„Morgen hängen wir die Knobloch“: Morddrohung gegen 93-jährige Holocaust-Überlebende

„Morgen hängen wir die Knobloch“: Morddrohung gegen 93-jährige Holocaust-Überlebende


Eine Todesdrohung im Englischen Garten richtet sich namentlich gegen Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sagte daraufhin einen öffentlichen Auftritt ab. Der Staatsschutz ermittelt.

„Morgen hängen wir die Knobloch“: Morddrohung gegen 93-jährige Holocaust-Überlebende
Bildnachweis: U.S. Army photo by Pfc. Jesus Menchaca / Quelle

Eine 93-jährige HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen-Überlebende kann in München nicht zu einer Buchvorstellung gehen, weil jemand öffentlich ihre Hinrichtung ankündigt. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat am Donnerstagabend ihre Teilnahme an einer Veranstaltung im Kulturzentrum Fat Cat abgesagt, nachdem im Englischen Garten eine konkrete Todesdrohung gegen sie entdeckt worden war.

Die Schmiererei befand sich nach Angaben der Münchner Polizei auf einer Parkbank und einem Mülleimer im südöstlichen Teil des Englischen Gartens. Der Wortlaut lässt wenig Raum für Missverständnisse: „Die AfD hat gesiegt. Morgen hängen wir die Knobloch.“ Eine Zeugin entdeckte die mit wasserfestem Stift angebrachte Drohung und informierte die Polizei. Der Staatsschutz ermittelt wegen Bedrohung und Sachbeschädigung und sucht Zeugen. Hinweise auf eine konkrete Gefährdung Knoblochs liegen nach Angaben der Polizei derzeit nicht vor.

Knobloch sollte am Donnerstagabend an der Vorstellung des neuen Buches „Meinungsfreiheit: Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken und wie wir es verteidigen“ des Journalisten Ronen Steinke teilnehmen. Daraus wurde nichts. Ihre Teilnahme wurde kurzfristig abgesagt. Aus einer hingeschmierten Morddrohung wurde damit etwas sehr Reales: Eine der bekanntesten jüdischen Stimmen Deutschlands blieb einer öffentlichen Veranstaltung aus Sicherheitsgründen fern.

Wenige Tage zuvor sagte Knobloch: „Das macht mir Angst“

Die Drohung kommt nur wenige Tage nach Knoblochs scharfer Reaktion auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Am 6. September erklärte sie, es falle ihr schwer, ihre Heimat wiederzuerkennen. Sie habe sich nicht vorstellen können, dass Rechtsextreme in Deutschland wieder auf diese Weise Wahlen gewinnen könnten. „Das macht mir Angst“, sagte die Holocaust-Überlebende. Die Israelitische Kultusgemeinde veröffentlichte ihre Erklärung selbst.

haOlam berichtete bereits über Knoblochs Reaktion auf das Wahlergebnis. Dort ging es um die Frage, was es bedeutet, wenn eine Frau, die als jüdisches Kind die nationalsozialistische Verfolgung überlebt hat und anschließend beim Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland half, mit 93 Jahren sagt, ihr Vertrauen in dieses Land sei erschüttert.

Vier Tage später steht ihr Name auf einer Parkbank neben einer Ankündigung, sie aufzuhängen.

Dabei sind Bedrohungen für Knobloch längst kein außergewöhnliches Erlebnis mehr. Ende August sagte sie im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung über ihren Alltag ausdrücklich: „Ich werde jeden Tag bedroht.“ In ihrem neuen Buch beschreibt sie, dass ihr die frühere Zuversicht verloren gegangen sei, Deutschland werde dauerhaft ein sicherer Ort für jüdisches Leben bleiben.

Knobloch leitet die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern seit 1985 und gehört seit Jahrzehnten zu den sichtbarsten Vertretern jüdischen Lebens in Deutschland. Sie überlebte die Schoah als Kind in München, war Präsidentin des Zentralrats der Juden und blieb auch im hohen Alter öffentlich präsent. Dass ausgerechnet eine Frau mit dieser Biografie wegen einer Todesdrohung einen Auftritt in ihrer Heimatstadt absagen muss, benötigt wenig zusätzliche Symbolik.

Der unbekannte Täter ist bislang nicht identifiziert. Auch über sein politisches Umfeld ist nichts bekannt. Der Schriftzug selbst stellt jedoch ausdrücklich einen Zusammenhang mit dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt her. Wer daraus politische Verantwortung ableiten will, muss auf die Ermittlungen warten.

Die Tatsache bleibt: In München kündigt jemand öffentlich an, eine 93-jährige jüdische Frau aufzuhängen. Und die Bedrohung ist ernst genug, dass ihr öffentlicher Auftritt abgesagt wird.

Für Charlotte Knobloch ist das nicht irgendeine abstrakte Debatte über gesellschaftliche Verrohung.

Es ist ihr Leben in Deutschland im Jahr 2026.




Autor: Redaktion
Samstag, 12 September 2026

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