Teherans Wegwerf-Killer: Europas Teenager sollen für 25.000 Euro mordenTeherans Wegwerf-Killer: Europas Teenager sollen für 25.000 Euro morden
Die Iran-nahe Foxtrot-Bande wirbt Jugendliche über soziale Netzwerke für Mordaufträge an. Jüdische und israelische Ziele gehören zu den Angriffszielen eines Netzes, das junge Täter bewusst als austauschbares Material behandelt.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Johannes Kongsnes Natland arbeitete zeitweise in einer Pizzeria, spielte erfolgreich Fußball und wollte nach Angaben aus seinem Umfeld ursprünglich Jurist werden. Mit 18 Jahren flog der Norweger stattdessen mit einem vorläufigen Reisepass von Stavanger nach Manchester. In Huddersfield holte er zwei Schusswaffen aus einem Versteck im Wald, bezog ein Hotelzimmer und wartete auf weitere Befehle. Unter seinem Bett fanden bewaffnete Polizisten später eine halbautomatische Pistole, einen Revolver und 19 Patronen, von denen zwölf scharf waren. Für die Ermordung eines bis heute nicht identifizierten Menschen waren ihm 25.000 Euro versprochen worden.
Gesteuert wurde Natland über digitale Nachrichten von einem Auftraggeber, der sich „Agent 47“ nannte, offenbar in Anlehnung an den Auftragsmörder aus der gleichnamigen Computerspielreihe. Der Jugendliche erhielt Flugverbindungen, Karten, Bilder und genaue Anweisungen zum Waffenversteck. Gegenüber seiner Freundin sprach er von einer „verrückten Mission“, schickte ein Foto mit einer Waffe und kündigte an, dass es bald geschehen werde. Auf die Frage eines Freundes, ob er die Pistolen bereits ausprobiert habe, antwortete er sinngemäß, sie würden an dem vorgesehenen Opfer getestet. Ein Londoner Geschworenengericht glaubte deshalb seiner späteren Behauptung nicht, er habe den Mord niemals wirklich ausführen wollen. Natland wurde wegen Verschwörung zum Mord verurteilt; das Strafmaß soll im Oktober verkündet werden.
Der Fall ist mehr als die Geschichte eines jungen Mannes, der für Geld bereit war, einen Fremden zu töten. Er zeigt ein Geschäftsmodell, in dem organisierte Kriminalität, digitale Anwerbung und iranische Staatsinteressen ineinandergreifen. Die schwedische Foxtrot-Bande sucht bewusst sehr junge Täter, die keinen persönlichen Kontakt zu ihren Auftraggebern besitzen, das Ziel nicht kennen und über verschlüsselte Nachrichten bis an den Tatort geführt werden. Wer festgenommen wird, kann die eigentlichen Hintermänner kaum identifizieren. Wer scheitert, wird ersetzt. Und weil viele Jugendliche bereits während der Vorbereitung oder unmittelbar nach einer Tat gefasst werden, muss die Bande häufig nicht einmal das versprochene Geld auszahlen.
Mordaufträge aus dem Gruppenchat
Die britische Staatsanwaltschaft beschreibt ein System, in dem Gewaltaufträge über Snapchat, Telegram und Signal angeboten werden. Die angeworbenen Jugendlichen haben oftmals keinerlei gewachsene Bindung an die Bande. Sie reagieren auf Geld, Anerkennung, Abenteuerlust oder die Aussicht, in der kriminellen Welt plötzlich Bedeutung zu erlangen. Der schwedische Journalist Diamant Salihu spricht von einer gezielten Strategie, immer jüngere Täter einzusetzen. Minderjährige dächten weniger über Festnahme, Gefängnis, Verletzungen und die endgültigen Folgen eines Mordes nach. Für die erwachsenen Auftraggeber sind gerade diese Schwächen nützlich.
Salihu bezeichnet dieses Modell als eine Art bestellbare Gewalt. Zwischen dem Auftraggeber und dem Schützen besteht keine Loyalität, häufig nicht einmal eine persönliche Bekanntschaft. Ein Mord wird über digitale Kanäle vergeben wie eine gewöhnliche Dienstleistung. Im schwedischen Gävle soll ein 13-Jähriger einen solchen Auftrag nur wenige Tage vor einer Schießerei angenommen haben. Er feuerte neunmal und verletzte sechs Menschen. Eltern und andere Erwachsene hatten zuvor gewarnt, dennoch konnte die Tat nicht verhindert werden.
Foxtrot ist keine kleine Gruppe aus einigen Internetkontakten. Das 2021 entstandene Netzwerk gehört zu den gefährlichsten kriminellen Organisationen Schwedens, handelt mit Drogen und Waffen und wird mit Schießereien, Auftragsmorden und schweren Gewalttaten in mehreren europäischen Ländern in Verbindung gebracht. Nach der von der BBC wiedergegebenen Schätzung soll die Bande seit 2022 für rund 35 Morde verantwortlich sein. Diese Zahl umfasst den allgemeinen Bandenkrieg und darf nicht so verstanden werden, als seien sämtliche Taten von Iran bestellt worden. Belegt ist jedoch, dass westliche Regierungen Foxtrot außerdem mit Angriffen auf jüdische und israelische Ziele verbinden.
An der Spitze steht Rawa Majid, der wegen seiner Fähigkeit, sich der Strafverfolgung zu entziehen, als „Kurdischer Fuchs“ bekannt wurde. Er soll sich in Iran aufhalten. Nach Darstellung des amerikanischen Finanzministeriums arbeitet Majid gezielt mit dem iranischen Geheimdienstministerium zusammen. Washington wirft seinem Netzwerk vor, im Januar 2024 im Auftrag Teherans einen Angriff auf die israelische Botschaft in Stockholm organisiert zu haben. Damals wurde auf dem Botschaftsgelände eine scharfe Handgranate gefunden und von einem Bombenkommando unschädlich gemacht.
In weiteren Fällen wurden Jugendliche mit Angriffen auf israelische Einrichtungen in Skandinavien in Verbindung gebracht. Ein 14-Jähriger soll in der Nähe der israelischen Botschaft in Stockholm geschossen haben, ein 13-Jähriger wurde nach einem Angriff auf eine Niederlassung des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems in Göteborg festgenommen. Zwei junge Schweden wurden in Dänemark wegen eines Granatenangriffs nahe der israelischen Botschaft in Kopenhagen verurteilt. Die genaue Zuordnung einzelner Taten zu Foxtrot, konkurrierenden Banden oder iranischen Auftraggebern ist Gegenstand unterschiedlicher Verfahren. Das wiederkehrende Muster ist jedoch unübersehbar: Sehr junge Täter werden mit Waffen ausgestattet und gegen Ziele geschickt, deren politische Bedeutung sie teilweise kaum verstehen.
Iran lagert seinen Terror nach Europa aus
Für die Islamische Republik ist dieses Verfahren nahezu ideal. Eigene Geheimdienstmitarbeiter müssen nicht mit einer Waffe am Tatort erscheinen. Teheran kann auf vorhandene Bandenstrukturen, Schmuggelwege und kriminelle Rekrutierer zurückgreifen. Wird ein Jugendlicher festgenommen, erscheint die Tat zunächst wie gewöhnliche Bandenkriminalität. Der Weg vom minderjährigen Schützen über mehrere digitale Vermittler bis zu einem iranischen Auftraggeber ist lang, schwer nachzuweisen und für die Öffentlichkeit kaum sichtbar.
Das amerikanische Finanzministerium spricht ausdrücklich von einer Strategie, mit der Iran kriminelle Netzwerke als Stellvertreter nutzt, um Verantwortung abstreiten zu können. Foxtrot habe auf iranische Weisung israelische und jüdische Ziele angegriffen. Das Netzwerk verwende regelmäßig Jugendliche für Gewaltverbrechen und habe sogar einen minderjährigen Täter eingesetzt, um die Mutter eines rivalisierenden Bandenführers zu töten. Großbritannien verhängte ebenfalls Sanktionen gegen Foxtrot und Majid und erklärte, das Netzwerk habe im Auftrag des iranischen Regimes Gewalt gegen jüdische und israelische Ziele in Europa ausgeübt.
London erklärte bereits im April 2025, seit Anfang 2022 auf mehr als 20 vom iranischen Regime unterstützte Pläne reagiert zu haben, die eine möglicherweise tödliche Gefahr für Menschen in Großbritannien darstellten. Die Ziele Teherans reichen über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hinaus. Bedroht sind iranische Oppositionelle, Journalisten, amerikanische Staatsbürger und Menschen, die das Regime als Feinde betrachtet. Iran bestreitet die Verbindung zu Foxtrot und bezeichnet die Vorwürfe als haltlos. Die Sanktionen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens sowie die Erkenntnisse schwedischer Sicherheitsbehörden zeigen jedoch, dass die Anschuldigungen nicht allein auf israelischen Angaben beruhen.
Besonders perfide ist, dass die jungen Täter nicht einmal überzeugte Anhänger des iranischen Regimes sein müssen. Sie benötigen keine Ausbildung in einem Lager der Revolutionsgarde und müssen weder Persisch sprechen noch die Ideologie Teherans teilen. Für einen Angriff reichen ein Mobiltelefon, ein Geldversprechen, ein Waffenversteck und ein Jugendlicher, der die Konsequenzen verdrängt. Iran kann dadurch Menschen einsetzen, die äußerlich keinerlei Verbindung zur Islamischen Republik besitzen.
Das macht die Gefahr für jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen und israelische Einrichtungen schwerer berechenbar. Sicherheitsbehörden können bekannte iranische Agenten beobachten, diplomatische Mitarbeiter ausweisen und verdächtige Geldflüsse verfolgen. Wesentlich schwieriger ist die Erkennung eines 14- oder 17-Jährigen, der erst wenige Tage zuvor in einer Gruppe einen Auftrag angenommen hat, mit dem Zug in eine fremde Stadt fährt und dort eine versteckte Pistole oder Handgranate abholt. Zwischen Anwerbung und Tat können nur Stunden oder wenige Tage liegen.
Die Jugendlichen sind dabei Täter und zugleich Werkzeuge. Ihre Minderjährigkeit entschuldigt weder Schüsse noch einen Mordauftrag. Wer bewusst eine Waffe nimmt, um einen Menschen zu töten, trägt Verantwortung. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass erfahrene Kriminelle ihre Unreife, Drogenprobleme, familiären Krisen und Sehnsucht nach Geld oder Anerkennung ausnutzen. Bei Natland führte der Weg über frühen Drogenkonsum und einen Aufenthalt in einer Betreuungseinrichtung zu einem jugendlichen Foxtrot-Kontakt, einem Rekrutierer und schließlich zu „Agent 47“. Die Auftraggeber saßen sicher, während der 18-Jährige mit den Waffen unter seinem Hotelbett auf seine letzten Befehle wartete.
Europa darf diese Entwicklung deshalb weder als gewöhnlichen schwedischen Bandenkrieg noch ausschließlich als Jugendproblem behandeln. Wenn ein ausländisches Regime kriminelle Organisationen nutzt, um jüdische Einrichtungen, israelische Vertretungen, Journalisten oder Oppositionelle angreifen zu lassen, handelt es sich um staatlich gesteuerte Gewalt auf europäischem Boden. Die Antwort kann nicht bei einigen Kontensperrungen und nachträglichen Strafverfahren enden.
Notwendig sind eine wesentlich engere Zusammenarbeit der Nachrichtendienste, ein schneller Austausch über digitale Rekrutierer und ein konsequentes Vorgehen gegen Gruppen, in denen Mordaufträge angeboten werden. Polizei, Schulen, Jugendämter und Betreuungseinrichtungen müssen Warnzeichen gemeinsam auswerten, statt Informationen erst nach einer Tat zusammenzuführen. Zugleich brauchen jüdische und israelische Einrichtungen Schutz vor Tätern, die nicht in das vertraute Bild eines ausgebildeten Terroristen passen.
Der Fall Natland endete, bevor ein Mensch ermordet wurde. Das war kein Verdienst der Auftraggeber, sondern der Ermittler, die den Jugendlichen rechtzeitig fanden. Der nächste angeworbene Teenager könnte weniger auffällig sein, schneller handeln oder sein Ziel erreichen. Genau darauf baut das Netzwerk.
Teheran hat seinen Terror nicht aufgegeben. Es hat ihn ausgelagert. Die Waffe hält ein Jugendlicher, den Befehl übermittelt ein anonymer Nutzer, und der Staat im Hintergrund bestreitet jede Verantwortung. Europas Kinder werden dabei nicht zu Partnern Irans. Sie werden zu Wegwerf-Killern, deren Leben, Freiheit und Zukunft für das Regime ebenso wenig zählen wie das Leben ihrer vorgesehenen Opfer.
Autor: Redaktion
Sonntag, 02 August 2026