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Kommentar: Israel unter Propagandaverdacht: Doch wie objektiv berichtet Jan-Christoph Kitzler selbst?

Kommentar: Israel unter Propagandaverdacht: Doch wie objektiv berichtet Jan-Christoph Kitzler selbst?


ARD-Korrespondent Jan-Christoph Kitzler untersucht israelische Meinungsmache. Doch seine eigenen Berichte über Israels Linke, Sicherheitspolitik und junge Wähler zeigen eine wiederkehrende politische Stoßrichtung. Überträgt man seine Maßstäbe auf Deutschland, entstehen bemerkenswerte Widersprüche.

Kommentar: Israel unter Propagandaverdacht: Doch wie objektiv berichtet Jan-Christoph Kitzler selbst?
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Jan-Christoph Kitzler beschäftigt sich in der Tagesschau ausführlich mit Israels Öffentlichkeitsarbeit und der Frage, wie die israelische Regierung die internationale Meinung beeinflusst. Er untersucht ausgewählte Botschaften, staatliche Kampagnen und mögliche Irreführung. Das ist legitim. Allerdings muss sich ein Journalist, der anderen eine verzerrte Darstellung vorhält, an seiner eigenen Berichterstattung messen lassen.

Und genau hier beginnt das Problem.

In mehreren Beiträgen zeichnet Kitzler das Bild einer israelischen Gesellschaft, die politisch nach rechts rückt, deren linke Parteien ihre ursprünglichen Überzeugungen verlieren und deren Sicherheitsdenken zunehmend die politische Debatte bestimmt. Die einzelnen Informationen mögen zutreffen. Doch ihre Auswahl und Einordnung erzeugen nach unserer Auffassung ein einseitiges Gesamtbild.

Besonders deutlich wird das in seinem Beitrag vom 17. Oktober 2026 über Israels linke Parteien. Kitzler beschreibt Yair Golan, den Vorsitzenden der Demokraten, als sozialpolitisch links, in Fragen des Nahostkonflikts jedoch ausgesprochen hart. Als Beispiel führt er Golans Ablehnung einer gegenwärtigen palästinensischen Staatsgründung nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 an.

Würde eine harte Haltung zur Terrorbekämpfung und zur Sicherheit IsraelsStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen bereits als Rechtsruck gelten, wäre nach diesem Maßstab auch die deutsche SPD rechts.

Die SPD fordert militärische Verteidigungsfähigkeit, erkennt Israels Recht auf Selbstverteidigung an und verlangt, dass die Angriffe der Hamas dauerhaft enden. Trotzdem bestreitet niemand allein deshalb ihre sozialdemokratische Identität.

Natürlich besteht zwischen beiden Parteien ein Unterschied bei der Frage eines palästinensischen Staates. Aber aus einer anderen Bewertung der gegenwärtigen Sicherheitsbedingungen folgt noch kein Wechsel des gesamten politischen Weltbildes. Genau diese Unterscheidung bleibt in Kitzlers Einordnung unzureichend sichtbar.

Noch weiter geht der von ihm zitierte Wissenschaftler Assaf David. Dieser erklärt zionistische Parteien grundsätzlich für nicht wirklich links, weil sie den jüdischen Charakter Israels über dessen demokratischen Anspruch stellten.

Damit erhält eine politische Auffassung erheblichen Raum, die selbst die historische sozialistisch-zionistische Arbeiterbewegung aus dem linken Spektrum ausschließen würde. Das ist keine allgemein gültige Definition linker Politik, sondern eine umstrittene politische Position.

Kitzler macht sie zu einem wichtigen Bestandteil seiner Betrachtung. Die Geschichte der israelischen Sozialdemokratie und ihre Verbindung von jüdischer Selbstbestimmung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie bleiben dabei weitgehend außen vor.

Sachsen-Anhalt zeigt die widersprüchlichen Maßstäbe

Am 23. Oktober berichtet Kitzler über junge israelische Erstwähler. Einer seiner Gesprächspartner ist 18 Jahre alt, bezeichnet sich nach dem Hamas-Massaker und mehreren Kriegen inzwischen als Mitte-rechts und will in einer Kampfeinheit dienen.

Gleichzeitig glaubt der junge Mann weiterhin an ein friedliches Zusammenleben mit Palästinensern. Er hält es unter den derzeitigen Bedingungen lediglich für schwer erreichbar.

In Kitzlers Bericht steht diese Entwicklung im Zusammenhang mit dem Rechtsruck junger Israelis und den traumatischen Erfahrungen ihrer Generation.

Doch was ist daran die entscheidende Nachricht? Dass ein junger Mensch nach Massakern, Geiselnahmen und Kriegen seine Einschätzung politischer Verhandlungen verändert? Oder dass er trotz dieser Erfahrungen weiterhin an Frieden glaubt?

Der Begriff Rechtsruck beschreibt hier zunächst eine Verschiebung der politischen Selbsteinordnung. Über Extremismus oder Demokratiefeindlichkeit sagt das noch nichts aus.

Ein Blick nach Deutschland macht die Unterschiede deutlich.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erreichte die AfD 43,8 Prozent der Stimmen. Unter Erstwählern waren es laut ARD-Wahlanalyse 40 Prozent, ein Zuwachs um 23 Prozentpunkte gegenüber 2021.

Die AfD wird nicht wegen ihrer Forderungen nach konsequenter Terrorbekämpfung dem rechten beziehungsweise rechtsextremen Spektrum zugeordnet, sondern wegen ihrer weitergehenden politischen und ideologischen Positionen.

Bei dem jungen Israeli aus Kitzlers Bericht geht es dagegen um eine veränderte Haltung zu Sicherheit und Friedensverhandlungen. Er lebt in einem Land, das Terroranschläge und Raketenkriege erlebt hat, und steht selbst vor dem Militärdienst.

Beide Entwicklungen mit demselben Schlagwort zu beschreiben, ohne ihre völlig unterschiedlichen politischen Inhalte ausreichend herauszuarbeiten, führt zu einer irreführenden Verkürzung.

Besonders bemerkenswert: Die Zahlen aus Sachsen-Anhalt stammen von der ARD selbst. Das Problem des politischen Rechtsrucks in Deutschland ist also keineswegs unbekannt. Umso mehr fällt auf, wie anders sich eine sicherheitsorientierte politische Entwicklung junger Israelis darstellt, sobald sie durch die Begriffe der deutschen Berichterstattung betrachtet wird.

In Deutschland wird eine Partei anhand ihrer Ideologie beurteilt. Bei Israels Erstwählern wird bereits die veränderte Einstellung zu Sicherheit und Frieden zum Kennzeichen eines Rechtsrucks. Dieser Unterschied verdient eine deutlich kritischere journalistische Betrachtung.

Ähnliche Fragen wirft Kitzlers Berichterstattung über israelische Öffentlichkeitsarbeit auf.

In seinem Beitrag vom 28. Juni untersucht er staatlich finanzierte Kampagnen und bezeichnet eine israelische Darstellung der Lebensmittelversorgung im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen als mindestens irreführend. Er begründet dies damit, dass ausgewählte Bilder voller Restaurants keinen zutreffenden Eindruck der allgemeinen Versorgungslage vermittelten.

Der zugrunde liegende journalistische Maßstab ist nachvollziehbar: Einzelne zutreffende Bilder können durch ihre Auswahl einen falschen Gesamteindruck erzeugen.

Doch gilt dieser Maßstab nicht ebenso für journalistische Berichte?

Wenn ein Korrespondent wiederholt solche Ausschnitte der israelischen Wirklichkeit auswählt, die einen Rechtsruck, gesellschaftliche Radikalisierung oder problematische staatliche Einflussnahme verdeutlichen sollen, beeinflusst auch diese Auswahl das Bild seines Publikums.

Es macht einen Unterschied, ob die Sicherheitspolitik eines israelischen Sozialdemokraten als Reaktion auf konkrete Terrorbedrohungen untersucht oder vor allem in eine Geschichte über den Rechtsruck der israelischen Linken eingeordnet wird.

Es macht ebenso einen Unterschied, ob ein junger Israeli, der nach mehreren Kriegen seine politischen Ansichten verändert, als Beispiel für demokratische Selbstbestimmung unter schwierigen Bedingungen oder für eine gesellschaftliche Rechtsverschiebung vorgestellt wird.

Kitzler wählt seine Schwerpunkte. Das ist sein journalistisches Recht. Aber diese Entscheidungen sind nicht automatisch objektiv, nur weil sie innerhalb eines Nachrichtenangebots getroffen werden.

Auch die Themen Siedlergewalt und humanitäre Versorgung des Gazastreifens gehören zu seiner kritischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen-Berichterstattung. Beides sind wichtige Gegenstände journalistischer Kontrolle. Gewalt gegen palästinensische Zivilisten muss untersucht werden, ebenso mögliche Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht.

Doch die journalistische Verantwortung endet nicht bei der Darstellung israelischer Fehler. Sie umfasst ebenso die konkrete Bedrohung durch palästinensische Terrororganisationen, die Sicherheitslage jüdischer Bewohner und die Frage, welche staatlichen Maßnahmen tatsächlich notwendig oder unverhältnismäßig sind.

Israel darf kritisiert werden. Aber seine Sicherheitsinteressen dürfen nicht schon durch die Auswahl des Erklärungsrahmens unter politischen Verdacht geraten.

In den untersuchten Beiträgen sehen wir eine wiederkehrende Stoßrichtung: Israel erscheint vor allem dort als problematisch, wo seine Politik vom erwarteten Bild einer demokratischen, friedensorientierten Gesellschaft abweicht. Dass die Sicherheitslage eines bedrohten Staates politische Entscheidungen wesentlich prägt, wird zwar erwähnt, erhält aber aus unserer Sicht nicht dasselbe Gewicht.

Genau darin sehen wir ein Problem journalistischer Objektivität.

Einzelne korrekte Aussagen garantieren noch keine ausgewogene Darstellung. Wer politische Positionen durch Auswahl, Gewichtung und bestimmte Deutungen einordnet, trägt auch Verantwortung für das Gesamtbild.

Und damit stellt sich ausgerechnet bei einem Korrespondenten, der Israels Öffentlichkeitsarbeit kritisch auf mögliche Irreführung untersucht, eine grundsätzliche Frage:

Wo endet journalistische EinordnungKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen, wo beginnt politische Meinungsmache und ab wann nähert sich eine einseitige Darstellung jenen Mechanismen der PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen, die Kitzler selbst untersucht?

Wir behaupten nicht, Jan-Christoph Kitzler betreibe Propaganda. Wir stellen diese Frage angesichts seiner veröffentlichten Arbeit und überlassen die Bewertung unseren Lesern.

Unsere Kritik an der mangelnden Ausgewogenheit seiner politischen Einordnungen ist dagegen eindeutig. Wer Israels Linke wegen ihrer Sicherheitspolitik als nach rechts verschoben darstellt, muss erklären können, weshalb vergleichbare Grundpositionen bei deutschen Sozialdemokraten keinen solchen Schluss rechtfertigen. Wer junge Israelis unter dem Begriff Rechtsruck betrachtet, muss zwischen einer veränderten Haltung nach Terror und Krieg und der Unterstützung rechtsextremer Ideologien unterscheiden.

Journalistische Objektivität zeigt sich nicht daran, wie kritisch jemand über Israel berichtet. Sie zeigt sich daran, ob seine Maßstäbe auch dann noch überzeugen, wenn man sie auf Deutschland anwendet.

Genau an dieser Gegenprobe muss sich Kitzlers Berichterstattung messen lassen.




Autor: Samuel Benning
Freitag, 23 Oktober 2026

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