Akut benötigt
haOlam.de muss jetzt akute Kosten decken
Einige Leserinnen und Leser haben bereits geholfen. Das war wichtig, reicht aber nicht, um die nächsten Verpflichtungen zu decken. Wenn Ihnen haOlam.de wichtig ist, helfen Sie bitte jetzt mit einem konkreten Beitrag. Fragen? redaktion@haolam.de
Der Druck ist jetzt akut. Ohne weitere Hilfe müssen wir den Umfang reduzieren. Schon 10 Euro helfen sofort.
Der neue Judenhass macht Anne Frank zur „Nazi-Siedlerin“

Der neue Judenhass macht Anne Frank zur „Nazi-Siedlerin“


Ein Mailänder Wandbild warnte: „Erinnerung genügt nicht mehr.“ Nun wurde es zum zweiten Mal geschändet und ausgerechnet Anne Frank und Primo Levi wurden als „zionistische Nazi-Siedler“ beschimpft.

Der neue Judenhass macht Anne Frank zur „Nazi-Siedlerin“
Bildnachweis: Pixabay

Anne Frank war 15 Jahre alt, als sie im KonzentrationslagerShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen Bergen-Belsen starb. Sie besaß kein Land, führte keinen Krieg und erlebte die Gründung Israels nicht. Trotzdem haben Unbekannte ihr Bild in Mailand nun mit der Bezeichnung „zionistische Nazi-Siedler“ übermalt. Absurder und zugleich deutlicher kann sich moderner AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen kaum selbst entlarven.

Neben Anne Frank ist auf dem Wandbild Primo Levi zu sehen. Der italienische Jude wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und überlebte das Vernichtungslager. Nach dem Krieg gehörte er zu den wichtigsten Zeugen der Shoah. Sein Buch „Ist das ein Mensch?“ machte das System der Erniedrigung und Vernichtung in Auschwitz für Millionen Leser begreifbar.

Das Wandbild des italienischen Künstlers aleXsandro Palombo zeigt beide in der Kleidung jüdischer Deportierter. Sie sitzen sich gegenüber und blicken auf einen Himmel aus gelben Davidsternen. Dazwischen stand der Satz: „Memory Is No Longer Enough“, auf Deutsch: „Erinnerung genügt nicht mehr.“

Genau dieser Satz wurde nun übermalt. An seine Stelle sprühten Unbekannte die italienischen Worte „Coloni sionisti nazisti“, „zionistische Nazi-Siedler“. Auch Primo Levis Gesicht wurde beschädigt.

Die Täter wollten das Werk entstellen. Tatsächlich haben sie seine Aussage bestätigt.

Innerhalb eines halben Jahres zweimal geschändet

Palombo hatte das Wandbild am 27. Januar 2026 zum internationalen Holocaust-Gedenktag geschaffen. Es befindet sich in der Via Celoria nahe der Universität Mailand an einer Mauer der früheren Montello-Kaserne. Bereits wenige Tage nach der Enthüllung wurde Primo Levis Gesicht zum ersten Mal beschädigt.

Nun folgte der zweite Angriff innerhalb von weniger als sechs Monaten. Dieses Mal blieb es nicht bei der Beschädigung eines Gesichtes. Die Unbekannten ersetzten die zentrale Botschaft des Werkes durch eine Parole, die jüdische Opfer der Nationalsozialisten selbst zu Nationalsozialisten erklärt.

Der Ort trägt bereits eine längere Geschichte antisemitischer Angriffe. Auf derselben Mauer waren zuvor Palombos Porträts der Shoah-Überlebenden Liliana Segre, Sami Modiano und Edith Bruck zu sehen. Auch diese Werke wurden wiederholt geschändet. Davidsterne wurden entfernt oder durchgestrichen, die Porträtierten mit Nationalsozialisten gleichgesetzt und die Bilder mit Parolen zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen übermalt.

Palombo reagierte darauf nicht mit einem Rückzug seiner Kunst aus dem öffentlichen Raum. Er nutzte die beschädigte Mauer für ein neues Werk und stellte mit Anne Frank und Primo Levi zwei Menschen in den Mittelpunkt, deren Namen weltweit für Verfolgung, Vernichtung und Zeugenschaft stehen.

Die erneute Tat zeigt, dass selbst diese Eindeutigkeit nicht mehr schützt. Anne Frank und Primo Levi wurden nicht trotz ihrer Geschichte ausgewählt, sondern gerade wegen ihrer jüdischen Geschichte. Der Angriff sollte die Bedeutung des Davidsterns verdrehen und aus Opfern nachträglich Täter machen.

Mit einer Auseinandersetzung über israelische Politik hat das nichts zu tun. Anne Frank starb mehr als drei Jahre vor der Gründung des Staates Israel. Primo Levi war Schriftsteller, Chemiker und Überlebender von Auschwitz. Beide waren weder „Siedler“ noch Vertreter einer israelischen Regierung. Die aufgesprühte Parole ergibt nur dann einen Sinn, wenn „ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ nicht als politische Bezeichnung, sondern als Ersatzwort für „Jude“ verwendet wird.

Die Wahl des Zieles beseitigt jede Ausrede. Wer eine israelische Regierungsentscheidung ablehnen will, beschmiert nicht das Bild eines in Bergen-Belsen ermordeten Mädchens. Wer über einen territorialen Konflikt sprechen will, nennt nicht Anne Frank eine Siedlerin. Und wer Nationalsozialismus ernst nimmt, benutzt dessen jüdische Opfer nicht, um Juden erneut als Nazis zu beschimpfen.

Der Satz auf der Mauer wurde zur Nachricht

„Erinnerung genügt nicht mehr“ war ursprünglich eine künstlerische Warnung. Nach dem erneuten Angriff ist der Satz zu einer Beschreibung der Wirklichkeit geworden.

Die Geschichte Anne Franks ist in Europa allgegenwärtig. Ihr Tagebuch gehört zum Unterricht, ihr Name steht auf Schulen, Straßen und Gedenktafeln. Primo Levis Bücher werden gelesen, zitiert und wissenschaftlich behandelt. Beide sind nicht vergessen. Trotzdem werden ihre Bilder antisemitisch geschändet.

Das Problem ist daher nicht fehlendes Wissen allein. Die Täter mussten erkennen, wen sie vor sich hatten. Die Kleidung der Deportierten, die gelben Sterne und die Namen der Abgebildeten lassen keinen vernünftigen Zweifel. Sie sahen ein Werk über die Shoah und entschieden sich dennoch dafür, genau dort ihre Parole anzubringen.

Israels Botschafter in Italien und San Marino, Jonathan Peled, erklärte, die Beschädigung eines Ortes, der für die Erinnerung an Anne Frank und Primo Levi stehe, sei ein Angriff auf das Gedenken an die Shoah und auf die gemeinsame Verpflichtung, niemals zu vergessen. Antisemitischer Hass müsse in jeder Form klar zurückgewiesen werden. Keine hasserfüllte Schmiererei könne die Erinnerung auslöschen.

Die Kunstwerke Palombos werden inzwischen selbst zu Zeugnissen ihrer Zeit. Mehrere seiner geschändeten Porträts von Shoah-Überlebenden wurden von der Stiftung des Shoah-Museums in Rom übernommen. Sie sind am Portikus der Octavia im ehemaligen jüdischen Ghetto ausgestellt. Ihre Beschädigungen wurden nicht entfernt und vergessen, sondern Teil ihrer Geschichte.

Auch das Mailänder Wandbild erzählt nun zwei Geschichten. Die erste handelt von Anne Frank und Primo Levi, von Deportation, Ermordung und Überleben. Die zweite handelt von Menschen im Jahr 2026, die vor einem Himmel aus gelben Davidsternen standen und nichts anderes hinterlassen wollten als eine antisemitische Beschimpfung.

Anne Frank kann sich gegen diese Vereinnahmung nicht mehr wehren. Primo Levi kann nicht mehr erklären, was Auschwitz war. Deshalb darf die Einordnung nicht den Tätern überlassen bleiben: Sie haben keine „Israelkritik“ auf eine Mauer geschrieben. Sie haben ein ermordetes jüdisches Mädchen und einen Überlebenden von Auschwitz mit den Mördern der europäischen Juden gleichgesetzt.

Der Satz „Erinnerung genügt nicht mehr“ wurde übermalt. Lesbarer war er nie.




Autor: Redaktion
Sonntag, 19 Juli 2026

haOlam unterstützen

haOlam ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage