Gedenken in Halle: AfD macht jüdische Studenten zu „Linken“Gedenken in Halle: AfD macht jüdische Studenten zu „Linken“
Jüdische Studenten verhinderten die Teilnahme von AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider am Gedenken an den Synagogenanschlag. Die AfD spricht pauschal von linken Demonstranten und lässt die jüdische Studentenorganisation unerwähnt.

AmsiebtenJahrestagdesantisemitischenTerroranschlagsaufdieSynagogeinHalleisteinStreitüberdieTeilnahmedesAfD-PolitikersHans-ThomasTillschneiderentstanden.MitgliederderJüdischenStudierendenunionDeutschland(JSUD)undweitereTeilnehmerderGedenkveranstaltungbildetenamFreitag,dem9.Oktober2026,eineMenschenkettevordemSynagogengelände.Sieverhindertendamit,dassderneugewählteLandtagsvizepräsidentdasGeländebetretenkonnte.TillschneiderwolltenachAngabenseinerFraktiondenebenfallsderAfDangehörendenLandtagspräsidentenTobiasRauschvertreten.
BesondersbemerkenswertistdieanschließendeReaktionderAfD-LandtagsfraktionSachsen-Anhalt.InihreroffiziellenPressemitteilungmachtesieausdenProtestierendenpauschal„linkeDemonstranten“.BereitsdieÜberschriftstelltedieEreignisseunterdiesepolitischeZuordnung.ImeigentlichenTextwarvoneiner„GruppelinkerStudenten“dieRede.DasssichunterdenBeteiligtenderPräsidentderJüdischenStudierendenunionDeutschland,RonDekel,befand,erwähntedieFraktionnicht.
DieseDarstellungverdienteinegenauereBetrachtung.DieAfDbenenntDekelzwarnichtpersönlichalsLinken,ordnetjedochdieGruppe,anderenProtestermaßgeblichbeteiligtwar,einempolitischenLagerzu.EinenBelegdafür,dassdiebeteiligtenjüdischenStudentendieserpolitischenRichtungangehören,enthältdiePressemitteilungnicht.StattdenausdrücklicherklärtenAnlassihresProtestesindenMittelpunktzustellen,beschreibtdieFraktiondenVorgangvorallemalsAuseinandersetzungmitlinkenAktivisten.
DasistnichtnureineFragederWortwahl.WereineMenschenkette,anderMitgliedereinerjüdischenStudentenorganisationbeteiligtsind,ausschließlichalsAktionlinkerDemonstrantenbeschreibt,vermitteltdenLeserneinanderesBilddesGeschehens.DiejüdischeIdentitätderbeteiligtenOrganisationundderenBegründungfürdenProtestbleibendabeiunerwähnt.ObdieseDarstellungbewusstgewähltwurde,umdieProtestierendenpolitischabzuwerten,lässtsichnichtfeststellen.IhreWirkungistjedocherkennbar:AuseinemKonfliktumdasGedenkenanantisemitischenTerrorwirdinderMitteilungvorallemeinStreitzwischenderAfDundvermeintlichlinkenGegnern.
RonDekelerklärtegegenüberdemMDR:„WirlassenunserGedenkennichtkapern.“DieMitgliederderJüdischenStudierendenunionbegründetenihrenWiderstandmitihrerAblehnungderpolitischenPositionenTillschneiders.InderJüdischenAllgemeinen erhobDekeldarüberhinausschwereVorwürfegegendenPolitikerunddieAfD,denenereineMitverantwortungfürdiegesellschaftlicheVerbreitungantisemitischerVorstellungenzuschrieb.DabeihandeltessichumdieBewertungdesStudentenvertreters,nichtumeinegerichtlichfestgestelltepersönlicheVerantwortungTillschneidersfürdenAnschlagvonHalle.
DiePolizeibestätigtedieMenschenketteundbezeichnetesiealsspontaneVersammlung.VertreterderVersammlungsbehördeversuchten,zwischendenBeteiligtenzuvermitteln.DieSituationbliebnachPolizeiangabenruhig.TillschneiderverließdenOrtschließlich,ohneanderGedenkveranstaltungaufdemSynagogengeländeteilgenommenzuhaben.
WarumausgerechnetTillschneiderdenLandtagvertretensollte
DiepolitischeVerantwortungfürdieAuswahldesoffiziellenVertretersführtzuTobiasRausch.DerAfD-Politikerwarerstam6.OktoberzumPräsidentendesLandtagsvonSachsen-Anhaltgewähltworden.SeinParteikollegeTillschneiderübernahmamselbenTageinesderVizepräsidentenämter.WenigeTagespätersollteerRauschbeimGedenkeninHallevertreten.
DieseEntscheidungstießnichtnurbeidenjüdischenStudentenaufAblehnung.DerCDU-FraktionsvorsitzendeundgeschäftsführendeMinisterpräsidentSvenSchulzebezeichnetedieEntsendungTillschneidersals„AffrontgegenüberderjüdischenGemeinde“.DieAuswahlseiangesichtsdesAnlassesnichtnachvollziehbar.
HinzukommtdieAussagedesCDU-AbgeordnetenCarstenBorchert,derebenfallsVizepräsidentdesLandtagsist.NacheigenenAngabenwurdeervonRauschnichtgefragt,oberdieVertretungübernehmenkönne.Erwäredazubereitgewesen.
WeshalbRauschsichdurchTillschneidervertretenließ,gehtausdenbisherveröffentlichtenInformationennichthervor.EineabsichtlicheProvokationgegenüberderjüdischenGemeindelässtsichdarausnichtableiten.DieEntscheidungdarfdennochkritischhinterfragtwerden,zumaldiepolitischeVergangenheitTillschneidersbekanntistunddieTeilnahmegeradebeidiesemGedenkanlasserheblicheEinwändeauslöste.
TillschneiderwarmitdeminzwischenformalaufgelöstensogenanntenFlügelderAfDverbunden.DerLandesverbandSachsen-AnhaltwirdvomVerfassungsschutzalsgesichertrechtsextremistischeBestrebungeingestuft.DiesebehördlicheEinstufungdesLandesverbandesistallerdingsnichtmiteinereigenständigenFeststellunggleichzusetzen,TillschneiderpersönlichvertreteantisemitischePositionen.DerPolitikerweistentsprechendeExtremismusvorwürfezurückundbetont,sichniemalsgegenjüdischesLebenausgesprochenzuhaben.
AuchJosefSchuster,PräsidentdesZentralratsderJudeninDeutschland,kritisierteTillschneidersAuftreten.GegenüberderJüdischenAllgemeinen erinnerteeraneinefrühereÄußerungdesPolitikers,derdenAnschlagvonHallealsTateines„geistigverwirrtenEinzeltäters“bezeichnetundeinerpolitischenDeutungwidersprochenhatte.SchusterwertetediesalsVerharmlosungdesnachgewiesenenrechtsextremistischenHintergrunds.DieseKritikistSchusterspolitischeBewertungderdamaligenÄußerung.
TillschneiderwiederumerklärteinderPressemitteilungseinerFraktion,erhabealsVertreterdesLandtagspräsidentenanderGedenkveranstaltungteilnehmenwollen.Erbeklagte,alsNazibeschimpftundanderErfüllungseinerAufgabegehindertwordenzusein.Erwiesausdrücklichzurück,sichjemalsgegenjüdischesLebeninDeutschlandausgesprochenzuhaben,undluddenVorsitzendenderJüdischenGemeindeHalle,MaxPrivorozki,zueinemGesprächmitRauschundihmein.
EinTerroranschlagwirdzum„Amoklauf“
NebenderpolitischenEinordnungderProtestierendenfällteineweitereFormulierungderAfDauf.SowohlinderPressemitteilungalsauchinTillschneidersdortwiedergegebenerStellungnahmewirdderAnschlagvom9.Oktober2019als„Amoklauf“bezeichnet.
TatsächlichwardieTateingezieltgeplanterantisemitischerTerroranschlag.AmjüdischenFeiertagJomKippurversuchtederschwerbewaffneteRechtsextremistStephanBalliet,indieSynagogevonHalleeinzudringen,umdortmöglichstvieleJudenzuermorden.ErscheiterteanderEingangstür,erschossanschließenddie40-jährigeJanaLangeaufderStraßeundden20-jährigenKevinSchwarzeineinemnahegelegenenImbiss.WeitereMenschenwurdenverletzt.
DasOberlandesgerichtNaumburgverurteiltedenTäterimDezember2020zulebenslangerFreiheitsstrafe,stelltediebesondereSchwereseinerSchuldfestundordneteSicherungsverwahrungan.SeineantisemitischeundrechtsextremistischeMotivationwareinzentralerBestandteildesVerfahrens.
DerBegriff„Amoklauf“istdeshalbproblematisch,weilerfürsichgenommenwederdieantisemitischeZielsetzungnochdierechtsextremistischeIdeologiedesTäterserkennenlässt.Darausfolgtnichtautomatisch,dassjeder,derdiesesWortverwendet,dieTatbewusstverharmlosenmöchte.BeieineroffiziellenStellungnahmezumJahrestageinessolchenVerbrechensistdiepräziseBezeichnungalsantisemitischerTerroranschlagjedochvonbesondererBedeutung.
GeradeumdiesenHintergrundgingesdenjüdischenStudenten,dieTillschneidersTeilnahmeablehnten.IhreHaltungwurdevonderAfD-FraktionnichtalseigenständigePositioneinerjüdischenOrganisationwiedergegeben,sondernindieDarstellungeinesKonfliktsmitlinkenDemonstranteneingeordnet.DasisteineredaktionelleEntscheidungderFraktion,diesichanhandihrereigenenveröffentlichtenMitteilungüberprüfenlässt.
AllerdingsistaucheineweitereUnterscheidungwichtig:DerVorsitzendederJüdischenGemeindeHalle,MaxPrivorozki,erklärtegegenüberderJüdischenAllgemeinen,dassgegenTillschneiderkeinHausverbotbestandenhabe.DieGedenkveranstaltungseiöffentlichgewesen,einepersönlicheEinladunghabederPolitikerjedochnichterhalten.DieMenschenkettewarsomitkeineausdrücklicherklärteZutrittsverweigerungdurchdieGemeindeleitung.ObdieBlockaderechtlichzulässigwar,lässtsichanhandderbislangveröffentlichtenUmständenichtabschließendbeurteilen.
DieKontroversehatdamitmehrereEbenen.TillschneiderberuftsichaufseinparlamentarischesAmtundbestreitetdiegegenihnerhobenenpersönlichenVorwürfe.JüdischeStudentenbegründenihrenProtestmitihrerHaltungzuseinerpolitischenVergangenheit.DieCDUkritisiertdiePersonalentscheidungdesLandtagspräsidenten.UnddieAfD-FraktionstelltdieProtestierendenalslinkeDemonstrantendar,ohneihreZugehörigkeitzurJüdischenStudierendenunionzuerwähnen.
GeradederletztePunktverdientKritik.DieöffentlicheAuseinandersetzungwirdnichtdadurchverständlicher,dassmaneinerGruppepauschaleinepolitischeIdentitätzuschreibt,derenGrundlagenichterläutertwird.RonDekelwarandiesemTagnichteinfachirgendeinDemonstrantvoreinerSynagoge.ErtratalsPräsidenteinerjüdischenStudentenorganisationauf,derenMitgliederihreAblehnungausdrücklichmitdemGedenkenandieOpferantisemitischenTerrorsbegründeten.
ÜberdieseAblehnungkannpolitischgestrittenwerden.EbensodürfendieRechtmäßigkeiteinerZugangssperreunddieRechteeinesamtierendenLandtagsvizepräsidentendiskutiertwerden.DafürmüssendieBeteiligtenaberzutreffendbeschriebenundihretatsächlichenBeweggründeberücksichtigtwerden.
Am9.Oktober2026sollteinHallevorallemanJanaLange,KevinSchwarzeunddieMenschenerinnertwerden,diedenAnschlagvon2019überlebten.StattdessenentwickeltesicheinStreitumpolitischeRepräsentationunddieDarstellungjüdischerProtestierender.DassdieAfD-FraktioninihrerReaktiondiejüdischeStudentenorganisationunerwähntließunddieMenschenkettepauschaldemlinkenLagerzuordnete,isteinwesentlicherBestandteildieserAuseinandersetzung.
Autor: Bernd Geiger
Samstag, 10 Oktober 2026