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Antizionistische Patrouille in Thessaloniki: Griechenland hätte die Warnungen längst hören können

Antizionistische Patrouille in Thessaloniki: Griechenland hätte die Warnungen längst hören können


Eine radikale Gruppe zog durch Thessaloniki und nannte es „antizionistische Patrouille“. Der Vorfall kommt nicht aus dem Nichts: Israelis und Juden geraten in Griechenland seit Jahren immer sichtbarer unter Druck.

Antizionistische Patrouille in Thessaloniki: Griechenland hätte die Warnungen längst hören können
Bildnachweis: Pixabay

In Thessaloniki ist nicht plötzlich etwas Neues aus dem Boden gewachsen. Genau das wäre die bequeme, aber falsche Erzählung. Was dort als „antizionistische Patrouille“ durch die Straßen zog, ist ein weiterer sichtbarer Fall in einer Entwicklung, vor der jüdische Gemeinden, israelische Besucher und Beobachter der griechischen Szene seit Jahren warnen. Die Signale waren da. Man musste sie nur ernst nehmen.

Die linksanarchistische Gruppe Rouvikonas, auch Rubicon genannt, erklärte öffentlich, sie habe in Thessaloniki eine „antizionistische Patrouille“ durchgeführt. Nach Berichten griechischer Medien zogen Männer in dunkler Kleidung und mit palästinensischen Symbolen durch die Stadt. Die Staatsanwaltschaft ordnete eine Voruntersuchung an. Geprüft werden soll, ob der Aufmarsch den Verdacht der Anstiftung zu Gewalt oder Hass, Drohungen oder weiterer Straftaten erfüllt. Auch die Frage, ob die Gruppe strafrechtlich als kriminelle Organisation einzuordnen sein könnte, steht nach den Berichten im Raum.

Schon das Wort „Patrouille“ ist entscheidend. Eine Patrouille ist keine Kundgebung, kein Flugblatt, kein Redebeitrag. Eine Patrouille beansprucht Kontrolle über den öffentlichen Raum. Wer sich als politische Gruppe so nennt, sendet eine klare Botschaft: Wir beobachten. Wir markieren. Wir entscheiden, wer hier willkommen ist und wer nicht.

Genau deshalb ist dieser Vorfall so gefährlich. Denn er richtet sich nicht nur gegen eine Regierung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Er richtet sich gegen Israelis als Besucher, gegen jüdische Geschichte, gegen Geschäftsleute, gegen Touristen und gegen Menschen, denen eine Verbindung zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zugeschrieben wird. Rouvikonas soll von „israelischem Kapital“ gesprochen haben, das angeblich „parasitär“ in bestimmte Gegenden eingedrungen sei. Diese Sprache ist kein Zufall. Sie gehört zum alten Bestand antisemitischer Bilder: das fremde Geld, der schädliche Einfluss, die angebliche Zersetzung von innen. Nur weil heute „israelisch“ oder „zionistischZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ davorsteht, verschwindet der antisemitische Klang nicht.

Griechenland sieht die Entwicklung nicht erst seit diesem Wochenende

Der Aufmarsch in Thessaloniki steht nicht allein. Im Juli 2025 musste ein israelisches Kreuzfahrtschiff mit rund 1.700 Passagieren die Insel Syros verlassen, ohne dass die Passagiere an Land gehen konnten. Demonstranten hatten am Hafen protestiert, die Reederei leitete das Schiff aus Sicherheitsgründen um. Wenige Tage später kam es auf Rhodos während des Besuchs eines israelischen Kreuzfahrtschiffs zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Passagiere konnten dort zwar an Land gehen, aber auch dieser Vorgang zeigte, wie sehr Israelis in Griechenland inzwischen zum politischen Ziel werden können.

Auch 2026 gingen die Proteste weiter. Anfang Juni wurde die Ankunft eines israelischen Kreuzfahrtschiffs im Hafen von Piräus nahe Athen von pro palästinensischen Aktivisten begleitet. Solche Proteste werden häufig als Kritik am Krieg in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen dargestellt. Doch die Grenze wird dort überschritten, wo nicht mehr konkrete Politik kritisiert wird, sondern israelische Besucher als Gruppe unerwünscht gemacht werden. Wer Touristen wegen ihrer Herkunft oder Staatsangehörigkeit unter Generalverdacht stellt, betreibt keine Friedenspolitik. Er schafft Einschüchterung.

Natürlich darf in Griechenland gegen israelische Politik demonstriert werden. Natürlich dürfen Menschen gegen den Krieg in Gaza protestieren. Aber ein demokratischer Staat muss unterscheiden zwischen politischem Protest und öffentlicher Feindmarkierung. Eine Parole gegen eine Regierung ist das eine. Eine „Patrouille“ durch Straßen, verbunden mit Begriffen wie „parasitär“ und mit der Ansage, Zionisten seien nicht willkommen, ist etwas anderes.

Die jüdische Gemeinschaft Griechenlands hat diesen Unterschied sofort erkannt. Der Zentralrat der Jüdischen Gemeinden in Griechenland sprach von „assault squads“, also Angriffstrupps, und warnte davor, dass sich ein Klima der JudenfeindschaftAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen gegen israelische Bürger und Besucher ausbreite. Der Europäische Jüdische Kongress griff diese Warnung auf und verwies darauf, dass AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen bei Juden beginne, aber nie bei Juden ende.

Diese Worte sind hart. Aber sie fallen nicht in einem geschichtslosen Raum.

Thessaloniki war einst eine der großen jüdischen Städte Europas. Vor der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen lebten dort Zehntausende Juden. Der World Jewish Congress beschreibt, dass von den rund 50.000 Juden im Vorkriegsthessaloniki weniger als 2.000 überlebten. 96,5 Prozent der jüdischen Gemeinde der Stadt wurden in den deutschen Vernichtungslagern ermordet. Wer ausgerechnet in dieser Stadt politische Trupps durch Straßen ziehen lässt, die Israelis und Juden einschüchtern, kann sich nicht auf historische Unwissenheit herausreden.

Noch schwerer wiegt der Zeitpunkt. Die Jerusalem Post verweist darauf, dass der Aufmarsch fast genau 95 Jahre nach dem Campbell PogromPogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen stattfand. Damals, Ende Juni 1931, wurde in Thessaloniki ein jüdisches Viertel angegriffen. Jüdische Bewohner wurden bedroht, Häuser und Besitz wurden attackiert, und die Gewalt trieb viele Juden in die Auswanderung. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber sie hinterlässt Muster. Und wer diese Muster kennt, erkennt auch, wann Sprache, Auftreten und Feindbilder wieder in eine gefährliche Richtung laufen.

Antizionismus ist hier kein neues Kostüm, sondern ein alter Ausweg

Der Fehler vieler Debatten liegt darin, Antisemitismus immer erst dann erkennen zu wollen, wenn offen von Juden gesprochen wird. Diese Erwartung ist naiv. In Griechenland, wie in anderen Ländern, treten alte Bilder längst unter politischen Vorwänden auf. Mal geht es um Kapital, mal um Tourismus, mal um Gaza, mal um Militär, mal um angebliche Besatzung. Der Vorwand wechselt. Das Muster bleibt: Israelis werden nicht mehr als einzelne Menschen gesehen, sondern als Träger einer kollektiven Schuld.

Das ist der Punkt, an dem Israelkritik in israelbezogenen Judenhass kippt. Nicht jede scharfe Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber wer israelische Touristen als unerwünscht markiert, wer „Zionisten“ aus Städten vertreiben will, wer von „parasitär“ eingedrungenem israelischem Kapital spricht und wer politische Patrouillen organisiert, kann sich nicht glaubwürdig hinter Menschenrechten verstecken.

Griechenland steht damit vor einer Entscheidung. Das Land hat in den vergangenen Jahren seine Beziehungen zu Israel deutlich ausgebaut. Sicherheit, Energie, Tourismus und regionale Zusammenarbeit spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig wächst in Teilen der Gesellschaft ein Milieu, das israelische Präsenz nicht mehr als normale Beziehung zwischen Staaten begreift, sondern als moralischen Makel. Daraus entsteht Druck auf Besucher, auf Geschäftsleute, auf jüdische Gemeinden und auf alle, die nicht bereit sind, Israel zum Feindbild zu machen.

Die griechische Regierung darf diesen Vorgang deshalb nicht als Randproblem einer radikalen Gruppe behandeln. Der Regierungssprecher Pavlos Marinakis sagte laut Kathimerini, wer glaube, das Gesetz selbst in die Hand nehmen zu können, müsse vor die Staatsanwaltschaft gebracht werden. Das ist richtig. Aber es reicht nicht, erst nach einer solchen Aktion zu reagieren. Der Rechtsstaat muss früher erkennen, wann aus Protest Einschüchterung wird.

Thessaloniki ist kein Anfang. Es ist ein Symptom. Die Warnungen waren da, bei Angriffen auf israelische Besucher, bei Protesten gegen Kreuzfahrtschiffe, bei Parolen gegen israelische Touristen, bei jüdischen Gemeinden, die immer deutlicher Alarm schlagen. Wer jetzt so tut, als sei dieser Aufmarsch überraschend, hat nicht hingesehen.

Das Gefährliche an der „antizionistischen Patrouille“ ist nicht nur ihr Auftreten. Es ist die Gewöhnung, die sie voraussetzt. Menschen marschieren durch eine Stadt, nennen sich Patrouille, markieren Israelis und Zionisten als unerwünscht, und ein Teil der Öffentlichkeit behandelt das zunächst wie eine weitere Nahost Meinung. Genau diese Gewöhnung ist der eigentliche Skandal.

Griechenland muss entscheiden, ob jüdisches Leben und israelische Besucher nur in offiziellen Reden geschützt werden oder auch auf der Straße. Thessaloniki hat genug Geschichte, um zu wissen, wohin es führt, wenn Hass erst verharmlost und dann organisiert wird. Die Warnungen waren längst hörbar. Jetzt kann niemand mehr sagen, er habe nichts gewusst.




Autor: Samuel Benning
Mittwoch, 01 Juli 2026

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