Griechenlands Schulbücher loben jüdisches Leben, verschweigen aber Antisemitismus

Griechenlands Schulbücher loben jüdisches Leben, verschweigen aber Antisemitismus


Ein neuer Bericht zeigt: Griechische Schulbücher vermitteln erstaunlich viel Wissen über Judentum und Holocaust. Doch ausgerechnet der Begriff, der Europa seit Jahrhunderten prägt und bis heute Juden bedroht, fehlt vollständig: Antisemitismus.

Griechenlands Schulbücher loben jüdisches Leben, verschweigen aber Antisemitismus
By Sogal - Own work, transferred from el.wikipedia; transferred to Commons by User:MARKELLOS using CommonsHelper.(Original text : Sogal), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8318167

Der neue Bericht von IMPACT-se wirft ein Schlaglicht auf das griechische Bildungssystem und seine Darstellung jüdischer Geschichte. Viele Befunde sind erfreulich, einige sind brisant, und ein zentraler Punkt offenbart eine gravierende Leerstelle. Griechenlands Schulbücher beschreiben jüdisches Leben mit Respekt, behandeln den HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen mit Klarheit und historischer Ernsthaftigkeit, doch sie blenden den Begriff AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen komplett aus. In einer Zeit, in der Juden europaweit wieder offen angegriffen werden, wirkt diese Lücke wie ein Risiko, das man nicht übersehen darf.

Der Bericht bewertet griechische Schulbücher anhand der UNESCO-Standards für Frieden und Toleranz. Er untersucht Materialien der Grund- und weiterführenden Schulen und stellt fest, dass Griechenland jüdisches Leben erstaunlich detailliert vermittelt. Religiöse Feste, Bräuche, Synagogen, Schabbat, der Bezug zu JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, jüdische Traditionen im Jahreslauf all das wird kindgerecht und respektvoll vorgestellt. Besonders ein Lehrbuch der neunten Klasse wird explizit gelobt: Es zeigt Pessach, Schawuot, Sukkot, Purim und Chanukka mit anschaulichen Erklärungen und Bildern. Für ein europäisches Schulbuch ist das bemerkenswert und weit über dem Durchschnitt.

Auch die Darstellung der Schoa fällt differenziert aus. Lehrbücher sprechen über Deportationen, Auschwitz, das System der Vernichtung, die Endlösung, Gaskammern, die Einzigartigkeit des Holocausts und die Ermordung der griechischen Juden. Viele Texte arbeiten mit Quellen, historischen Fotografien und den Stimmen von Überlebenden, darunter Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank. Ein weiteres Lehrbuch erwähnt die Rettung der gesamten jüdischen Gemeinde der Insel Zakynthos ein Kapitel, das in Europa selten unterrichtet wird und auf respektvolle Weise an griechische Zivilcourage erinnert.

Doch genau an dieser Stelle beginnt die Leerstelle. Während religiöse Inhalte gut vermittelt werden, bleiben zentrale Aspekte jüdischer Geschichte im Land erstaunlich blass. Die Jahrtausende alte Präsenz jüdischer Gemeinden in Griechenland, die Bedeutung Thessalonikis als einstige Metropole jüdischen Lebens, die Zerstörung dieser Welt durch die Deutschen vieles davon wird nur oberflächlich berührt. Dass ausgerechnet der Begriff Antisemitismus in keinem einzigen Lehrbuch vorkommt, ist mehr als eine redaktionelle Lücke. Es ist ein blinder Fleck mit Folgen.

Denn Europa erlebt derzeit einen dramatischen Anstieg antisemitischer Gewalt. Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Beschimpfungen, Verschwörungserzählungen und offene Feindseligkeit sind in vielen Städten wieder sichtbarer geworden. Wer junge Menschen aufklären will, muss diesen Begriff erklären, historisch verorten und seine Mechanismen benennen. Ohne dieses Verständnis entsteht kein Schutz. Ohne dieses Verständnis bleibt das Lernen über das Judentum eine kulturelle Insel, isoliert von der Realität der Gefährdung jüdischen Lebens.

Ein weiteres Thema, das die Studie kritisch vermerkt, betrifft die Darstellung Israels. Sie ist minimal, bruchstückhaft und an entscheidenden Stellen unvollständig. Die Entstehung des jüdischen Staates wird nicht erwähnt. Auch die Emigration griechischer Juden nach 1945, ein prägendes historisches Ereignis für tausende Familien, taucht nicht auf. Das Ergebnis ist ein narratives Loch: Judentum wird ausführlich erklärt, der Holocaust ebenfalls – aber die nationale Wiedergeburt, die für die meisten jüdischen Familien weltweit zentrale Bedeutung hat, fehlt. Gerade in einem europäischen KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen ist diese Auslassung folgenschwer.

Ein positives Signal setzt Griechenland dennoch. Ein problematischer Abschnitt, der IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zuvor kollektiv anklagte und mit emotional manipulierenden Formulierungen arbeitete, wurde vollständig gestrichen. Der Text hatte Israel dafür verantwortlich gemacht, Kindern in den palästinensischen Gebieten das Leben zu zerstören, und „IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen“ als legitimen Widerstand beschrieben. Dass diese Passage verschwunden ist, zeigt ein Bewusstsein für die Gefahr antisemitischer Narrative in Schulbüchern und die Bereitschaft, gegenzusteuern.

IMPACT-se Geschäftsführer Marcus Sheff lobte diese Entscheidung ausdrücklich. Sie zeige, dass griechische Behörden die Bedeutung einer verantwortungsvollen Pädagogik erkannt haben. Gleichzeitig betonte er die Dringlichkeit, den Begriff Antisemitismus endlich in die Lehrpläne aufzunehmen, damit Schülerinnen und Schüler verstehen, wie Judenhass entsteht, wie er sich verändert und warum er sich so hartnäckig hält.

Die Analyse macht deutlich: Griechenland ist auf einem guten Weg, wenn es um die Vermittlung jüdischer Kultur und um eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Holocaust geht. Doch solange das Wort Antisemitismus nicht vorkommt, bleibt eine entscheidende Dimension unbenannt. Und ohne diese Dimension lässt sich die Geschichte der Juden in Europa nicht verstehen  weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart.




Autor: Redaktion
Samstag, 06 Dezember 2025

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