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Britische Ärztevertretung stellt IHRA Schutz vor Antisemitismus im NHS unter Verdacht

Britische Ärztevertretung stellt IHRA Schutz vor Antisemitismus im NHS unter Verdacht


Während jüdische Mitarbeiter und Patienten im NHS Ausgrenzung melden, will die British Medical Association den Einsatz der IHRA Definition untersuchen lassen. Der Streit zeigt, wie schnell Antisemitismusschutz als Sprachkontrolle dargestellt wird.

Britische Ärztevertretung stellt IHRA Schutz vor Antisemitismus im NHS unter Verdacht
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Die British Medical Association hat auf ihrer Jahrestagung einen Antrag angenommen, der den Einsatz der IHRA Definition von AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen im britischen Gesundheitsdienst NHS untersuchen lassen soll. Begründet wird das mit Sorge um die Meinungsfreiheit von Mitarbeitern, die sich zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und Palästinensern äußern wollen. Auf dem Papier klingt das nach einem Streit über Grundrechte. In der Wirklichkeit kommt der Vorstoß zu einem Zeitpunkt, an dem jüdische Mitarbeiter und Patienten im NHS gerade erst von Ausgrenzung, Angst und wachsender Diskriminierung berichtet haben.

Der Antrag äußert „grave concern“, also ernste Besorgnis, über die Übernahme der IHRA Definition im NHS ohne ausreichende Konsultation und Risikoabschätzung. Die BMA soll untersuchen, ob die Definition einen abschreckenden Effekt auf legitime politische Äußerungen und berufliche Stellungnahmen zu Israels Handeln habe. Außerdem soll sie Mitglieder unterstützen, die wegen Äußerungen zu Israel oder Palästinensern berufliche Nachteile oder Disziplinarmaßnahmen fürchten. Besonders weit geht die Forderung, die verbindliche Übernahme der IHRA Definition im NHS auszusetzen, bis Schutzmechanismen, Verfahren und klare Anwendungsvorgaben geschaffen seien.

Das klingt nach Rechtsstaatlichkeit, hat aber eine bedenkliche Schlagseite. Denn die IHRA Definition verbietet keine Israelkritik. Sie stellt ausdrücklich nicht jede Kritik an Israel unter Antisemitismusverdacht. Sie hilft aber, jene Fälle zu erkennen, in denen Israel nicht mehr wie jeder andere Staat kritisiert wird, sondern als jüdischer Staat dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird. Genau diese Grenze ist seit dem 7. Oktober entscheidend geworden.

Der Vorstoß der BMA fällt weniger als einen Monat nach dem Bericht von Lord John Mann über Antisemitismus und andere Formen von Rassismus im NHS. Mann hörte Berichte über jüdische Mitarbeiter, die im Dienst ausgegrenzt wurden, und über jüdische Patienten, die Behandlungen verzögerten oder vermeiden wollten, weil sie sich im Gesundheitswesen nicht mehr sicher fühlten. Besonders alarmierend war der Befund, dass jüdische Mitarbeiter laut NHS Staff Survey die einzige religiöse Gruppe waren, bei der Diskriminierung durch Kollegen zunahm statt abnahm.

Vor diesem Hintergrund wirkt die BMA Entscheidung wie ein falsches Signal. Gerade in einem öffentlichen Gesundheitsdienst muss jeder Patient und jeder Mitarbeiter sicher sein können, dass politische Konflikte nicht in Behandlungsräume, Uniformen oder Kollegenkreise hineingetragen werden. Ein Krankenhaus ist kein Protestcamp, keine Parteibühne und kein außenpolitisches Tribunal. Wer dort arbeitet, trägt Verantwortung gegenüber Patienten, auch dann, wenn diese jüdisch, israelisch oder mit Israel verbunden sind.

Natürlich muss Meinungsfreiheit geschützt werden. Ärzte, Pfleger und Mitarbeiter verlieren nicht ihre Grundrechte, weil sie im NHS arbeiten. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede Israel dämonisierende Aussage folgenlos bleiben muss, wenn sie das Vertrauen jüdischer Patienten oder Kollegen zerstört. Wer von „zionistischer Verschwörung“, „Genozidkomplizenschaft“ oder kollektiver Schuld jüdischer Menschen spricht, bewegt sich nicht mehr einfach im Raum politischer Kritik. Er schafft ein Klima, in dem jüdische Menschen sich erklären, verstecken oder schweigen sollen.

Genau hier liegt der gefährliche Kern der Debatte. Der Schutz jüdischer Mitarbeiter und Patienten wird plötzlich als Problem für die freie Rede dargestellt. Nicht der Antisemitismus im NHS steht dann im Mittelpunkt, sondern das angebliche Risiko, dass antiisraelische Aussagen zu streng bewertet werden könnten. Damit verschiebt sich der Fokus: weg von den Betroffenen, hin zu jenen, die möglichst ungehindert über Israel sprechen wollen.

Die BMA hätte den Mann Bericht zum Anlass nehmen können, jüdischen Mitarbeitern und Patienten sichtbar den Rücken zu stärken. Stattdessen beschließt sie eine Untersuchung, die den wichtigsten internationalen Maßstab zur Erkennung von Antisemitismus unter Verdacht stellt. Das wird in jüdischen Gemeinden nicht als neutrale Verfahrensfrage ankommen. Es wird als weiteres Zeichen gelesen werden, dass ausgerechnet der Schutz vor Antisemitismus immer dann relativiert wird, wenn Israel ins Spiel kommt.

Der NHS soll Menschen heilen, nicht jüdische Patienten verunsichern. Die BMA sollte sich fragen, welches Signal sie sendet, wenn der erste große Impuls nach einem Bericht über jüdische Angst im Gesundheitswesen nicht lautet: Wir schützen jüdische Menschen besser. Sondern: Wir prüfen erst einmal, ob der Schutz vor Antisemitismus vielleicht die Israelkritik stört.




Autor: Redaktion
Mittwoch, 24 Juni 2026

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