NATO-Spiel entlarvt Europas Schwäche gegenüber RusslandNATO-Spiel entlarvt Europas Schwäche gegenüber Russland
Ein geheimes Kriegsszenario zeigte schonungslos, wie unvorbereitet Europa für einen russischen Angriff wäre. Ohne klare Führung der USA, zögerndes Berlin und ein zu spätes Polen reichten wenige russische Soldaten, um eine NATO-Stadt zu erobern.
Europa redet viel über Abschreckung, Aufrüstung und Einigkeit. Doch hinter den Kulissen wächst die Angst, dass all diese Worte im Ernstfall wertlos sein könnten. Ein jüngst bekannt gewordener militärischer Planspiel-Test hat die Schwächen der europäischen Sicherheitsarchitektur gnadenlos offengelegt und die politischen Hauptstädte in Alarmstimmung versetzt. In dem Szenario gelang es Russland, mit vergleichsweise geringen Kräften eine strategisch wichtige Stadt in einem NATO-Mitgliedsstaat zu besetzen. Nicht in der Realität, sondern in einer Simulation. Doch das Ergebnis war so erschreckend, dass es in vielen Regierungen wie ein Weckruf wirkte.
Das Planspiel, organisiert von deutschen Sicherheitsexperten und Militärstrategen, ging von einem fiktiven Zeitpunkt im Oktober 2026 aus. Russland nutzte in dem Szenario eine angebliche humanitäre Krise in der Enklave Kaliningrad als Vorwand, um in Litauen einzumarschieren. Ziel war die Stadt MarijampolÄ—, ein zentraler Verkehrsknotenpunkt zwischen Polen, Belarus und den baltischen Staaten. Die russischen Truppen gaben vor, lediglich Hilfsgüter zu sichern und russischsprachige Minderheiten zu schützen. Eine altbekannte Methode des Kreml, die schon in der Ukraine angewendet wurde.
Was folgte, war ein politisches Desaster für Europa. Die Vereinigten Staaten blieben in dem Szenario außen vor und verzichteten darauf, sofort den NATO-Beistandsfall auszurufen. Deutschland zögerte, sprach von Deeskalation und diplomatischen Lösungen. Polen mobilisierte zwar Truppen, wagte aber nicht, sie nach Litauen zu entsenden. Die bereits im Land stationierte deutsche Brigade erhielt keinen Einsatzbefehl. Russische Drohnen legten Minen auf Zufahrtsstraßen, logistische Routen wurden blockiert, und innerhalb weniger Tage war die Stadt unter russischer Kontrolle.
Das Ergebnis des Spiels war eindeutig: Die NATO wirkte gelähmt, politisch zerstritten und militärisch handlungsunfähig. Und das, obwohl Russland in der Simulation lediglich rund 15.000 Soldaten einsetzte. Eine Zahl, die angesichts der gewaltigen russischen Armee geradezu lächerlich gering erscheint. Doch die Schwachstelle war nicht die militärische Stärke, sondern die politische Entscheidungsunfähigkeit Europas.
Genau diese Gefahr beschäftigt inzwischen viele europäische Sicherheitsplaner. Russland hat längst auf eine Kriegswirtschaft umgestellt, produziert Waffen in großem Umfang und baut seine Truppen systematisch aus. Während der Westen noch diskutiert, ob und wie viel Geld für Verteidigung ausgegeben werden soll, schafft Moskau Fakten. In Berlin ging man noch vor kurzem davon aus, dass Russland frühestens 2029 in der Lage wäre, NATO-Territorium ernsthaft zu bedrohen. Diese Einschätzung bröckelt rapide. Immer mehr Experten warnen, dass ein Konflikt deutlich früher ausbrechen könnte.
Besonders die baltischen Staaten fühlen sich bedroht. Litauen, Lettland und Estland wissen aus historischer Erfahrung, wie schnell russische Aggression Realität werden kann. In Vilnius wird längst offen darüber gesprochen, dass man sich im Ernstfall nicht allein auf die NATO verlassen dürfe. Die eigene Armee wird ausgebaut, Reserven werden trainiert, Infrastruktur wird kriegsbereit gemacht. Doch auch dort weiß man, dass die kleinen Länder ohne entschlossene Unterstützung der großen Partner kaum bestehen könnten.
Der Kern des Problems liegt in der politischen Führung. Solange die Vereinigten Staaten als klare Schutzmacht Europas auftreten, gilt Russland als abschreckbar. Doch die Spannungen zwischen Washington und vielen europäischen Hauptstädten nehmen zu. Handelskonflikte, Streit um die Ukraine, Differenzen über Grönland und andere Fragen haben das transatlantische Verhältnis belastet. Genau diese Unsicherheit kalkuliert Moskau ein.
Ein weiterer Faktor ist die hybride Kriegsführung Russlands. Cyberangriffe, Desinformation, Sabotageakte und verdeckte Operationen gehören längst zum festen Arsenal. Der Übergang zwischen Frieden und Krieg wird bewusst verwischt. Ein Land wie Litauen könnte plötzlich mit „unmarkierten“ Truppen, angeblichen Freiwilligen oder humanitären Konvois konfrontiert werden, ohne dass eindeutig feststeht, ob der NATO-Verteidigungsfall greift. Das Planspiel zeigte, wie lähmend eine solche Grauzone wirken kann.
Die Teilnehmer des Szenarios zogen eine bittere Bilanz. Nicht militärische Unterlegenheit, sondern politisches Zaudern öffnete Russland die Tür. Solange Berlin, Paris und andere Hauptstädte reflexartig auf Beschwichtigung setzen, statt auf klare Abschreckung, bleibt Europa verwundbar. Ein Analyst brachte es auf den Punkt: Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner glaubt, dass man wirklich bereit ist zu handeln. Genau daran zweifelt der Kreml.
Es gibt zwar Stimmen, die das russische Bedrohungspotenzial relativieren. Der Krieg in der Ukraine zeige, wie schwer sich Moskau tue, große Operationen durchzuführen. Russland verliere zehntausende Soldaten pro Monat, komme nur langsam voran und sei wirtschaftlich belastet. Doch diese Argumente beruhigen immer weniger. Selbst wenn Russland in der Ukraine feststeckt, könnte es mit begrenzten Operationen gegen kleinere NATO-Staaten neue Realitäten schaffen. Genau das demonstrierte das Planspiel.
Die Debatte in Europa dreht sich deshalb zunehmend um die Frage der Geschwindigkeit. Können die europäischen Armeen schnell genug reagieren? Gibt es funktionierende Befehlsketten? Sind genügend Truppen und Munition vorhanden? Wer trifft im Ernstfall die Entscheidungen? Auf viele dieser Fragen gibt es bislang keine überzeugenden Antworten.
Der litauische Generalstabschef betonte zwar, sein Land könne auch allein Widerstand leisten. Doch jeder weiß, dass dies ohne massive Unterstützung kaum mehr als symbolisch wäre. Die NATO müsste schnell und geschlossen reagieren. Genau daran zweifeln viele.
Das Szenario endete mit einer düsteren Erkenntnis: Wenn Europa weiter zaudert, könnte Russland mit begrenzten Mitteln enorme politische Gewinne erzielen. Ein einziger erfolgreicher Vorstoß würde das gesamte Bündnis erschüttern. Die Glaubwürdigkeit der NATO stünde auf dem Spiel. Und der Kreml wüsste, dass er seine Grenzen weiter austesten kann.
Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: By Estonian Foreign Ministry - https://www.flickr.com/photos/16941867@N06/53362637132/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141578241
Dienstag, 10 Februar 2026