Marseille beugt sich dem Judenhass: Jüdischer Sänger aus dem Programm gedrängtMarseille beugt sich dem Judenhass: Jüdischer Sänger aus dem Programm gedrängt
Propalästinensische Aktivisten wollten den Auftritt des französisch-israelischen Sängers Amir Haddad verhindern. Obwohl die Behörden das Konzert schützen konnten, sagte der Veranstalter ab. Das ist keine Vorsicht, sondern eine beschämende Kapitulation vor antisemitischer Einschüchterung.

Die Absage des Konzerts von Amir Haddad in Marseille ist keine verständliche Vorsichtsmaßnahme und kein bedauerliches Ergebnis einer unübersichtlichen Sicherheitslage. Sie ist eine beschämende Kapitulation vor einer Kampagne, deren erklärtes Ziel darin bestand, einen jüdischen Künstler wegen seiner Verbindung zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen von einer französischen Bühne zu verdrängen.
Der französisch-israelische Sänger sollte am Sonntag, dem 26. Juli 2026, bei der kostenlosen Veranstaltungsreihe „Sunset Live“ im Einkaufszentrum Les Terrasses du Port auftreten. Gemeinsam mit weiteren Künstlern war ein kurzer Auftritt vorgesehen, bei dem Amir nach Angaben seines Plattenlabels lediglich drei Lieder singen sollte. Eine politische Veranstaltung war nicht geplant. Dennoch wurde der gesamte Konzertabend abgesagt, nachdem propalästinensische Gruppen zum Boykott aufgerufen und Proteste angekündigt hatten. Der Veranstalter begründete seine Entscheidung mit „Sicherheitsgründen“.
Diese Begründung ist nicht überzeugend. Der Präfekt des Départements Bouches-du-Rhône, Jacques Witkowski, stellte nach der Absage ausdrücklich klar, dass die staatlichen Behörden weder zu diesem Schritt geraten noch ihn verlangt hatten. Nach seinen Angaben war ein Sicherheitskonzept vorbereitet worden, das eine Durchführung des Konzerts ermöglicht hätte. Die Entscheidung sei allein vom Veranstalter getroffen worden.
Damit ist der Kern des Vorgangs eindeutig: Nicht der Staat war außerstande, den Auftritt zu schützen. Nicht eine unkontrollierbare Gefahrenlage zwang zur Absage. Der Veranstalter entschied sich freiwillig dafür, dem politischen Druck nachzugeben und den angegriffenen Künstler aus dem Programm zu nehmen.
Genau das ist scharf zu verurteilen.
Wer auf eine Einschüchterungskampagne reagiert, indem er deren Ziel entfernt, schützt nicht die Freiheit, sondern belohnt diejenigen, die sie angreifen. Der Veranstalter hat den einfachsten Weg gewählt, doch dieser Weg führte über die Rechte eines jüdischen Künstlers. Amir verlor seinen Auftritt, während die Organisatoren des Boykotts ihr Ziel erreichten.
Die Union PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen Marseille, die zu der Kampagne aufgerufen hatte, bezeichnete die Absage anschließend als „Sieg der Mobilisierung“. Diese Reaktion widerlegt jede Darstellung, wonach es lediglich um eine friedliche Meinungsäußerung gegangen sei. Eine friedliche Demonstration hätte vor oder in der Nähe des Veranstaltungsortes stattfinden können. Das Konzert hätte trotzdem durchgeführt werden können. Die Behörden waren nach eigener Aussage bereit, genau dies zu ermöglichen.
Das Ziel der Kampagne war jedoch nicht nur, Kritik zu äußern. Amir sollte nicht auftreten. Seine Stimme sollte von der Bühne verschwinden. Dass der Veranstalter diesen Wunsch erfüllte, macht die Absage zu einem politischen Erfolg für diejenigen, die jüdische und israelische Künstler aus dem europäischen Kulturleben drängen wollen.
Kritik an Israel rechtfertigt keine Ausgrenzung von Juden
Die Aktivisten begründen ihren Boykott mit Amirs Verbindung zu Israel, seiner Unterstützung für den jüdischen Staat und angeblichen Auftritten bei israelsolidarischen Veranstaltungen. Sie behaupten, ihre Kampagne richte sich nicht gegen ihn als Juden, sondern ausschließlich gegen seine politische Haltung.
Diese Trennung überzeugt in diesem Fall nicht.
Amir sollte in Marseille weder die israelische Regierung vertreten noch über den Krieg sprechen. Er sollte keine politische Rede halten und keine militärische Maßnahme rechtfertigen. Er sollte als Sänger drei Lieder vortragen. Trotzdem wurde seine französisch-israelische Identität zum Anlass genommen, seinen Ausschluss zu verlangen.
Wer einen jüdischen Künstler nur dann auf einer europäischen Bühne duldet, wenn er sich von Israel distanziert, unterwirft ihn einem politischen Gesinnungstest. Von anderen Künstlern wird nicht verlangt, dass sie sich vor jedem Auftritt von ihrem Herkunftsland, ihrer Regierung oder ihrer nationalen Identität lossagen. Bei Juden und Israelis wird genau diese Forderung inzwischen immer häufiger erhoben.
Das ist keine normale Kritik an einer Regierung. Es ist die Übertragung des Konflikts im Nahen Osten auf einzelne jüdische Menschen, die außerhalb Israels leben und arbeiten. Der Künstler wird nicht mehr als eigenständige Person betrachtet, sondern zum Vertreter eines Staates erklärt, den seine Gegner aus dem kulturellen Raum verbannen wollen.
Dieser Mechanismus ist antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, auch wenn seine Vertreter ihn mit dem Wort „Antizionismus“ tarnen. AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen verliert seinen Charakter nicht dadurch, dass Juden heute wegen ihrer Verbindung zu Israel ausgegrenzt werden, statt offen wegen ihrer Religion oder Abstammung. Wer jüdische Selbstbestimmung ablehnt und diese Ablehnung gegen einzelne Juden richtet, überschreitet die Grenze zwischen politischer Kritik und gruppenbezogener Feindschaft.
Amirs Plattenlabel erklärte, der Sänger stehe mit seiner Musik für Frieden, Verständigung und die Verbindung zwischen Menschen. Es gebe keinen sachlichen Grund, ihn zu boykottieren. Nach Einschätzung des Labelchefs Antoine Gouiffes-Yan werde Amir allein wegen seiner jüdischen Identität zum Ziel gemacht.
Der Veranstalter hätte dieser Ausgrenzung entgegentreten müssen. Stattdessen übernahm er praktisch die Forderung der Aktivisten und entfernte den Künstler selbst aus dem Programm. Das macht ihn nicht zum Urheber der Kampagne, aber zum Erfüllungsgehilfen ihres Erfolgs.
Frankreich darf jüdische Künstler nicht den Einschüchterern überlassen
Die Absage in Marseille ist besonders alarmierend, weil sie nicht für sich allein steht. Nur wenige Tage zuvor war ein Auftritt der jüdischen DJ Barbara Butch in Grenoble nach Störungen durch propalästinensische Aktivisten abgebrochen worden. Nach Angaben der Künstlerin wurden Gegenstände geworfen und antisemitische Beschimpfungen gerufen. Nun wurde der Auftritt eines weiteren jüdischen Künstlers bereits im Voraus verhindert.
Das entstehende Muster ist gefährlich. Jüdische oder israelsolidarische Künstler werden öffentlich markiert, anschließend beginnen Boykottkampagnen, Veranstalter fürchten Proteste oder Störungen und nehmen die Betroffenen aus ihren Programmen. Die Initiatoren feiern die Absagen danach als politischen Erfolg.
Auf diese Weise entsteht ein faktisches Auftrittsverbot, ohne dass ein Staat es ausdrücklich anordnen muss. Es genügt, die Kosten, den Druck und die erwarteten Sicherheitsprobleme so weit zu erhöhen, dass Veranstalter einknicken. Die Freiheit der Kunst wird dann nicht durch ein Gesetz abgeschafft, sondern durch die Feigheit jener ausgehöhlt, die sie eigentlich verteidigen müssten.
Die Combat Antisemitism Movement hat die Absage deshalb zu Recht als Angriff auf die künstlerische Freiheit verurteilt. Shannon Seban, die Europa-Direktorin der Organisation, forderte einen nationalen Aktionsplan zum Schutz von Künstlern, die durch Boykotte, Drohungen oder Einschüchterung an ihrer Arbeit gehindert werden sollen. Kultur-, Innen- und Justizministerium müssten enger zusammenarbeiten, gefährdete Veranstaltungen schützen und Veranstaltern helfen, dem Druck standzuhalten.
Auch die öffentliche Kulturförderung muss überprüft werden. Wer staatliche Mittel erhält und sich auf Freiheit, Vielfalt und Toleranz beruft, darf jüdische Künstler nicht aus dem Programm nehmen, sobald israelfeindliche Gruppen Widerstand ankündigen. Kunstfreiheit ist wertlos, wenn sie nur für Künstler gilt, deren Herkunft und politische Haltung keinen Widerspruch auslösen.
Frankreich verfügt über Polizei, Sicherheitsbehörden und eine starke republikanische Tradition. Ein Land mit diesen Mitteln darf nicht hinnehmen, dass militante Gruppen durch organisierten Druck darüber entscheiden, welcher jüdische Künstler noch auftreten kann. Die richtige Antwort auf eine angekündigte Störung wäre gewesen, die Veranstaltung zu schützen und jede Straftat konsequent zu verfolgen.
Stattdessen wurde der Bedrohte entfernt.
Die Absage vermittelt jüdischen Künstlern, dass ihre Sicherheit am einfachsten dadurch hergestellt wird, dass sie nicht auftreten. Den Aktivisten vermittelt sie dagegen, dass ihre Methode funktioniert. Wer genügend Druck erzeugt, kann den Ausschluss eines unerwünschten Künstlers erzwingen.
Diese Botschaft ist verheerend. Sie wird weitere Kampagnen ermutigen und weitere Veranstalter zum Nachgeben verleiten. Deshalb darf die Entscheidung nicht als nachvollziehbare Vorsicht behandelt werden. Sie muss als das bezeichnet werden, was sie ist: eine Kapitulation vor antisemitischer Einschüchterung und eine schwere Niederlage für die Freiheit der Kunst.
Amir Haddad wurde nicht aufgrund eines Gerichtsurteils ausgeladen. Keine Behörde hatte seinen Auftritt verboten. Nach Angaben des Präfekten hätte das Konzert geschützt werden können.
Der Veranstalter sagte trotzdem ab.
Die Boykottgruppe feiert ihren Erfolg.
Frankreich sollte sich dafür schämen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 26 Juli 2026