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Claudia Roth macht den Zentralrat für ihre Israelkritik verantwortlich

Claudia Roth macht den Zentralrat für ihre Israelkritik verantwortlich


Die frühere Kulturstaatsministerin bereut ausgerechnet ihre Distanzierung von israelfeindlichen Aussagen auf der Berlinale. Für ihre damalige Haltung macht sie den Druck jüdischer Organisationen verantwortlich. Der Zentralrat reagiert empört, jüdische Studenten verlangen eine Entschuldigung.

Claudia Roth macht den Zentralrat für ihre Israelkritik verantwortlich
Bildnachweis: Plumpaquatsch / Quelle

Claudia Roth hat mit einem Interview über ihren Umgang mit AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen im deutschen Kulturbetrieb eine heftige Kontroverse ausgelöst. Die Grünen-Politikerin erklärte im Podcast „Jung & Naiv“, sie bereue ihre öffentliche Kritik an israelfeindlichen Aussagen auf der Berlinale 2024. Gleichzeitig machte sie den Zentralrat der Juden mitverantwortlich dafür, dass sie damals überhaupt eine kritische Position eingenommen hatte. Der Zentralrat weist ihre Darstellung zurück. Vertreter jüdischer Organisationen werfen ihr vor, mit ihren Äußerungen alte antisemitische Vorstellungen über den Einfluss jüdischer Institutionen zu bedienen.

Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Wenige Tage vor dem 9. November, an dem Deutschland der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938 gedenkt, steht erneut die Frage im Mittelpunkt, wie ernst politische Verantwortliche die Warnungen jüdischer Organisationen nehmen.

Roth war von 2021 bis 2025 Kulturstaatsministerin der Bundesregierung. In dieser Funktion musste sie sich wiederholt mit Antisemitismusvorwürfen gegen öffentlich geförderte Kulturveranstaltungen auseinandersetzen. Zu den schwerwiegendsten Kontroversen gehörten die documenta fifteen in Kassel 2022 und die Berlinale 2024.

In dem am 4. November veröffentlichten Gespräch mit Tilo Jung blickte Roth auf diese Ereignisse zurück. Dabei beklagte sie eine aus ihrer Sicht vergiftete öffentliche Debatte, die ihre Arbeit erheblich erschwert habe.

Den bemerkenswertesten Teil ihrer Aussagen bildete jedoch nicht die Kritik am Umgangston. Roth bezeichnete ihre damalige Distanzierung von den Aussagen mehrerer Berlinale-Preisträger als grundlegenden Fehler. Zudem verwies sie auf Gespräche mit ausländischen Freunden, die sie gefragt hätten, weshalb sie sich nicht von der historischen Schuld Deutschlands befreie.

Den Druck, unter dem sie sich damals gesehen habe, führte Roth ausdrücklich auch auf den Zentralrat der Juden zurück.

Damit verschob sich der Gegenstand ihrer Selbstkritik: Nicht die mögliche Duldung antisemitischer Inhalte erschien ihr rückblickend als Fehler, sondern ihre öffentliche Distanzierung davon.

Von der documenta zur Berlinale: Die Vorgeschichte

Die Auseinandersetzung begann nicht erst mit der Berlinale.

Auf der documenta fifteen in Kassel wurde im Juni 2022 ein großformatiges Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi gezeigt, das eindeutig antisemitische Bildmotive enthielt. Darunter befand sich eine Figur mit Schweinsgesicht, auf deren Helm die Buchstaben SS zu sehen waren. Eine weitere Darstellung griff auf klassische antisemitische Karikaturmerkmale zurück.

Die Motive waren keine gewöhnliche politische Kritik an Entscheidungen einer israelischen Regierung. Sie bedienten antisemitische Feindbilder und waren deshalb zu Recht Gegenstand einer heftigen öffentlichen Debatte.

Bereits vor der Eröffnung hatte es Warnungen vor möglichen antisemitischen Inhalten gegeben. Nach Bekanntwerden des Skandals wurden Fragen nach der Verantwortung der Veranstalter, der Aufsichtsgremien und der beteiligten öffentlichen Stellen laut.

Roth betonte damals, nicht persönlich über die Auswahl der ausgestellten Werke entschieden zu haben. Auch im neuen Interview verwies sie darauf, dass ihr Amt seinerzeit keine entsprechenden Stimmrechte in den zuständigen Gremien gehabt habe.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Die politische Verantwortung einer Kulturstaatsministerin bedeutet nicht, dass sie persönlich jedes Kunstwerk genehmigt oder dessen Entfernung unmittelbar anordnen kann.

Gleichzeitig gehört es zur politischen Verantwortung ihres Amtes, auf schwerwiegende Missstände im öffentlich geförderten Kulturbetrieb zu reagieren und Warnungen jüdischer Organisationen ernst zu nehmen.

Roths neue Darstellung hinterlässt gerade an diesem Punkt Fragen.

Im Podcast sprach sie über das antisemitische documenta-Werk mit einer auffällig zurückhaltenden Formulierung. Sie beschrieb es als Kunstwerk, dessen Bildsprache antisemitisch gelesen werden konnte.

Diese Beschreibung bleibt hinter der damaligen Debatte über die konkret erkennbaren antisemitischen Motive zurück. Der Vorwurf beruhte nicht nur auf einer beliebigen Interpretation einzelner Betrachter.

Zwei Jahre später folgte der nächste Konflikt.

Bei der Berlinale 2024 nutzten mehrere Filmschaffende ihre Auftritte, um IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen schwerwiegende Vorwürfe zu machen. Bei der Preisverleihung für den Dokumentarfilm „No Other Land“ sprach der israelische Regisseur Yuval Abraham von Apartheid. Auch sein palästinensischer Kollege Basel Adra kritisierte Israel. Der amerikanische Filmemacher Ben Russell verwendete bei der Gala den Begriff Genozid.

Roth saß als damalige Kulturstaatsministerin im Publikum und applaudierte.

Später erklärte sie im Interview mit dem „Spiegel“, die Darstellung Israels als Apartheidstaat und der Vorwurf eines Völkermords seien aus ihrer Sicht problematisch. Insbesondere die Rede Adras kritisierte sie als einseitig und israelfeindlich.

Diese Distanzierung gehörte zu den wenigen klaren öffentlichen Reaktionen eines hochrangigen Regierungsmitglieds auf die damalige Veranstaltung.

Nun bezeichnet Roth ausgerechnet diese Aussagen als Fehler. Sie habe damals unter erheblichem Druck gestanden und sich im Nachhinein bei den betroffenen Filmschaffenden zu entschuldigen versucht.

Es steht ihr selbstverständlich frei, ihre Bewertung der israelischen Politik zu ändern. Auch der Vorwurf der Apartheid oder eines Völkermords darf öffentlich diskutiert und rechtlich geprüft werden. Die bloße Verwendung solcher Begriffe ist nicht automatisch antisemitisch.

Entscheidend sind der konkrete Zusammenhang, die Begründung und die Frage, ob Israel mit anderen Maßstäben bewertet oder jüdische SelbstbestimmungZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen grundsätzlich delegitimiert wird.

Problematisch an Roths Erklärung ist deshalb nicht allein ihre geänderte Haltung. Es ist ihre Darstellung, dass jüdischer Druck sie daran gehindert habe, ihre eigentliche Meinung zu äußern.

Zentralrat und jüdische Studenten widersprechen

Die Reaktion des Zentralrats der Juden fiel ungewöhnlich scharf aus.

Wie der „Stern“ berichtete, wurde aus dem Umfeld des Zentralrats der Vorwurf erhoben, Roth konstruiere eine jüdische Verschwörung, um ihr eigenes Verhalten zu erklären. Auch die persönliche Glaubwürdigkeit der früheren Kulturstaatsministerin wurde deutlich infrage gestellt.

Wichtig ist dabei, dass die veröffentlichten Äußerungen aus dem Umfeld des Zentralrats stammen und nicht als namentlich gekennzeichnete Erklärung seines Präsidenten Josef Schuster verbreitet wurden.

Noch konkreter äußerte sich Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland.

Dekel erklärte gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“, Roths Aussagen über den Einfluss des Zentralrats erinnerten ihn an alte antisemitische Verschwörungserzählungen. Besonders die Verbindung mit der Forderung, sich von deutscher historischer Schuld zu befreien, kritisierte er scharf.

Der Studentenvertreter verwies außerdem auf die Jewrovision, den vom Zentralrat veranstalteten Gesangs- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren.

Roth hatte im Podcast beklagt, bei einer solchen Veranstaltung gezielt ausgepfiffen worden zu sein. Sie beschrieb den Vorfall als Teil einer Kampagne gegen ihre Person.

Dekel bestätigte, dass es bei der Jewrovision Protest gegen Roth gegeben hatte. Er erinnerte allerdings daran, dass jüdische Jugendliche und Studenten mit ihrem Verhalten auf den Umgang der damaligen Kulturstaatsministerin mit dem documenta-Skandal reagierten.

Die Jüdische Studierendenunion hatte nach seinen Angaben dazu aufgerufen, den Raum zu verlassen, wenn Roth auftrete.

Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen den Darstellungen.

Roth sieht in den Protesten einen Ausdruck gezielten Drucks gegen ihre Person. Die beteiligten jüdischen Jugendlichen verstanden ihre Reaktion dagegen als Protest gegen politische Entscheidungen und gegen den Umgang mit Antisemitismus.

Es ist legitim, dass eine Politikerin solche Proteste als persönlich verletzend empfindet. Ebenso legitim ist jedoch, dass jüdische Jugendliche einer verantwortlichen Politikerin öffentlich ihre Ablehnung zeigen.

Kritik an einer Kulturstaatsministerin ist keine unzulässige Einflussnahme, nur weil sie von einer jüdischen Organisation kommt.

Die Bezeichnung als Kampagne erhält deshalb eine besondere Bedeutung, wenn sie mit der Behauptung verbunden wird, der Zentralrat habe Roth zu einer politischen Haltung gedrängt, die sie selbst nicht vertreten wollte.

Dekel verlangt inzwischen eine öffentliche Entschuldigung. Außerdem fordert er die Führung der Grünen auf, sich zu den Äußerungen ihrer Parteikollegin zu positionieren.

Auch Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und selbst Mitglied der Grünen, übte deutliche Kritik.

Er verwies darauf, dass Roth mit der von ihr wiedergegebenen Aufforderung, sich von deutscher Schuld zu befreien, sprachlich in die Nähe jener Argumentation gerate, die aus Debatten über einen angeblichen deutschen Schuldkult bekannt sei.

Die Parallele bedeutet nicht, dass Roth dieselben politischen Ziele wie Rechtsextremisten verfolgt. Sie macht jedoch deutlich, weshalb entsprechende Formulierungen besonders sensibel sind.

Wer die historische Verantwortung DeutschlandsStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen als Hindernis für eine vermeintlich freie Meinungsäußerung über Israel darstellt, berührt ein bekanntes Muster der deutschen Erinnerungspolitik: Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen wird nicht als Grundlage politischer Verantwortung verstanden, sondern als Belastung, von der man sich lösen müsse.

Roth hat dieser Interpretation inzwischen ausdrücklich widersprochen.

Gegenüber dem „Stern“ bezeichnete sie entsprechende Unterstellungen als unakzeptabel. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen und die daraus erwachsende Verantwortung seien seit Jahrzehnten zentrale Bestandteile ihrer politischen Arbeit.

Diese Erklärung gehört zu einer vollständigen Darstellung des Vorgangs. Sie ändert allerdings nichts daran, dass Roth im ursprünglichen Gespräch selbst den Zentralrat als Quelle erheblichen politischen Drucks benannt hatte.

Ihre spätere Zurückweisung betrifft vor allem die Schlussfolgerungen, die Kritiker daraus ziehen.

Jüdische Kritik ist keine unzulässige Einflussnahme

Der politische Kern des Konflikts reicht weit über Claudia Roth hinaus.

Jüdische Organisationen werden in Deutschland regelmäßig aufgefordert, sich am Kampf gegen Antisemitismus zu beteiligen, auf problematische Entwicklungen hinzuweisen und ihre Erfahrungen in politische Entscheidungen einzubringen.

Wenn sie dies tun, stoßen sie jedoch immer wieder auf den Vorwurf, übermäßigen Einfluss auszuüben oder öffentliche Debatten zu dominieren.

Gerade dieser Widerspruch ist problematisch.

Der Zentralrat der Juden vertritt die Interessen jüdischer Gemeinden in Deutschland. Er ist kein staatliches Organ und besitzt keine Befugnis, Regierungsmitgliedern politische Positionen vorzuschreiben.

Seine Vertreter können kritisieren, warnen, protestieren und öffentlich Forderungen stellen. Das unterscheidet sie nicht grundsätzlich von Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden oder anderen gesellschaftlichen Organisationen.

Der Vorwurf eines besonderen jüdischen Drucks erhält jedoch eine zusätzliche Bedeutung, weil antisemitische Verschwörungserzählungen seit Jahrhunderten behaupten, Juden verfügten über eine verborgene Macht über Politik und Medien.

Nicht jede Beschwerde über eine Äußerung des Zentralrats ist deshalb antisemitisch. Seine Positionen dürfen ebenso kritisiert werden wie die anderer Verbände.

Eine andere Qualität entsteht jedoch dort, wo eine Politikerin ihre eigenen Entscheidungen rückblickend mit dem angeblich übermächtigen Einfluss jüdischer Organisationen erklärt.

Eine demokratisch verantwortliche Ministerin muss für ihre öffentlichen Äußerungen grundsätzlich selbst einstehen.

Wenn Roth ihre damalige Kritik an den Berlinale-Reden heute für falsch hält, kann sie dies erklären und begründen. Dafür muss sie nicht den Zentralrat verantwortlich machen.

Ebenso wenig lässt sich aus dem Applaus oder den Pfiffen bei einer Veranstaltung automatisch eine koordinierte Kampagne ableiten.

Der brandenburgische Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner griff den Vorgang in einem scharf formulierten Meinungsbeitrag für die „Jüdische Allgemeine“ auf. Er kritisierte insbesondere, dass Roth die Verantwortung für ihre damaligen Entscheidungen nun bei jenen suche, die auf Antisemitismus aufmerksam gemacht hätten.

Sein Beitrag ist eine persönliche politische Bewertung, keine amtliche Feststellung über Roths Motive.

Die inhaltliche Frage bleibt dennoch bestehen: Weshalb erscheint der früheren Kulturstaatsministerin heute ihre Distanzierung von israelfeindlichen Aussagen problematischer als die Wirkung ihrer eigenen Äußerungen über den Zentralrat?

Für jüdische Menschen in Deutschland ist diese Debatte nicht abstrakt.

Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 haben antisemitische Angriffe und Bedrohungen das Sicherheitsgefühl vieler jüdischer Bürger erheblich beeinträchtigt. Jüdische Einrichtungen benötigen Polizeischutz, und zahlreiche Menschen vermeiden es, ihre jüdische Identität öffentlich zu zeigen.

Roth selbst räumt im Podcast ein, dass diese Bedrohungslage erschreckend sei und konsequent bekämpft werden müsse.

Gerade deshalb wirken ihre Äußerungen über den Zentralrat widersprüchlich.

Einerseits erklärt sie, jüdische Sorgen ernst zu nehmen. Andererseits beschreibt sie den öffentlichen Widerspruch jüdischer Organisationen als wesentlichen Grund für eine der schwierigsten Phasen ihres politischen Lebens.

Auch ihr Verweis auf die historische Verantwortung Deutschlands wirft Fragen auf.

Die Erinnerung an den Holocaust verpflichtet nicht dazu, jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutzuheißen. Sie bedeutet auch nicht, dass Kritik an Israels Politik grundsätzlich unterbleiben müsste.

Sie verlangt aber, antisemitische Muster zu erkennen und jüdischen Menschen nicht die Verantwortung für die gesellschaftlichen Spannungen zuzuschreiben, die durch den Kampf gegen Antisemitismus sichtbar werden.

Die Forderung nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Israel und die Ablehnung antisemitischer Stereotype stehen deshalb nicht im Widerspruch.

Ron Dekel formulierte im Interview noch eine weitergehende Kritik: Er bezweifle inzwischen, dass Roth ihren erklärten Kampf gegen sämtliche Formen des Antisemitismus tatsächlich konsequent verfolge.

Das ist die persönliche Bewertung des Präsidenten der Jüdischen Studierendenunion, keine erwiesene Feststellung über Roths Überzeugungen.

Sie zeigt jedoch, wie stark das Vertrauen zwischen der Politikerin und Teilen der jüdischen Gemeinschaft inzwischen beschädigt ist.

Am 9. November werden zahlreiche deutsche Politiker erneut der nationalsozialistischen Novemberpogrome gedenken und die Verpflichtung zum Schutz jüdischen Lebens betonen.

Wie glaubwürdig solche Erklärungen sind, entscheidet sich nicht allein an Gedenkreden, sondern auch daran, wie Verantwortliche im politischen Alltag mit jüdischer Kritik umgehen.

Claudia Roth darf ihre frühere Haltung zur Berlinale überdenken. Sie darf den Zentralrat kritisieren und sie darf die israelische Regierung scharf angreifen. Was sie jedoch erklären muss, ist, weshalb sie ihre eigene damalige Position heute ausgerechnet dem Druck jüdischer Organisationen zuschreibt.

Die Verantwortung für ihre politischen Entscheidungen lag bei ihr selbst. Genau daran muss sich auch ihre jetzige Erklärung messen lassen.




Autor: Redaktion
Samstag, 07 November 2026

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