BBC relativiert Holocaust und entfacht Sturm der EmpörungBBC relativiert Holocaust und entfacht Sturm der Empörung
Ein einziges kleines „h“ genügte, um einen Skandal auszulösen. Die BBC versuchte, den Begriff Holocaust sprachlich zu verwässern und erklärte, es habe mehrere gegeben. Für jüdische Organisationen ist das nichts weniger als Geschichtsfälschung.
Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der weltweit als Maßstab für seriösen Journalismus gelten will, hat sich in eine gefährliche Grauzone begeben. Mit einer scheinbar harmlosen Formulierung löste die BBC eine Kontroverse aus, die weit über ein orthografisches Detail hinausgeht. Im Kern geht es um nichts Geringeres als die Einzigartigkeit der Shoah und um den respektvollen Umgang mit der größten Katastrophe der jüdischen Geschichte.
Auslöser war ein Artikel über Mala Tribich, eine Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, die als erste Holocaustüberlebende vor dem britischen Kabinett gesprochen hatte. In dem Bericht bezeichnete die BBC sie als „holocaust survivor“ mit kleinem Anfangsbuchstaben. Für viele Leser war das bereits problematisch. Doch die Reaktion des Senders auf Beschwerden machte den Fall erst richtig brisant.
Ein aufmerksamer Leser wies die Redaktion darauf hin, dass der Begriff Holocaust in diesem Zusammenhang stets großgeschrieben werden müsse. Statt den Fehler schlicht zu korrigieren, antwortete ein erfahrener BBC-Journalist mit einer Erklärung, die wie ein Schlag ins Gesicht der jüdischen Gemeinschaft wirkte. „Historisch gesehen hat es auch andere Beispiele von holocausts gegeben“, schrieb er.
Mit dieser Aussage stellte die BBC indirekt in Frage, dass der Begriff Holocaust ausschließlich für den nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden steht. Genau das ist jedoch seit Jahrzehnten internationaler Konsens. Der Holocaust ist kein allgemeines Wort für irgendein Massaker. Er bezeichnet ein einzigartiges historisches Ereignis, das systematische, industrielle Vernichtungsprogramm gegen das jüdische Volk.
Erst nach wachsendem öffentlichen Druck ruderte die BBC zurück. In einer offiziellen Stellungnahme erklärte der Sender, die Antwort an den Beschwerdeführer sei „irrtümlich“ erfolgt. Alle Verweise auf den Holocaust im Artikel hätten großgeschrieben werden müssen, und man habe dies nun korrigiert. Zudem werde man sich erneut an den ursprünglichen Beschwerdeführer wenden.
Doch der Schaden war bereits angerichtet. Der Eindruck blieb, dass in der Redaktion ein gefährliches Unverständnis über die historische Bedeutung des Begriffs herrscht. Hinzu kommt, dass die BBC zunächst sogar eine erste Bitte um Korrektur abgelehnt hatte. Erst als der Vorgang öffentlich wurde, folgte die Kehrtwende.
Jüdische Organisationen reagierten mit scharfer Kritik. Die Campaign Against Antisemitism warf der BBC vor, eine Form von „sanfter Holocaustleugnung“ zu betreiben. Wer den Begriff relativiere, trivialisiere automatisch das Verbrechen selbst. Der Holocaust habe eine derartige Dimension erreicht, dass für ihn überhaupt erst das Wort Völkermord geprägt werden musste. Ihn sprachlich mit anderen historischen Ereignissen gleichzusetzen, sei eine bewusste Verwässerung.
Tatsächlich ist der Begriff Holocaust historisch eindeutig besetzt. Zwar existierte das Wort bereits zuvor in anderen Bedeutungen, doch nach 1945 wurde es nahezu ausschließlich für die Shoah verwendet. Diese sprachliche Festlegung war kein Zufall, sondern Ausdruck des Verständnisses, dass die Ermordung von sechs Millionen Juden ein singuläres Verbrechen darstellt.
Die Kritik an der BBC beschränkt sich nicht auf diesen Einzelfall. Immer wieder gerät der Sender wegen seines Umgangs mit jüdischen Themen in die Kritik. Erst vor wenigen Wochen berichtete die BBC anlässlich des Holocaust-Gedenktages, sechs Millionen Menschen seien von den Nazis ermordet worden, ohne ausdrücklich zu erwähnen, dass es sich um sechs Millionen Juden handelte. Auch damals musste der Sender nachträglich eine Entschuldigung veröffentlichen.
All diese Vorfälle fügen sich für viele Beobachter zu einem beunruhigenden Gesamtbild. Sie erwecken den Eindruck, dass in Teilen der BBC ein Problem im Umgang mit jüdischer Geschichte und Gegenwart existiert. Ob aus Nachlässigkeit, ideologischer Voreingenommenheit oder mangelnder Sensibilität, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Wirkung bleibt dieselbe.
Für Überlebende wie Mala Tribich ist ein solcher Umgang besonders schmerzhaft. Sie haben ihr Leben lang gegen das Vergessen gekämpft, Zeugnis abgelegt, Schulen besucht, Politiker informiert. Wenn ein großer Medienkonzern dann mit sprachlichen Spitzfindigkeiten die Einzigartigkeit ihres Leidens relativiert, fühlen sie sich ein zweites Mal verletzt.
Der Streit um einen Großbuchstaben mag auf den ersten Blick kleinlich wirken. In Wahrheit berührt er jedoch einen fundamentalen Punkt. Sprache formt Erinnerung. Wer Begriffe verwässert, verändert auch das historische Bewusstsein. Genau deshalb reagieren jüdische Organisationen so empfindlich auf jede Form der Relativierung.
Der Holocaust war kein gewöhnliches Verbrechen. Er war ein industriell organisierter Vernichtungsfeldzug, getragen von staatlicher Ideologie, bürokratischer Effizienz und mörderischer Präzision. Ihn als einen von vielen „Holocausts“ zu bezeichnen, öffnet die Tür für Geschichtsrevisionismus und antisemitische Verschwörungsmythen.
Die BBC hat ihren Fehler inzwischen eingestanden. Doch eine einfache Korrektur reicht nicht aus. Ein Medienhaus von dieser Größe und Bedeutung muss sich fragen, wie es überhaupt zu einer solchen Antwort kommen konnte. Es braucht klare interne Richtlinien, historische Schulungen und ein Bewusstsein dafür, welche Verantwortung mit der eigenen Reichweite verbunden ist.
Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus weltweit wieder zunimmt und Versuche der Holocaustrelativierung immer lauter werden, tragen große Medien eine besondere Verantwortung. Sie müssen präzise, sensibel und eindeutig berichten. Wer hier versagt, stärkt jene Kräfte, die die Geschichte umschreiben wollen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Sebastiandoe5 - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91104482
Dienstag, 10 Februar 2026