1000 Kilometer gegen das Vergessen: Ein Radfahrer startet in Auschwitz mit einer klaren Botschaft1000 Kilometer gegen das Vergessen: Ein Radfahrer startet in Auschwitz mit einer klaren Botschaft
In einer Zeit, in der Antisemitismus wieder laut wird, wählt ein Mann eine leise, körperlich extreme Form des Erinnerns. Kein Podium, keine Parolen. Nur Strecke, Schmerz und Verantwortung.
Am Tor von Auschwitz beginnt am Donnerstag eine Fahrt, die mehr ist als eine sportliche Herausforderung. Der tschechische Radfahrer Lukáš Klement startet seine rund 1000 Kilometer lange Strecke genau dort, wo industrielle Menschenvernichtung ihren grausamsten Ausdruck fand. Von der sogenannten Todespforte des Vernichtungslagers aus will er in bis zu fünfzig Stunden quer durch Polen fahren. Die Route ist so geplant, dass sie auf digitalen Karten zwei Worte formt, die heute wieder verteidigt werden müssen: Never Again.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Kurz vor dem Internationalen Holocaust Gedenktag und vor dem Hintergrund einer weltweit spürbaren Zunahme antisemitischer Gewalt setzt Klement ein Zeichen, das nicht provozieren will, sondern erinnern. Er lädt andere ein, den ersten Kilometer gemeinsam mit ihm zu fahren. Doch selbst wenn niemand kommt, wird er losfahren. Diese Entschlossenheit ist Teil der Botschaft.
Auschwitz steht nicht nur für den Mord an über einer Million Juden, sondern für den vollständigen moralischen Zusammenbruch einer Zivilisation. Von hier aus loszufahren bedeutet, Erinnerung nicht als statisches Ritual zu begreifen, sondern als Verpflichtung zur Bewegung. Klement spricht nicht von Heldentum. Er spricht von Verantwortung. Sein Körper wird die Strecke tragen, seine Route soll sichtbar machen, was Worte oft verlieren.
Die Fahrt erfolgt in Zusammenarbeit mit ZAKA, einer israelischen Hilfsorganisation, die sich weltweit um Bergung, Identifizierung und würdige Behandlung von Toten kümmert. ZAKA ist international anerkannt und arbeitet mit Freiwilligen aus unterschiedlichen religiösen Hintergründen. Juden, Christen und Muslime engagieren sich dort gemeinsam. Für Klement war genau das ausschlaggebend. Erinnern, sagt er, dürfe nicht trennen, sondern müsse verbinden, ohne zu relativieren.
ZAKA war in den vergangenen Jahren an Orten im Einsatz, an denen Geschichte erneut brutal wurde. In der Ukraine halfen ihre Teams auch hochbetagten Holocaust Überlebenden bei der Flucht. Einer von ihnen war 101 Jahre alt. Solche Begegnungen, so Klement, hätten ihm deutlich gemacht, dass der Holocaust keine ferne Vergangenheit ist, sondern Teil einer noch lebenden Erinnerung. Wer heute schweigt, lässt diese Erinnerung erneut gefährden.
Die Route durch Polen ist kein Zufall. Dieses Land trägt die Narben der deutschen Vernichtungspolitik ebenso wie die Spuren jahrhundertelangen jüdischen Lebens. Städte, Dörfer und Landschaften, die Klement durchquert, waren einst Teil eines kulturellen Raums, der ausgelöscht werden sollte. Dass die Fahrt ausgerechnet hier die Worte Never Again formt, ist eine bewusste Rückeroberung von Bedeutung.
In einer Zeit, in der jüdische Einrichtungen in Europa wieder bewacht werden müssen und antisemitische Parolen auf Demonstrationen offen gerufen werden, bekommt dieses Projekt eine zusätzliche Dringlichkeit. Es ist kein politisches Statement im klassischen Sinne. Es ist ein moralisches. Die Botschaft richtet sich nicht nur an Juden, sondern an alle. Wer Auschwitz kennt und dennoch relativiert, hat nichts verstanden.
Klement hat Erfahrung mit symbolischen Routen. Bereits im November 2023 fuhr er rund 3000 Kilometer quer durch Europa, um auf einer Tracking App den Davidstern sichtbar zu machen. Auch damals ging es nicht um sportliche Rekorde, sondern um Sichtbarkeit. Um die Frage, wer heute bereit ist, Haltung zu zeigen, ohne dafür Applaus zu erwarten.
Die aktuelle Fahrt ist öffentlich. Menschen können Teilstrecken begleiten, unterstützen oder einfach die Botschaft weitertragen. Eine eigens eingerichtete Kommunikationsgruppe informiert über Etappen und Möglichkeiten zur Beteiligung. Doch selbst ohne Begleitung bleibt der Kern bestehen. Ein einzelner Mensch setzt seinen Körper ein, um Erinnerung in Bewegung zu halten.
Gerade für Israel hat diese Initiative eine besondere Bedeutung. Der Staat existiert nicht losgelöst von Auschwitz. Er ist eine Konsequenz daraus. Wer heute das Existenzrecht Israels infrage stellt, greift indirekt auch die Lehre aus dem Holocaust an. Never Again ist keine Floskel. Es ist ein Auftrag.
Diese Fahrt ist anstrengend, schmerzhaft und gefährlich. Aber Vergessen ist gefährlicher. Vielleicht liegt genau darin ihre Kraft.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: ZAKA
Mittwoch, 14 Januar 2026