Spaniens Antisemitismusproblem: Selbst im Wörterbuch lebt der Judenhass weiterSpaniens Antisemitismusproblem: Selbst im Wörterbuch lebt der Judenhass weiter
Jüdische Besucher werden in Barcelona bedrängt, jüdische Studenten in Madrid bedroht und Israels Vertreter warnen vor wachsendem Antisemitismus. Nun zeigt ein Streit um Spaniens offizielles Wörterbuch, wie tief antijüdische Vorurteile noch immer verankert sind.

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QuelleIn Spanien reißen die Berichte über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nicht ab. Seit Monaten dokumentieren jüdische Organisationen Anfeindungen, Ausgrenzung und Übergriffe, während die politische Konfrontation zwischen der Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen immer schärfer wird. Nun rückt ein Vorgang in den Mittelpunkt, der auf den ersten Blick weniger spektakulär erscheint als die Bedrohung jüdischer Menschen auf offener Straße, aber viel über die Beständigkeit antisemitischer Vorurteile verrät. Die Königliche Spanische Akademie (RAE) hält in ihrem offiziellen Wörterbuch weiterhin an einer Bedeutung des Wortes „judío“ fest, die einen Juden mit einem geizigen oder wucherischen Menschen gleichsetzt.
Das ist keine Interpretation von Kritikern. Die Formulierung steht tatsächlich im öffentlich zugänglichen Wörterbuch der Akademie. Zwar enthält der Eintrag inzwischen den Hinweis, dass diese Verwendung beleidigend oder diskriminierend sei. Entfernen will die Institution die Bedeutung dennoch nicht. Daran hat auch eine Entscheidung eines argentinischen Bundesgerichts vom September 2024 nichts geändert, mit der die Streichung angeordnet wurde.
Die Akademie begründet ihre Haltung damit, dass Wörterbücher den tatsächlichen Sprachgebrauch dokumentieren müssten. Auch diskriminierende Bedeutungen gehörten dazu, solange sie sprachlich nachweisbar seien. Jüdische Organisationen halten dagegen, dass eine Institution mit weltweiter sprachlicher Autorität nicht nur vorhandene Begriffe beschreibe, sondern auch deren gesellschaftliche Wahrnehmung beeinflusse.
Der Streit ist mehr als zwei Jahre nach der Gerichtsentscheidung weiterhin ungelöst. Dass ausgerechnet das alte antisemitische Klischee vom geldgierigen Juden im offiziellen Wörterbuch fortbesteht, erhält angesichts der Entwicklung in Spanien eine besondere Bedeutung.
Von Barcelona bis Madrid: Eine lange Reihe antisemitischer Vorfälle
haOlam.de hat in den vergangenen Monaten wiederholt über die zunehmende Feindseligkeit gegenüber Juden in Spanien berichtet. Dabei ging es längst nicht mehr ausschließlich um antiisraelische Demonstrationen oder diplomatische Auseinandersetzungen.
Im Juni 2026 wurde aus Barcelona ein Vorfall bekannt, bei dem einer jüdischen Frau und ihrer Begleiterin der Zugang zu einem Thermalbad verweigert worden sein soll, weil eine der Frauen einen Davidstern trug. Die Einrichtung entschuldigte sich später und verurteilte Antisemitismus. Der Fall zeigte, wie eine sichtbare jüdische Identität zum Anlass für Ausgrenzung werden kann.
Noch erschreckender waren die Berichte über jüdische Besucher aus Frankreich, die Anfang Juli nach einem Synagogenbesuch in Barcelona verfolgt, beschimpft und bespuckt worden sein sollen. Nach Angaben der Betroffenen und jüdischer Organisationen schlossen sich immer mehr Menschen der Verfolgung an. Es fielen Parolen, wonach Juden in Barcelona nicht willkommen seien. Einer der Betroffenen versuchte sogar zu erklären, dass er Franzose und kein Israeli sei. Die Anfeindungen hörten nach seiner Darstellung trotzdem nicht auf.
haOlam.de berichtete zunächst über die Schilderungen der spanischen Föderation jüdischer Gemeinden und griff im August weitere Aussagen eines Betroffenen auf. Der Vorfall verdeutlichte eine Entwicklung, vor der jüdische Organisationen seit Jahren warnen: Die Grenze zwischen politischer Ablehnung Israels und unmittelbarer Feindseligkeit gegenüber jüdischen Menschen wird in Teilen der öffentlichen Auseinandersetzung aufgehoben.
Auch aus Madrid wurden antisemitische Einschüchterungen gemeldet. Im September 2025 berichtete haOlam.de über Drohbriefe gegen jüdische Studenten. Im selben Monat kam es während der Spanien-Rundfahrt Vuelta zu massiven antiisraelischen Protesten, die den Ablauf des Radrennens beeinträchtigten und sich unter anderem gegen die Teilnahme eines israelischen Teams richteten.
Die einzelnen Vorfälle unterscheiden sich in ihrem Ablauf und ihrer rechtlichen Bewertung. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass jüdische Identität oder eine tatsächliche beziehungsweise zugeschriebene Verbindung zu Israel zum Anlass für Anfeindungen wurde.
Hinzu kommt die politische Auseinandersetzung. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez gehört zu den schärfsten europäischen Kritikern der israelischen Regierung. Seine Haltung ist für sich genommen kein Beweis für Antisemitismus. Jüdische Gemeindevertreter und israelische Diplomaten werfen ihm jedoch vor, durch seine Rhetorik eine Atmosphäre zu begünstigen, in der Feindseligkeit gegenüber Israel zunehmend auf jüdische Menschen übertragen werde.
Bereits im Mai 2026 berichtete haOlam.de über die ungewöhnlich scharfe Warnung des früheren Präsidenten der jüdischen Gemeinde Madrids, David Hatchwell. Er sprach von der schwersten Krise zwischen Spanien und dem jüdischen Volk seit 500 Jahren und erhob schwere Vorwürfe gegen die Regierung Sánchez.
Diese Einschätzung verweist auf einen historischen Hintergrund, der in Spanien besonders schwer wiegt. Im Jahr 1492 ordneten die katholischen Könige Ferdinand und Isabella die Vertreibung der Juden an, die nicht zum Christentum übertreten wollten. Die jahrhundertelange jüdische Geschichte auf der Iberischen Halbinsel wurde dadurch gewaltsam unterbrochen. Jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen verloren ihre Heimat, Familien wurden auseinandergerissen und das religiöse Leben nachhaltig zerstört.
Vor diesem Hintergrund ist das Festhalten an überlieferten antijüdischen Stereotypen keine belanglose sprachwissenschaftliche Randfrage.
Ein altes Feindbild bleibt Bestandteil der offiziellen Sprache
Die umstrittene Wörterbuchdefinition gehört zu einem der ältesten antisemitischen Klischees Europas. Über Jahrhunderte wurden Juden pauschal mit Geldverleih, Habgier und wirtschaftlicher Ausbeutung verbunden. Diese Vorstellung entstand unter anderem in einer Gesellschaft, in der Juden von zahlreichen Berufen ausgeschlossen waren und bestimmte Tätigkeiten im Geldverleih übernahmen.
Aus einer historischen Wirtschaftsstruktur wurde ein Vorurteil gegen eine gesamte Bevölkerungsgruppe. Später entwickelten sich daraus antisemitische Verschwörungserzählungen über angebliche jüdische Kontrolle von Banken, Wirtschaft und Politik. Solche Behauptungen dienten immer wieder zur Rechtfertigung von Diskriminierung, Enteignung und Gewalt.
Genau dieses historische Vorurteil findet sich nun weiterhin als Bedeutung des Wortes „judío“ im offiziellen spanischen Wörterbuch.
Bereits 2021 wandte sich der Lateinamerikanische Jüdische Kongress an die Königliche Spanische Akademie und verlangte eine Änderung. Die Institution ergänzte einen Hinweis auf den diskriminierenden Charakter der Verwendung, verweigerte jedoch die vollständige Streichung.
Im August 2024 reichten jüdische Organisationen in Argentinien eine Strafanzeige gegen den Akademiedirektor Santiago Muñoz Machado und weitere Verantwortliche ein. Im September desselben Jahres ordnete Bundesrichter Ariel Lijo an, dass die beanstandete Bedeutung entfernt werden müsse.
Allerdings kann die Entscheidung eines argentinischen Gerichts nicht ohne Weiteres gegenüber einer Institution in Spanien durchgesetzt werden. Die Akademie erklärte damals, das Urteil respektvoll prüfen zu wollen. Sie blieb jedoch bei ihrer Position.
Akademiedirektor Muñoz Machado argumentierte, die betreffende Bedeutung sei im Sprachgebrauch nachweisbar. Ein Wörterbuch müsse auch unangenehme oder diskriminierende Verwendungen dokumentieren, statt sie aus der Sprachgeschichte zu entfernen.
Dieser Einwand ist nicht grundsätzlich unbegründet. Sprachwissenschaftliche Nachschlagewerke müssen historische und gegenwärtige Bedeutungen erfassen können, auch wenn sie beleidigend sind. Die Frage ist jedoch, ob eine solche Bedeutung ohne weitergehende historische EinordnungKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen angemessen dargestellt wird und welche Verantwortung eine Institution trägt, deren Wörterbuch weltweit als Autorität gilt.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Akademie in anderen Fällen bereits als beleidigend empfundene Definitionen geändert hat. Eine sprachliche Überarbeitung ist somit keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen.
Für jüdische Organisationen bleibt der Fall deshalb ein Beispiel dafür, wie schwer es sein kann, selbst eindeutig erkannte antisemitische Vorurteile aus gesellschaftlich anerkannten Institutionen zurückzudrängen.
In Spanien fügt sich dieser Streit in eine Entwicklung ein, die haOlam.de seit Langem begleitet. Juden werden nach ihren Schilderungen auf Straßen bedroht, wegen religiöser Symbole ausgegrenzt und mit politischen Entscheidungen eines Staates identifiziert, dessen Staatsbürger sie nicht einmal sein müssen. Zugleich warnen jüdische Gemeindevertreter vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz antiisraelischer Feindbilder.
Die Verantwortung für diese Vorfälle liegt bei den jeweiligen Tätern. Die Königliche Spanische Akademie ist weder für Übergriffe in Barcelona noch für die Politik der Regierung Sánchez verantwortlich. Ihr Umgang mit dem Wörterbucheintrag zeigt jedoch, dass auch in etablierten kulturellen Institutionen um die angemessene Behandlung antisemitischer Überlieferungen gerungen wird.
Das macht den Fall besonders aufschlussreich. Während jüdische Organisationen in Spanien und anderen Ländern gegen aktuelle Formen des Antisemitismus kämpfen, müssen sie gleichzeitig um die Entfernung oder eindeutige Einordnung eines jahrhundertealten Vorurteils aus einem der bedeutendsten Wörterbücher der spanischsprachigen Welt streiten.
Spanien hat damit nicht nur ein Problem mit einzelnen antisemitischen Vorfällen. Die zahlreichen Berichte über Anfeindungen, die Sorgen jüdischer Gemeinden und der anhaltende Streit um überlieferte Feindbilder werfen gemeinsam die Frage auf, wie ernst der Schutz jüdischen Lebens gesellschaftlich genommen wird.
Mehr als zwei Jahre nach der argentinischen Gerichtsentscheidung steht die beanstandete Bedeutung weiterhin im offiziellen Wörterbuch. Dass eine Sprachakademie ihre Dokumentationspflicht betont, ist nachvollziehbar. Dass jüdische Organisationen angesichts der Geschichte und der gegenwärtigen Lage eine deutlichere Abgrenzung von solchen Vorurteilen verlangen, ebenso.
Die lange Kette antisemitischer Vorfälle in Spanien wird durch diesen Wörterbucheintrag nicht erklärt. Er erinnert aber daran, wie tief die Vorstellungen reichen, auf denen Judenfeindlichkeit bis heute aufbauen kann.
Autor: Redaktion
Freitag, 30 Oktober 2026