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Teheran setzt auf Zeit und Gewalt: Das Regime verschärft Repression, weil es Washingtons Zögern einkalkuliert

Teheran setzt auf Zeit und Gewalt: Das Regime verschärft Repression, weil es Washingtons Zögern einkalkuliert


Während in Washington über Optionen diskutiert wird, tötet Teheran weiter. Die iranische Führung glaubt, dass die Zurückhaltung der USA neue Angriffe verzögert. Diese Annahme bestimmt das brutale Vorgehen gegen die Protestbewegung.

Teheran setzt auf Zeit und Gewalt: Das Regime verschärft Repression, weil es Washingtons Zögern einkalkuliert

Das iranische Regime geht derzeit von einer zentralen Prämisse aus: Die Vereinigten Staaten wollen keinen neuen, langwierigen Konflikt im Nahen Osten. Genau auf dieser Einschätzung baut Teheran seine Strategie auf. Trotz Berichten über eine mögliche US-Intervention verschärft das Regime die Repression gegen die eigene Bevölkerung und geht offenbar davon aus, dass es dafür vorerst keine militärischen Konsequenzen geben wird.

In den vergangenen Tagen hat sich das Vorgehen der Islamischen Republik weiter radikalisiert. Nach massiven Tötungen, Massenverhaftungen und der vollständigen Abschaltung des Internets versucht Teheran nun, die internationale Wahrnehmung umzudeuten. Nicht das Regime, so die Darstellung, sei der Täter, sondern das Opfer eines ausländischen Komplotts.

Diese Linie wird vor allem von Außenminister Abbas Araghchi vorangetrieben. In Interviews und diplomatischen Gesprächen behauptet er, die ursprünglich friedlichen Proteste seien von „terroristischen Elementen aus dem Ausland“ gekapert worden. Ziel dieser Kräfte sei es, die USA in einen Konflikt hineinzuziehen. Zugleich betont Araghchi, dass Präsident Donald Trump kein Interesse daran habe, sich in Iran militärisch festzufahren.

Die Erzählung vom äußeren Feind

Parallel dazu sucht Teheran aktiv internationale Gesprächspartner. Araghchi reiste in den Libanon, führte Gespräche mit omanischen Vertretern und kontaktierte die indische Regierung. Gegenüber Neu-Delhi beklagte er angebliche amerikanische Einmischung und erklärte, die Proteste seien von ausländisch ausgebildeten Kräften manipuliert worden.

In Schreiben an die Vereinten Nationen spricht die iranische Führung von Sabotage, Terrorismus und Verbindungen zu ausländischen Geheimdiensten. Besonders auffällig ist dabei der gezielte Gebrauch des Begriffs „Separatisten“. In der Logik des Regimes dient er als Vorwand, um ethnische Minderheiten ins Visier zu nehmen, darunter Kurden, Araber und Belutschen. Die Botschaft ist eindeutig: Jede Form von Widerstand kann als Sicherheitsbedrohung kriminalisiert werden.

Repression unter dem Schutz der Dunkelheit

Gleichzeitig geht Teheran davon aus, dass fehlende Bilder und Informationen den internationalen Druck begrenzen. Der nahezu vollständige Kommunikationsausfall ist kein Nebeneffekt, sondern Kernbestandteil der Strategie. Getötet wird im Verborgenen, dokumentiert wird kaum etwas, überprüfbare Zahlen sind schwer zu erlangen. Solange eindeutige Beweise fehlen, glaubt das Regime, handlungsfähig zu bleiben.

Diese Rechnung scheint bislang aufzugehen. Zwar verurteilen westliche Staaten die Gewalt, doch konkrete Schritte bleiben aus. Auch regionale Partner der USA wie Katar oder die Türkei warnen vor einer Eskalation. Sie fürchten einen unkontrollierbaren Flächenbrand. Teheran nutzt diese Zurückhaltung gezielt aus.

Vertrauen auf regionale und internationale Zurückhaltung

Das Regime setzt zudem darauf, dass Israel derzeit kein Interesse an einer Ausweitung des Konflikts hat. Berichte über indirekte Kontakte zwischen Jerusalem und Teheran über Vermittler wie Moskau werden in iranischen Medien aufmerksam registriert. Jede Andeutung von Deeskalation stärkt in Teheran das Gefühl, Zeit gewonnen zu haben.

Gleichzeitig ist auffällig, wer Iran nicht aktiv unterstützt. Weder Russland noch China treten derzeit als verlässliche Schutzmächte auf. Beide Länder haben zuletzt auch andere Partner fallen gelassen, als der internationale Druck stieg. Umso wichtiger ist für Teheran der Versuch, regionale Akteure gegen ein Eingreifen der USA zu mobilisieren.

Die gefährliche Logik des Abwartens

Aus Sicht der iranischen Führung ist Zeit der entscheidende Faktor. Jeder Tag ohne US-Schläge erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Proteste durch Gewalt erstickt werden. Genau darauf zielt die aktuelle Eskalation ab. Je höher die Zahl der Toten, desto geringer die Fähigkeit der Gesellschaft, sich erneut zu organisieren.

Der Appell des UN-Hochkommissars für Menschenrechte Volker Türk, die Gewalt sofort zu beenden und den Zugang zum Internet wiederherzustellen, ändert an dieser Kalkulation bislang nichts. Teheran glaubt, dass moralische Verurteilungen folgenlos bleiben.

Die iranische Strategie ist damit klar umrissen. Ablenken, delegitimieren, töten - und darauf setzen, dass Washington zögert. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich bald zeigen. Sicher ist nur eines: Mit jedem weiteren Tag ohne Konsequenzen wächst in Teheran die Überzeugung, dass Repression erneut zum Erfolg führen kann.


Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181410950


Donnerstag, 15 Januar 2026

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