimat zu betrachten.

93 Jahre später sagt sie nach einer deutschen Landtagswahl: „Das macht mir Angst.“

Man muss ihre politische Bewertung nicht in jedem Punkt teilen.

Aber man sollte begreifen, welches Gewicht dieser Satz hat.




Autor: Redaktion
Montag, 07 September 2026

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