Jena: Wer am 9. November gegen Israel demonstrieren will, hat den Sinn des Gedenkens verfehltJena: Wer am 9. November gegen Israel demonstrieren will, hat den Sinn des Gedenkens verfehlt
Die Initiative „Klang der Stolpersteine“ will an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome erinnern. Doch ausgerechnet zu diesem Anlass erklärt sie die israelische Flagge zum Problem und erhebt Vorwürfe gegen den jüdischen Staat. Diese politische Instrumentalisierung des Gedenkens verdient deutlichen Widerspruch.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Am 9. November 1938 wurden in Deutschland Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte verwüstet, Menschen misshandelt, ermordet und in KonzentrationslagerShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen verschleppt. Der Tag steht für die offene, staatlich organisierte Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung und für den Weg in die ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen. Wer an diesem Jahrestag an die Opfer erinnert, trägt eine besondere Verantwortung: Es geht um die Verbrechen der Deutschen an den Juden. Nicht um den GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, nicht um israelische Siedlungspolitik und nicht um eine politische Abrechnung mit dem heutigen jüdischen Staat.
Genau diese Grenze überschreitet die Jenaer Initiative „Klang der Stolpersteine“. Auf ihrer Internetseite fordert sie unter der Überschrift „Bitte keine Flaggen!“ zum Verzicht auf Nationalflaggen auf. Das wäre für sich genommen eine organisatorische Entscheidung, über die man diskutieren könnte. Doch die Verantwortlichen gehen ausdrücklich weiter. Sie erklären, dass sie angesichts angeblich andauernder Kriegsverbrechen und nicht verfolgter Verbrechen radikaler Siedler auch die israelische Nationalflagge für ein missverständliches Symbol hielten.
Damit haben die Organisatoren selbst die israelische Politik in eine Gedenkveranstaltung hineingetragen, bei der sie nichts zu suchen hat.
Was haben israelische Militäreinsätze, die Politik einer israelischen Regierung oder Straftaten radikaler Siedler mit den Novemberpogromen von 1938 zu tun? Nichts. Die jüdischen Familien, deren Geschäfte zerstört wurden, die Menschen, die aus ihren Wohnungen geprügelt und in Konzentrationslager verschleppt wurden, waren keine Verantwortlichen für Entscheidungen eines Staates, der damals noch gar nicht existierte.
Ausgerechnet an ihrem Gedenktag politische Vorwürfe gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen in den Mittelpunkt einer Erklärung zu stellen, ist eine Verschiebung des historischen Anlasses. Statt ausschließlich an die deutschen Täter und ihre jüdischen Opfer zu erinnern, eröffnen die Verantwortlichen eine Debatte über angebliche Verfehlungen des jüdischen Staates.
Besonders befremdlich ist die Begründung der Initiative, sie müsse sich aus Gründen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit auch gegenüber Israel positionieren. Warum sollte die Glaubwürdigkeit einer deutschen Initiative gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen davon abhängen, dass sie am Jahrestag der Novemberpogrome Israel kritisiert? Seit wann ist die politische Distanzierung vom jüdischen Staat eine Voraussetzung dafür, glaubwürdig an ermordete Juden zu erinnern?
Niemand verlangt von den Veranstaltern, israelische Regierungsentscheidungen gutzuheißen. Niemand verlangt, Verbrechen zu verschweigen oder Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen. Aber es gibt für solche Debatten andere Tage, andere Veranstaltungen und andere Orte. Der 9. November ist kein geeigneter Anlass, um eine politische Stellungnahme gegen Israel in das Gedenken einzubauen.
Noch schwerer wiegt, was die Organisatoren dabei offenbar übersehen: Die israelische Flagge ist nicht die Flagge Benjamin Netanjahus oder irgendeiner anderen Regierung. Sie ist das Staatssymbol Israels, des Landes, das für Millionen Juden eine Heimat und einen Zufluchtsort darstellt. Gerade die Erfahrung der nationalsozialistischen Verfolgung hat gezeigt, welche katastrophalen Folgen jüdische Schutzlosigkeit haben kann.
Die Initiative behandelt dieses Symbol jedoch ausdrücklich als politisch belastet. Nicht weil es bei der Veranstaltung zu konkreten Störungen gekommen wäre, sondern aufgrund ihrer Bewertung gegenwärtiger israelischer Politik. So wird die Flagge eines Staates, dessen Existenz für die Sicherheit des jüdischen Volkes von besonderer Bedeutung ist, zum Gegenstand einer deutschen Distanzierungserklärung am Gedenktag der Novemberpogrome.
Dass die Organisatoren grundsätzlich keine Nationalflaggen wünschen, beseitigt diesen Widerspruch nicht. Denn sie selbst haben Israel ausdrücklich herausgegriffen und ihre Haltung mit politischen Vorwürfen begründet. Wer eine allgemeine Regel aufstellt, anschließend aber ausführlich erklärt, weshalb gerade die israelische Flagge unerwünscht ist, kann sich nicht darauf zurückziehen, alle Staaten gleichzubehandeln.
Bemerkenswert ist auch die Beschreibung der Veranstaltungsziele. Die Initiative möchte der Opfer des nationalsozialistischen Terrors gedenken, universelle Menschenrechte verteidigen und rechtsextremen Aufmärschen entgegentreten. In dieser Aufzählung werden die jüdischen Opfer der Novemberpogrome nicht einmal ausdrücklich genannt. Für eine Veranstaltung am 9. November ist das eine auffällige Auslassung.
Die FDP-Fraktion im Jenaer Stadtrat hat diesen Punkt ebenso kritisiert wie die Haltung zur israelischen Flagge. Auch aus der CDU kommt Widerspruch. Die Kritik ist berechtigt, denn eine Gedenkveranstaltung darf ihren historischen Gegenstand nicht hinter allgemeinen politischen Botschaften verschwinden lassen.
Dabei zeigt ausgerechnet eine Rede des Jenaer Oberbürgermeisters Thomas Nitzsche aus dem Jahr 2025, wie anders man mit diesem Thema umgehen kann. Damals erinnerte er daran, dass die israelische Flagge für das Überleben des jüdischen Volkes und für den Neuanfang nach der Shoah steht. Er unterschied ausdrücklich zwischen dem Symbol Israels und der Politik seiner Regierung. Das ist eine Unterscheidung, die auch die Verantwortlichen des „Klangs der Stolpersteine“ vornehmen könnten.
Stattdessen erklären sie den jüdischen Staat zum Gegenstand ihrer politischen Abgrenzung und begründen dies ausgerechnet mit ihrer Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Antisemitismus.
Es ist nicht Aufgabe deutscher Gedenkveranstalter, Israel von Kritik freizustellen. Es ist aber ebenso wenig ihre Aufgabe, den Jahrestag der nationalsozialistischen Judenverfolgung für eine Stellungnahme zur israelischen Politik zu benutzen. Die Opfer des 9. November 1938 dürfen nicht zur Kulisse gegenwärtiger politischer Auseinandersetzungen werden.
Wer über israelische Kriegsführung, Siedlergewalt oder Menschenrechtsverletzungen sprechen möchte, kann das an jedem anderen Tag tun. Am 9. November sollten die Namen, Schicksale und Geschichten der verfolgten Juden im Mittelpunkt stehen. Die deutsche Verantwortung für ihre Verfolgung ist groß genug, um einen ganzen Gedenktag auszufüllen.
Die Initiative „Klang der Stolpersteine“ hätte sich darauf konzentrieren können. Dass sie stattdessen aus eigenem Antrieb die israelische Flagge problematisiert, ist ihre Entscheidung. Und genau für diese Entscheidung muss sie sich kritisieren lassen.
Der 9. November gehört dem Gedenken an die Opfer des deutschen Antisemitismus. Er ist keine Bühne für eine politische Abrechnung mit Israel.
Autor: Samuel Benning
Sonntag, 08 November 2026