Polen will Film über Mord an jüdischen Überlebenden stoppen und entfacht Streit über verdrängte SchuldPolen will Film über Mord an jüdischen Überlebenden stoppen und entfacht Streit über verdrängte Schuld
Fünf Juden überlebten den Holocaust und wurden danach von ihren polnischen Nachbarn ermordet. Jahrzehnte später soll ein Film darüber plötzlich ein Problem sein. Der Versuch, diese Geschichte zu stoppen, trifft einen empfindlichen Nerv in Europa und erinnert daran, warum Israel existiert.
Es geschah nicht während der deutschen Besatzung. Es geschah danach. Im Jahr 1945, ein halbes Jahr nach dem Ende des Holocaust, kehrten einige wenige jüdische Überlebende in den polnischen Ort Gniewoszów zurück. Vor dem Krieg hatte die Stadt etwa 1500 jüdische Bewohner, rund die Hälfte der Bevölkerung. Sie waren Teil der Gesellschaft, sie betrieben Geschäfte, ihre Kinder gingen dort zur Schule. Dann kam die deutsche Vernichtung, und fast alle wurden ermordet. Nur eine Handvoll überlebte. Als diese Überlebenden nach dem Krieg zurückkehrten, wurden fünf von ihnen von polnischen Nachbarn getötet. Diese Morde bilden das Zentrum des Dokumentarfilms Among Neighbors des amerikanischen Regisseurs Yoav Potash, der über ein Jahrzehnt an diesem Projekt arbeitete, nachdem er 2014 bei einem Besuch des jüdischen Friedhofs von Gniewoszów erstmals von den Verbrechen erfuhr. Eine polnische Zeitzeugin, Pelagia Radecka, die damals ein Mädchen war, berichtete ihm, wie die Rückkehr der Juden nicht mit Mitgefühl, sondern mit Gewalt beantwortet wurde.
Der Film wurde 2024 erstmals beim jüdischen Filmfestival in Warschau gezeigt, später in mehreren Ländern ausgestrahlt und sogar für eine Oscar-Qualifikation zugelassen. Doch als der polnische Staatssender TVP ihn im November 2025 ausstrahlte, begann eine politische Kampagne gegen das Werk. Aus dem Umfeld des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki kamen scharfe Angriffe. Seine Ministerin Agnieszka JÄ™drzak bezeichnete den Film öffentlich als angebliche anti-polnische Manipulation und stellte infrage, ob ein polnischer Sender ihn überhaupt zeigen dürfe. Kurz darauf leitete der Nationale Rundfunkrat eine Untersuchung ein, nachdem das ultrakonservative Institut Ordo Iuris Beschwerde eingelegt hatte. Diese Organisation behauptete, der Film erzeuge ein falsches Bild von Polen und untergrabe die historische Wahrheit.
Diese Reaktion ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer politischen Linie, die sich seit Jahren entwickelt. Bereits 2018 verabschiedete Polen ein Gesetz, das es unter Strafe stellte, Polen eine Mitschuld an nationalsozialistischen Verbrechen zuzuschreiben. Obwohl dieses Gesetz später abgeschwächt wurde, bleibt seine Botschaft bestehen. Die nationale Erinnerung soll geschützt werden, auch wenn dabei unbequeme Fakten verdrängt werden. Präsident Nawrocki selbst hatte zuvor das Institut für Nationales Gedenken geleitet, eine Einrichtung, die dafür bekannt wurde, nationalistische Geschichtsbilder zu fördern und Kritik an polnischem Antisemitismus zurückzuweisen.
Doch die historische Realität lässt sich nicht auslöschen. Gniewoszów war nicht der einzige Ort. In ganz Polen kam es nach dem Krieg zu Gewalt gegen Juden. Das Pogrom von Kielce im Jahr 1946, bei dem 42 jüdische Überlebende von einem Mob aus Bürgern, Polizisten und Soldaten ermordet wurden, ist eines der bekanntesten Beispiele. Diese Gewalt löste eine Massenflucht aus. Viele Juden erkannten, dass sie selbst nach dem Holocaust in Europa nicht sicher waren. Sie verließen Polen und bauten sich ein neues Leben in Israel oder anderen Ländern auf. Diese Erfahrungen sind ein zentraler Teil der Geschichte, die zur Gründung Israels führte. Israel entstand nicht nur als politische Vision, sondern als Antwort auf eine existenzielle Erkenntnis. Juden konnten ihre Sicherheit nicht länger anderen überlassen.
Der Film Among Neighbors zeigt auch, wie tief die Spuren dieser Verbrechen reichen. Jahrzehnte später versuchen Überlebende und Zeugen noch immer zu verstehen, was geschehen ist. Der jüdische Historiker Konstanty Gebert beschreibt die Beziehung zwischen Polen und seinen Juden als eine Art Phantomschmerz, eine Wunde, die nie vollständig geheilt ist. Der polnische Staatssender TVP verteidigte die Ausstrahlung des Films und erklärte, es sei die Pflicht eines öffentlichen Senders, auch schwierige Kapitel der Geschichte zu zeigen. Unterstützung kam vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau und vom POLIN Museum, die betonten, dass Erinnerung nicht selektiv sein dürfe.
Der politische Angriff auf diesen Film zeigt, dass es hier nicht nur um ein historisches Werk geht. Es geht um die Kontrolle über die Vergangenheit. Es geht um die Frage, ob eine Nation bereit ist, ihre Geschichte vollständig anzuerkennen, auch wenn sie schmerzhaft ist. Für Israel und die jüdische Welt ist diese Debatte von zentraler Bedeutung. Sie erinnert daran, warum ein jüdischer Staat notwendig wurde und warum die Sicherheit der Juden niemals als selbstverständlich betrachtet werden kann. Die Wahrheit über Gniewoszów ist mehr als eine lokale Geschichte. Sie ist ein Teil der europäischen Realität. Und genau deshalb löst sie bis heute so viel Widerstand aus.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By Unknown author - https://www.pinterest.co.uk/marmaladeqat/kielce-pogrom-a-blood-libel-massacre-of-shoah-surv/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=101613935
Mittwoch, 25 Februar 2026