Zemmour fordert Kippa-Verbot und sagt selbst: Juden tragen sie aus Angst kaum nochZemmour fordert Kippa-Verbot und sagt selbst: Juden tragen sie aus Angst kaum noch
Der jüdische Präsidentschaftskandidat will islamisches Kopftuch und Kippa aus Frankreichs öffentlichem Raum verbannen. Gleichzeitig verweist er auf die Gefahr antisemitischer Angriffe.

Éric Zemmour will im Falle eines politischen Erfolgs nicht nur das islamische Kopftuch, sondern auch die Kippa im öffentlichen Raum Frankreichs verbieten. Der Vorsitzende von Reconquête, der selbst Jude ist und für die Präsidentschaftswahl 2027 kandidieren will, bestätigte dies in der Sendung „Face à BFM“ ausdrücklich. Auf die Frage, ob sein geplantes Verbot religiöser Symbole auch für die jüdische Kopfbedeckung gelten solle, antwortete Zemmour: „Dans l’espace public, oui“ – im öffentlichen Raum: ja.
Bemerkenswert ist die Begründung, die Zemmour unmittelbar danach selbst lieferte. Als Kind sei er mit seinem Vater in die Synagoge gegangen. Beim Verlassen hätten seine Eltern ihn aufgefordert, die Kippa auf der Straße abzunehmen. Für Zemmour entsprach dies dem „Geist“ der französischen Laizität: Religionen sollten sich im öffentlichen Raum zurückhalten und ihre Zugehörigkeit nicht demonstrativ zeigen.
Dann verwies Zemmour allerdings auf einen ganz anderen Grund, weshalb viele französische Juden heute keine Kippa mehr offen auf der Straße tragen: die Gefahr antisemitischer Angriffe. Juden trügen sie kaum noch, erklärte er, weil sie befürchten müssten, attackiert zu werden. Zugleich bezeichnete er die Durchsetzung seines geplanten Verbots religiöser Zeichen als eine „absolute Priorität“, wobei seine Argumentation vor allem auf das islamische Kopftuch zielte.
Frankreichs geltendes Recht geht deutlich weniger weit
Zemmours Vorschlag wäre eine erhebliche Ausweitung der bestehenden französischen Regeln. Der Grundsatz der Laizität bedeutet derzeit nicht, dass Privatpersonen im gesamten öffentlichen Raum auf sichtbare religiöse Zeichen verzichten müssen.
Für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes gelten strenge Neutralitätspflichten. Auch Schüler staatlicher Schulen dürfen seit 2004 keine auffälligen religiösen Zeichen wie Kippa, islamisches Kopftuch oder große Kreuze tragen. Für Bürger auf Straßen, in Geschäften oder anderen allgemein zugänglichen Bereichen besteht dagegen kein vergleichbares allgemeines Verbot. Der französische Conseil d'État stellt ausdrücklich fest, dass Nutzer öffentlicher Dienste grundsätzlich ihre religiösen Überzeugungen zum Ausdruck bringen dürfen, sofern keine besonderen gesetzlichen oder ordnungsrechtlichen Einschränkungen greifen.
Frankreich verbietet außerdem die vollständige Verhüllung des Gesichts im öffentlichen Raum. Dieses Gesetz betrifft beispielsweise Burka oder Nikab, nicht aber eine Kippa oder ein Kopftuch, solange das Gesicht erkennbar bleibt.
Zemmour vertritt damit eine wesentlich weitergehende Interpretation der Laizität: Nicht allein der Staat und seine Bediensteten sollen religiös neutral auftreten, sondern sichtbare religiöse Zugehörigkeit soll auch bei Privatpersonen im öffentlichen Raum stärker eingeschränkt werden.
Kippa längst zum Sicherheitsrisiko geworden
Die Debatte trifft Frankreichs jüdische Gemeinschaft in einer Zeit anhaltend hoher antisemitischer Gewalt. Nach Angaben des französischen Innenministeriums wurden 2025 insgesamt 1.320 antisemitische Taten registriert. Das waren zwar 16 Prozent weniger als im Vorjahr, dennoch blieb die Zahl auf historisch sehr hohem Niveau. Antisemitische Vorfälle machten 53 Prozent sämtlicher registrierter antireligiöser Taten aus.
Der jüdische Sicherheitsdienst SPCJ registrierte für 2025 allein 126 körperliche antisemitische Angriffe. Die Organisation weist darauf hin, dass Juden weniger als ein Prozent der französischen Bevölkerung stellen, antisemitische Vorfälle jedoch mehr als die Hälfte der erfassten antireligiösen Taten ausmachten.
Damit steht Zemmours Vorschlag in einem besonderen KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen: Er selbst beschreibt, dass französische Juden ihre Kippa aus Angst vor Gewalt bereits häufig verbergen. Seine politische Forderung würde zusätzlich ein staatliches Verbot der Kippa im öffentlichen Raum schaffen.
Zemmour bestätigte am 17. September zugleich, dass er bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 antreten will. Eine formelle Kampagnenerklärung soll nach Angaben seines Umfelds noch folgen. Bereits 2022 kandidierte er für den Élysée-Palast und erhielt im ersten Wahlgang 7,07 Prozent der Stimmen.
Seine Position zur Kippa dürfte damit Teil einer größeren französischen Debatte werden: darüber, wo staatliche Laizität endet und die Religionsfreiheit des einzelnen Bürgers beginnt. Für Frankreichs Juden hat diese Diskussion zugleich eine sehr konkrete Dimension. Sichtbares jüdisches Leben ist auf französischen Straßen schon heute nicht nur eine Frage religiöser Überzeugung, sondern vielfach auch eine Sicherheitsfrage.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 01 Oktober 2026