25.000 Euro für einen Mord: Teherans kriminelles Netzwerk reicht bis Großbritannien25.000 Euro für einen Mord: Teherans kriminelles Netzwerk reicht bis Großbritannien
Ein 19-jähriger Norweger sollte einen unbekannten Menschen erschießen. Der Auftrag kam aus einem Verbrechernetzwerk, das nach Erkenntnissen westlicher Behörden für das iranische Regime auch jüdische und israelische Ziele angreift.

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Ein Mordauftrag aus dem Internet, zwei bereitgestellte Schusswaffen und ein junger Norweger, der für 25.000 Euro einen Menschen töten sollte. Am Freitag, dem 16. Oktober 2026, verurteilte ein britisches Gericht den 19-jährigen Johannes Kongsnes Natland zu 20 Jahren Freiheitsentzug. Nur das rechtzeitige Eingreifen britischer und norwegischer Ermittler verhinderte, dass aus dem geplanten Auftragsmord eine tatsächliche Tötung wurde.
Der Fall reicht weit über einen gewöhnlichen Mordauftrag hinaus. Natland wurde von Personen aus dem sogenannten Foxtrot-Netzwerk angeworben, einer ursprünglich in Schweden entstandenen kriminellen Organisation, die nach Erkenntnissen britischer und amerikanischer Sicherheitsbehörden für das iranische Regime tätig geworden ist. Zu den ihr zugeschriebenen Operationen gehören Gewalttaten gegen jüdische und israelische Einrichtungen in Europa.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Dass Foxtrot im Auftrag Teherans Gewalttaten organisiert hat, wird von westlichen Behörden ausdrücklich festgestellt. Einen unmittelbaren Auftrag des iranischen Staates für den jetzt verhandelten Mordplan konnten die britischen Ermittler jedoch nicht nachweisen. Die Bedeutung des Urteils liegt deshalb nicht in einem bewiesenen iranischen Einzelauftrag, sondern in der Arbeitsweise eines internationalen Verbrechernetzwerks, dessen Verbindungen zum iranischen Sicherheitsapparat bereits Gegenstand staatlicher Sanktionen sind.
Ein Mordauftrag wie eine Bestellung im Internet
Johannes Kongsnes Natland stammte aus dem norwegischen Stavanger. Als er im März 2025 nach Großbritannien flog, war er gerade 18 Jahre alt geworden. Über das Internet hatte er Kontakt zu Personen bekommen, die für einen Mord eine erhebliche Geldsumme versprachen. Nach den Ermittlungen erfolgte die Anwerbung über soziale Medien und Kontakte aus dem Umfeld eines Onlinespiels.
Die Organisatoren versprachen ihm 25.000 Euro. Wen er töten sollte, wusste Natland zunächst nicht. Er musste nicht einmal selbst Waffen organisieren. Stattdessen erhielt er genaue Anweisungen für seine Reise, die Beschaffung von Bargeld und die Übernahme bereits versteckter Schusswaffen.
Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Kontakt, der sich „Agent 47“ nannte. Der Name erinnert an die Hauptfigur einer Computerspielreihe, in der ein professioneller Auftragsmörder im Mittelpunkt steht. Hinter dem Pseudonym stand ein Organisator, der Natland aus der Ferne dirigierte. Er teilte ihm mit, welchen Flug er nehmen sollte, wo er Geld abholen konnte und welches Hotel er buchen musste.
Am 17. März 2025 traf Natland am Flughafen Manchester ein. Anschließend reiste er nach Huddersfield in Nordengland. Dort holte er aus einem Versteck in einem Waldstück eine Tasche mit Schusswaffen ab. Die Ermittler rekonstruierten seine Bewegungen später anhand von Überwachungskameras und elektronischen Nachrichten.
In seinem Hotelzimmer fanden die Polizisten schließlich eine halbautomatische Pistole, einen Revolver und Munition. Die britische Metropolitan Police berichtete von insgesamt 19 sichergestellten Patronen. Außerdem stellten die Ermittler Bargeld und elektronische Kommunikationsmittel sicher, die zur Rekonstruktion der Vorbereitungen beitrugen.
Am 19. März, nur zwei Tage nach seiner Einreise, wurde Natland von bewaffneten Polizeibeamten festgenommen. Nach Angaben der britischen Terrorismusabwehr stand die geplante Tat zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevor.
Während des Prozesses versuchte der Angeklagte, seine Absichten anders darzustellen. Er räumte den Waffenbesitz ein, bestritt jedoch, den Mord tatsächlich begehen zu wollen. Nach seiner Darstellung habe er erwogen, sich selbst in den Fuß zu schießen, um dem Auftrag zu entkommen, ohne Vergeltungsmaßnahmen seiner Auftraggeber befürchten zu müssen.
Das Gericht folgte dieser Erklärung nicht. Die Staatsanwaltschaft verwies unter anderem auf Nachrichten, in denen Natland seine Bereitschaft zur Tat erkennen ließ. Einer anderen Person hatte er sinngemäß mitgeteilt, es werde aufregend sein, jemanden zu töten.
Bereits im Juli 2026 war der Norweger nach einem erneuten Verfahren wegen Verabredung zum Mord schuldig gesprochen worden. Am 16. Oktober verkündete Richterin Bobbie Cheema-Grubb das Strafmaß. Natland erhielt 20 Jahre Freiheitsentzug, von denen er mindestens 13 Jahre verbüßen muss. Für die bereits eingeräumten Waffendelikte wurden weitere fünf Jahre verhängt, die gleichzeitig mit der Hauptstrafe laufen.
Die Richterin erklärte, sie sei überzeugt, dass Natland den Mord ausgeführt hätte, wenn die Polizei nicht rechtzeitig eingegriffen hätte. Seine Handlungen seien nicht das Ergebnis einer kurzfristigen unüberlegten Entscheidung gewesen, sondern hätten Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit gezeigt.
Auch in Norwegen hat der Fall juristische Folgen. Ein damals 17-Jähriger, der unter dem Namen „Generalen“ an der Anwerbung beteiligt gewesen sein soll, wurde dort bereits zu 14 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Gegen einen weiteren Jugendlichen liefen nach den vorliegenden Berichten ebenfalls Verfahren.
Foxtrot: Wenn das iranische Regime gewöhnliche Kriminelle für seine Zwecke nutzt
Die eigentliche sicherheitspolitische Brisanz liegt in der Organisation hinter dem Mordauftrag. Das Foxtrot-Netzwerk entwickelte sich in Schweden zu einem international tätigen kriminellen Verbund, dessen Mitglieder mit Schießereien, Auftragsmorden, Drogenhandel und anderen schweren Straftaten in Verbindung gebracht werden.
Als eine der Schlüsselfiguren gilt Rawa Majid, der auch unter dem Namen „Kurdischer Fuchs“ bekannt wurde. Westliche Sicherheitsbehörden werfen ihm vor, seine kriminellen Strukturen für Operationen im Interesse des iranischen Staates zur Verfügung gestellt zu haben.
Am 14. April 2025 verhängte Großbritannien Sanktionen gegen Majid und das Foxtrot-Netzwerk. Die britische Regierung begründete diesen Schritt ausdrücklich mit der Beteiligung der Organisation an Gewalttaten gegen jüdische und israelische Ziele in Europa im Auftrag des iranischen Regimes. Bereits im März 2025 hatten die Vereinigten Staaten entsprechende Sanktionen ausgesprochen.
Dabei handelt es sich nicht lediglich um journalistische Spekulationen über mögliche Kontakte nach Teheran. Die Sanktionen beruhen auf offiziellen Erkenntnissen und Bewertungen westlicher Behörden. Der Iran bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.
Die amerikanischen Behörden brachten Foxtrot unter anderem mit einem Angriff auf die israelische Botschaft in Stockholm im Januar 2024 in Verbindung. Nach ihrer Darstellung stand das Netzwerk mit dem iranischen Geheimdienstministerium in Kontakt. Auch weitere Bedrohungen gegen israelische und jüdische Einrichtungen in Europa wurden in diesem Zusammenhang untersucht.
haOlam.de berichtete bereits im September 2025 unter dem Titel „Teherans Schattenarmee: Wie Iran mit Kartellen und Gangs weltweit Juden und Dissidenten ins Visier nimmt“ über diese Entwicklung. Damals stand besonders die Zusammenarbeit iranischer Sicherheitsorgane mit internationalen Verbrecherbanden im Mittelpunkt. Der jetzt abgeschlossene Prozess in Großbritannien zeigt, wie ein solches kriminelles Netzwerk Menschen über Ländergrenzen hinweg anwerben, bewaffnen und für schwere Gewalttaten einsetzen kann.
Die Methode hat für einen Staat, der verdeckte Operationen durchführen will, erhebliche Vorteile. Die eigentlichen Organisatoren müssen nicht selbst am Tatort erscheinen. Waffen, Geld und Aufträge werden über Mittelsmänner verteilt. Für die unmittelbare Tatausführung lassen sich Personen anwerben, die weder über eine politische Ausbildung noch über eine erkennbare ideologische Bindung verfügen müssen.
Damit verändert sich auch die Bedrohung für jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen und israelische Einrichtungen in Europa. Potenzielle Täter müssen nicht zwingend Mitglieder einer islamistischen Terrororganisation sein. Es können junge Männer aus dem gewöhnlichen kriminellen Milieu sein, deren Motivation zunächst ausschließlich finanzieller Natur ist.
Die britische Regierung stellte bereits 2025 fest, dass sie seit Anfang 2022 auf mehr als 20 mit Iran verbundenen Anschlagspläne und Bedrohungsvorgänge reagiert hatte. In einer späteren offiziellen Bewertung warnte London ausdrücklich davor, dass iranische Nachrichtendienste ihre Zusammenarbeit mit kriminellen Organisationen ausbauen, um Gewalttaten durchführen zu lassen und die eigene Verantwortung zu verschleiern.
Die Gefährdung betrifft neben israelischen und jüdischen Einrichtungen auch iranische Oppositionelle, Journalisten und andere Menschen, die vom Regime als Gegner betrachtet werden. Dass Teheran seine politischen Konflikte auf europäisches Territorium verlagert, ist deshalb längst nicht mehr nur eine Frage israelischer Sicherheit, sondern betrifft unmittelbar die innere Sicherheit europäischer Staaten.
Besonders beunruhigend ist die Rekrutierung Minderjähriger und sehr junger Erwachsener. Wer junge Menschen über soziale Netzwerke, Computerspiele und verschlüsselte Kommunikationsdienste für schwere Gewalttaten anwirbt, erweitert den Kreis möglicher Täter erheblich. Zugleich entstehen neue Schwierigkeiten für die Ermittler, weil sich der Übergang zwischen gewöhnlicher Jugendkriminalität, organisierter Gewalt und staatlich unterstützten Operationen nicht immer sofort erkennen lässt.
Im Fall Natland gelang es den Behörden, die Vorbereitung rechtzeitig aufzudecken. Die britische Terrorismusabwehr betonte ausdrücklich, dass dabei die Zusammenarbeit zwischen britischen und norwegischen Sicherheitsbehörden entscheidend gewesen sei. Die Ermittlungen gegen weitere mögliche Beteiligte an der Bereitstellung von Waffen und Fahrzeugen dauern an.
Die Identität des vorgesehenen Opfers konnte bislang nicht festgestellt werden. Deshalb lässt sich auch nicht behaupten, dass der verhinderte Mord konkret gegen einen Juden, einen Israeli oder einen iranischen Oppositionellen gerichtet gewesen wäre. Polizeikommandeurin Helen Flanagan stellte ausdrücklich klar, dass für diesen einzelnen Auftrag keine direkte Verbindung zum iranischen Staat nachgewiesen werden konnte.
Diese Einschränkung ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Gefahr, die von Foxtrot ausgeht. Eine bereits wegen Gewalt gegen jüdische und israelische Ziele sanktionierte Organisation verfügt offenkundig über die Fähigkeit, junge Menschen in unterschiedlichen europäischen Ländern zu rekrutieren, ihnen Waffen bereitzustellen und Mordaufträge zu organisieren.
Der britische Prozess zeigt damit zwei Entwicklungen gleichzeitig. Auf der einen Seite steht die erfolgreiche internationale Polizeiarbeit, durch die ein geplanter Mord verhindert wurde. Auf der anderen Seite wird sichtbar, wie professionelle Verbrechernetzwerke ihre Dienstleistungen für Auftraggeber anbieten, denen politische oder wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als Menschenleben.
Für europäische Sicherheitsbehörden ergibt sich daraus eine weitreichende Konsequenz: Wer ausschließlich nach ideologisch überzeugten Terroristen sucht, könnte einen Teil der heutigen Bedrohung übersehen. Denn ein Auftragsmörder muss die Ziele seiner Auftraggeber nicht teilen. Es reicht, wenn er bereit ist, für Geld zu töten.
Autor: Redaktion
Samstag, 17 Oktober 2026