Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de arbeitet ohne Verlag und ohne institutionelle Unterstützung.
Das vergangene Jahr hat uns deutlich gezeigt, wie wichtig unabhängige Berichterstattung ist.
Um unsere Arbeit 2026 vollständig fortführen zu können, müssen wir weiterhin auf Ihr Mitwirken bauen. Unser Ziel liegt bei 8.000 Euro, ideal wären 10.000 Euro. Wir sind noch nicht am Ende angekommen jede Unterstützung hilft uns jetzt besonders. Kontakt bei Fragen: kontakt@haolam.de
Undercover im Hassmilieu: Wie Israelfeindschaft Frankreichs radikale Linke zusammenschweißt

Undercover im Hassmilieu: Wie Israelfeindschaft Frankreichs radikale Linke zusammenschweißt


Eine junge Journalistin mischt sich ein Jahr lang unter pro palästinensische Aktivisten, Feministinnen und linke Studenten. Was sie erlebt, ist keine Randerscheinung, sondern ein politisches Warnsignal für ganz Europa.

Undercover im Hassmilieu: Wie Israelfeindschaft Frankreichs radikale Linke zusammenschweißt

Ein Jahr lang lebte Nora Bussigny ein Doppelleben. Öffentlich unauffällig, innerlich ständig unter Spannung, bewegte sie sich durch Demonstrationen, Universitätsräume, feministische Treffen und linke Aktivistennetzwerke in Frankreich. Sie skandierte Parolen, die sie verabscheut. Sie applaudierte Menschen, die Terror verherrlichen. Sie passte ihre Sprache an, lernte Codes, Begriffe, Denkweisen. Alles, um nicht aufzufallen.

Das Ergebnis dieser Recherche ist ein Buch, das Frankreich erschüttert. „Les Nouveaux Antisémites“ ist kein Meinungsessay, sondern ein Protokoll. Es zeigt, wie sich unter dem Deckmantel von Menschenrechten, Antikolonialismus und Fortschrittlichkeit ein aggressiver, oft offen formulierter Hass auf Juden und Israel ausgebreitet hat. Nicht am Rand der Gesellschaft, sondern mitten in ihr.

Bussigny ist keine politische Aktivistin, keine Zionistin, keine Jüdin. Sie ist Französin, Tochter eines marokkanischstämmigen Elternteils, geprägt von einem Milieu, in dem Juden kaum eine Rolle spielten. Gerade deshalb ist ihre Perspektive so brisant. Sie beschreibt, wie Antizionismus in vielen linken Gruppen nicht nur akzeptiert, sondern identitätsstiftend wirkt. Israel wird nicht kritisiert, sondern dämonisiert. Juden werden nicht erwähnt, sondern durch den Begriff „Zionisten“ ersetzt. Die alte Feindschaft erscheint in neuem Vokabular.

Was sie beobachtet, ist eine bemerkenswerte Allianz. Islamistische Aktivisten, radikale Linke, selbsternannte progressive Gruppen, Teile der feministischen Szene, LGBT Aktivisten und ökologische Bewegungen finden im Hass auf Israel einen gemeinsamen Nenner. Historische Differenzen, ideologische Brüche, interne Konflikte verlieren an Bedeutung. Der gemeinsame Gegner verbindet stärker als jedes politische Programm.

Besonders verstörend ist für Bussigny, wie selbstverständlich Terror verherrlicht wird. Auf Demonstrationen wird von „palästinensischem Widerstand“ gesprochen, wobei damit ausdrücklich bewaffnete Gewalt gemeint ist. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober wird nicht als Massaker bezeichnet, sondern als legitime Aktion gefeiert. Wer Zweifel äußert, gilt als Verräter. Wer die falschen Begriffe benutzt, wird misstrauisch beäugt.

Die Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Israel wird nur noch als „zionistische Entität“ bezeichnet, die israelischen Streitkräfte als „genozidale Armee“. Wer von Israel spricht, verrät sich. Bussigny beschreibt, wie sie lernen musste, dieses Vokabular perfekt zu beherrschen, um nicht enttarnt zu werden. Die permanente Selbstkontrolle sei psychisch extrem belastend gewesen, fast schizophren, wie sie sagt.

In ihrem Buch legt sie offen, wie Organisationen wie Urgence Palestine, Palestine Vaincra oder Samidoun in Frankreich agieren. Einige dieser Gruppen sind in anderen Ländern als Terrororganisationen eingestuft. In Frankreich erhalten sie dennoch politische Rückendeckung, Zugang zu öffentlichen Räumen, teils sogar indirekte staatliche Förderung. Universitäten werden zu Brutstätten einer Ideologie, die Gewalt legitimiert und Juden kollektiv verantwortlich macht.

Der Widerstand gegen das Buch kommt prompt. Einige Buchhandlungen weigern sich, es auszulegen. In sozialen Netzwerken erhält Bussigny Morddrohungen. Sie wird als Verräterin beschimpft, als Komplizin eines angeblichen Völkermords. Weil ihre Mutter aus Marokko stammt, gilt sie manchen als Abtrünnige, die sich auf die falsche Seite geschlagen habe. Öffentliche Auftritte absolviert sie inzwischen nur noch unter Polizeischutz.

Und doch passiert etwas Bemerkenswertes. Trotz Boykottaufrufen wird das Buch ein Bestseller. Es gewinnt einen renommierten politischen Preis. Die öffentliche Debatte lässt sich nicht mehr abwürgen. Viele Leser sind keine Juden. Genau das macht den Erfolg so relevant. Antisemitismus wird nicht mehr nur als Problem einer Minderheit wahrgenommen, sondern als gesellschaftliche Gefahr.

Besonders eindringlich sind Bussignys Beobachtungen zur jungen Generation. Auf Universitätscampus, auch außerhalb Frankreichs, etwa in Brüssel oder an der Columbia University, sieht sie eine neue Selbstverständlichkeit der Israelfeindschaft. Für viele junge Aktivisten ist sie Teil ihrer politischen Identität. Widerspruch wird moralisch delegitimiert. Wer Israel verteidigt, steht außerhalb des akzeptablen Diskurses.

Ein Kapitel widmet sie der Europaabgeordneten Rima Hassan, die sich als palästinensische Stimme inszeniert und großen Einfluss auf soziale Medien ausübt. Bussigny warnt davor, ihre Rolle zu unterschätzen. Sie sieht in ihr eine Figur, die radikale Positionen in den politischen Mainstream trägt und dabei besonders junge Wähler mobilisiert.

Die Parallele zu Entwicklungen in den USA drängt sich auf. Figuren wie Zohran Mamdani stehen für eine Politik, in der Israelhass als progressiv gilt und antisemitische Narrative verharmlost werden. Bussigny fürchtet, dass Frankreich ähnliche Entwicklungen bevorstehen, getragen von einer Generation, die ihre politischen Prägungen aus sozialen Netzwerken bezieht.

Der vielleicht berührendste Aspekt des Buches ist seine Widmung. Bussigny erinnert an eine französische Holocaust Überlebende, eine Frau aus dem Widerstand, deportiert nach Auschwitz. Diese Widmung ist kein historisches Ornament. Sie ist ein stiller Appell. Antisemitismus beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit Worten, mit Bildern, mit moralischer Umdeutung.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Jeanne Menjoulet from Paris, France - Free Gaza !, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=152000687


Montag, 19 Januar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage