Belgien: Jüdische Gemeinde war 2025 häufigstes Ziel extremistischer Drohungen

Belgien: Jüdische Gemeinde war 2025 häufigstes Ziel extremistischer Drohungen


Belgien verzeichnet weniger Drohmeldungen, doch jüdische Einrichtungen bleiben besonders gefährdet. Der OCAD-Bericht zeigt, wie stark Antisemitismus verschiedene extreme Milieus verbindet.

Belgien: Jüdische Gemeinde war 2025 häufigstes Ziel extremistischer Drohungen
Bildnachweis: Symbolbild

Die jüdische Gemeinschaft in Belgien war im Jahr 2025 erneut das häufigste Ziel extremistischer oder terroristischer Drohungen. Das geht aus dem Jahresbericht der belgischen Koordinierungsstelle für Bedrohungsanalyse OCAD hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde. An zweiter Stelle der bedrohten Gruppen und Institutionen standen politische Verantwortungsträger. Damit bestätigt der Bericht eine Entwicklung, die jüdische Gemeinden in Europa seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 mit wachsender Sorge beobachten: Selbst dort, wo die Zahl registrierter Vorfälle zurückgeht, bleibt jüdisches Leben ein besonders empfindliches Ziel für Radikalisierung, Hasspropaganda und Einschüchterung.

Die Gesamtzahl der bei OCAD eingegangenen Drohmeldungen sank deutlich. Während 2024 noch 213 Meldungen registriert wurden, waren es 2025 insgesamt 157. Auf den ersten Blick könnte diese Entwicklung beruhigend wirken. Doch der Bericht zeigt, dass ein Rückgang der gemeldeten Fälle nicht automatisch eine Entwarnung bedeutet. OCAD weist darauf hin, dass körperliche Vorfälle in Belgien zwar begrenzt geblieben seien, jüdische Organisationen jedoch davon ausgehen, dass nicht alle Ereignisse tatsächlich bei der Polizei angezeigt werden. Gerade das ist ein zentrales Problem: Antisemitische Bedrohung verschwindet nicht dadurch, dass Betroffene sie nicht melden. Häufig entsteht Schweigen aus Müdigkeit, Misstrauen, Angst oder dem Gefühl, dass sich ohnehin wenig ändern werde.

Der gefährlichste Bereich blieb 2025 der islamistische Extremismus. Nach Angaben von OCAD entfielen 39 Prozent aller Drohmeldungen auf diesen Bereich. Die Behörde beschreibt diese Bedrohungen vor allem als von islamistischen und jihadistischen Ideologien geprägt. Zudem nennt der Bericht die sogenannte gemeinsame Datenbank zu Terrorismus, Extremismus und Radikalisierungsprozessen. Dort seien sehr viele erfasste Personen muslimisch oder mit islamistischer Ideologie verbunden. Diese Zahlen müssen sorgfältig eingeordnet werden. Sie sind kein Urteil über Muslime in Belgien, sondern betreffen Personen, die Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit Radikalisierung, Extremismus oder Terrorismus erfassen. Genau diese Unterscheidung ist notwendig, wenn man das Problem klar benennen will, ohne ganze Bevölkerungsgruppen unter Verdacht zu stellen.

Etwa ein Viertel der Drohmeldungen stand in einem außenpolitischen Zusammenhang. Dazu zählten Spannungen zwischen Diasporagruppen in Belgien, Drohungen gegen Botschaften, Bedrohungen belgischer Interessen im Ausland sowie Vorgänge gegen ausländische Vertretungen in Belgien. Der Nahe Osten spielte in dieser Lageanalyse eine wichtige Rolle. Der Krieg in Gaza, die Spannungen in der Region und die aggressive Mobilisierung gegen Israel wirkten offenkundig in belgische Städte hinein. Genau darin liegt ein Kern der europäischen Sicherheitslage: Konflikte aus dem Nahen Osten bleiben nicht auf die Region begrenzt. Sie werden nach Brüssel, Antwerpen und andere europäische Städte getragen, oft mit einer Sprache, in der Israel nicht politisch kritisiert, sondern dämonisiert wird.

Auch rechtsextreme Drohungen nahmen eine sichtbare Rolle ein. 13 Prozent der Meldungen hatten laut OCAD einen rechtsextremen Hintergrund. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich die Zahl dieser Meldungen 2025 ungefähr verdoppelte, von rund zehn auf etwa zwanzig Fälle. OCAD betont allerdings, dass diese Zunahme nicht automatisch bedeute, dass auch die konkrete Gewaltabsicht im gleichen Maß gewachsen sei. Die rechtsextreme Bedrohung äußere sich in Belgien häufig in Formen niedrigerer Gewaltintensität. Dennoch bleibt sie gefährlich, weil sich traditionelle nationalistische, identitäre und rassistische Vorstellungen zunehmend mit modernen Verschwörungserzählungen verbinden. Dazu zählt besonders die Vorstellung eines angeblichen Bevölkerungsaustauschs. Antisemitismus spielt in solchen Weltbildern regelmäßig eine verbindende Rolle.

Gerade das ist entscheidend: Antisemitismus kommt nicht nur aus einem politischen Lager. Er tritt islamistisch auf, rechtsextrem, linksextrem, verschwörungsideologisch und manchmal auch in scheinbar bürgerlicher Sprache. Er ist wandlungsfähig. Er kann religiös begründet werden, rassistisch, antikapitalistisch, antiwestlich oder angeblich menschenrechtlich. Für jüdische Gemeinden macht diese Vielgestaltigkeit die Lage besonders schwer. Sie werden nicht nur von einer Richtung bedroht, sondern geraten in unterschiedliche Feindbilder zugleich. In einem Milieu gelten Juden als angebliche Vertreter Israels, im nächsten als angebliche globale Macht, im dritten als Projektionsfläche für Wut auf den Westen.

Der Bericht beschreibt zudem einen Anstieg der Aktivität im linksextremen Bereich, auch wenn der Anteil an den gesamten Drohmeldungen mit vier Prozent vergleichsweise niedrig blieb. OCAD bringt diese Entwicklung mit der starken Mobilisierung rund um den Krieg in Gaza und die Spannungen im Nahen Osten in Verbindung. Genannt werden zahlreiche Fälle von Vandalismus gegen Unternehmen, Banken oder Forschungseinrichtungen mit Verbindungen zu Israel. Einige dieser Aktionen verursachten laut Bericht erhebliche materielle und finanzielle Schäden. Damit wird sichtbar, wie aus politischem Protest eine Praxis der Einschüchterung werden kann. Wenn Einrichtungen allein wegen tatsächlicher oder behaupteter Israel-Bezüge attackiert werden, ist das kein Dialog mehr, sondern gezielte Druckausübung.

OCAD warnt zudem davor, dass bestimmte extremistische Akteure die Erzählung über Gewalt in Gaza, über Judäa und Samaria sowie über wahrgenommenes Unrecht gegenüber Palästinensern für Propaganda nutzen und damit neue Anhänger gewinnen wollen. Diese Formulierung ist wichtig, weil sie den Mechanismus benennt. Es geht nicht darum, Leid in Gaza zu leugnen oder politische Kritik an Israel zu verbieten. Es geht darum, dass Extremisten dieses Leid instrumentalisieren, um Hass zu schüren, Feindbilder zu festigen und die Schwelle zur Gewalt zu senken. Genau hier muss eine demokratische Gesellschaft besonders wachsam sein.

Belgien steht dabei unter besonderer Beobachtung. Brüssel ist nicht nur Hauptstadt des Landes, sondern auch Sitz zentraler europäischer Institutionen. Was dort geschieht, hat politische Signalwirkung weit über Belgien hinaus. Wenn jüdische Gemeinschaften dort zum häufigsten Ziel extremistischer Drohungen werden, ist das kein lokales Randproblem. Es betrifft die Glaubwürdigkeit Europas im Kampf gegen Antisemitismus. Ein Europa, das bei Gedenkreden die Lehren der Geschichte beschwört, muss jüdisches Leben auch dann schützen, wenn der Hass nicht in alten Uniformen auftritt, sondern in neuen Parolen, Online-Netzwerken und Protestmilieus.

Die Zahlen aus Belgien zeigen eine widersprüchliche Lage. Weniger Drohmeldungen insgesamt, aber keine Entwarnung für Juden. Begrenzte körperliche Vorfälle, aber Hinweise auf Untererfassung. Ein dominierender islamistischer Bedrohungsbereich, eine wachsende rechtsextreme Aktivität und eine linksextreme Szene, die den Nahostkonflikt für Angriffe auf Israel-nahe Ziele nutzt. Das ist keine einfache Sicherheitslage. Sie verlangt Präzision, Ehrlichkeit und politischen Mut.

Vor allem verlangt sie, dass Antisemitismus nicht nach politischer Herkunft unterschiedlich bewertet wird. Wenn Juden bedroht werden, darf es keine Rolle spielen, ob die Drohung aus jihadistischer Ideologie, aus rechtsextremem Rassismus, aus linksextremer Israel-Feindschaft oder aus verschwörungsideologischem Hass kommt. Entscheidend ist die Wirkung auf die Betroffenen und die Gefahr für die Gesellschaft. Jüdische Gemeinden müssen sich darauf verlassen können, dass der Staat nicht nur Statistiken führt, sondern schützt.

Der OCAD-Bericht ist deshalb mehr als eine Jahresbilanz. Er ist eine Mahnung. Die Bedrohung jüdischen Lebens in Belgien bleibt real, obwohl die Gesamtzahl der Drohmeldungen gesunken ist. Wer diese Entwicklung ernst nimmt, muss genauer hinsehen, früher eingreifen und konsequenter benennen, wo Hass in Gewalt umschlagen kann. Denn jüdisches Leben darf in Europa nicht davon abhängen, ob Behörden, Medien und Politik bereit sind, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.




Autor: Redaktion
Mittwoch, 27 Mai 2026

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