„Wir sind 90 Millionen Gefangene“ Iran zeigt, was Unterdrückung wirklich bedeutet„Wir sind 90 Millionen Gefangene“ Iran zeigt, was Unterdrückung wirklich bedeutet
Während westliche Aktivisten Gaza reflexhaft als „größtes Freiluftgefängnis der Welt“ bezeichnen, beschreiben Iraner ihr eigenes Land mit nüchterner Verzweiflung genau so. Ihre Berichte erzählen von Schüssen, verschwundenen Leichen, Internetabschaltungen und einer Bevölkerung, die um Hilfe fleht.
Der Satz fällt nicht in einer politischen Debatte, sondern in einem Hilferuf. „Wir sind 90 Millionen Gefangene.“ So beschreibt ein Anrufer aus Teheran die Lage im Iran. Kein Aktivistenslogan, keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung aus einem Land, in dem Protest mit Kugeln beantwortet wird und selbst die Toten nicht bleiben dürfen.
Während Sicherheitskräfte seit Anfang Januar mit extremer Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, dringen über brüchige Telefonverbindungen und notdürftige Satellitenzugänge Berichte nach außen. Die Straßen sind für Proteste kaum noch zugänglich. Was bleibt, sind Rufe aus Fenstern und von Dächern, kurze Zeichen des Widerstands in der Nacht. Der Staat kontrolliert den öffentlichen Raum vollständig. Wer ihn dennoch betritt, riskiert sein Leben.
Mehrere Iraner berichten übereinstimmend von gezielten Schüssen. Nicht zur Abschreckung, nicht zur Auflösung von Versammlungen, sondern mit dem klaren Ziel zu töten. Schüsse aus kurzer Distanz, Treffer in Kopf, Hals und Brust. Ein Anrufer, der Informationen aus einem Krankenhaus weitergab, sagte, keiner der Verletzten sei an den Beinen getroffen worden. Die Verletzungen ließen keinen Zweifel an der Absicht. Unter den Toten sollen auch Kinder gewesen sein.
Besonders erschütternd sind die Berichte über das, was nach den Schüssen geschieht. Leichen werden abtransportiert. Familien erhalten Anrufe aus Krankenhäusern und verschwinden kurz darauf selbst. Angehörige werden unter Druck gesetzt, still zu beerdigen. Manche Körper sollen heimlich in Dörfern verscharrt worden sein, andere ohne offizielle Dokumente. Einige Familien begraben ihre Toten zu Hause, um staatlicher Kontrolle zu entgehen. Trauer wird kriminalisiert.
Eine Frau berichtete, sie habe gesehen, wie ein verletzter Demonstrant in eine Seitenstraße flüchtete, dort erneut erschossen und anschließend in den Kofferraum eines Fahrzeugs gelegt wurde. Andere schildern gereinigte Straßen am Morgen, Blutreste, die nicht vollständig entfernt werden konnten. Der Staat löscht nicht nur Leben, sondern auch Spuren.
Hinzu kommen Berichte über Sicherheitskräfte, die kein Persisch sprechen. Mehrere Anrufer hörten arabische Befehle auf den Straßen. Der Verdacht, dass das Regime auf ausländische Milizen und regionale Stellvertreter zurückgreift, steht im Raum. Auch westliche Stellen äußerten zuletzt entsprechende Sorgen. Das Regime vertraut der eigenen Bevölkerung so wenig, dass es fremde Kräfte gegen sie einsetzt.
Die Gewalt wird begleitet von vollständiger Isolation. Das Internet ist weitgehend abgeschaltet. Familien verlieren den Kontakt zueinander. Menschen wissen nicht, ob Angehörige noch leben. Diese Abschottung ist kein technisches Problem, sondern ein bewusst eingesetztes Instrument. Sie verhindert Koordination, Dokumentation und Öffentlichkeit. Protest wird unsichtbar gemacht.
Mehrere Anrufer sagten offen, dass die Menschen im Land an ihre Grenzen gekommen sind. Erschöpfung hat sich in Verzweiflung verwandelt. Die Gewalt, die Isolation und die Aussicht auf Massenverhaftungen, lange Haftstrafen und Hinrichtungen nach einer scheinbaren Beruhigung der Lage haben ein Klima geschaffen, in dem viele nicht mehr glauben, allein bestehen zu können.
Ein Mann aus Maschhad wandte sich direkt an den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Nicht aus politischer Loyalität, sondern aus Hoffnungslosigkeit. Man sei nicht für ausländische Politiker auf die Straße gegangen, sagte er, sondern für Freiheit und die Zukunft der eigenen Kinder. Ob die Welt mehr tun werde als Erklärungen abzugeben, sei nun entscheidend.
Ein anderer Anrufer aus Ahvaz brachte es auf den Punkt. Abschaltung des Internets, Schüsse auf Zivilisten und der Einsatz bewaffneter Kräfte in Wohngebieten seien keine Zeichen von Stärke. Sie seien Zeichen von Angst. Ein Staat, der so handelt, hat die Kontrolle verloren und reagiert mit nackter Gewalt.
Wer heute noch leichtfertig Begriffe benutzt, sollte zuhören. Im Iran ist das „Freiluftgefängnis“ keine Metapher. Niemand sitzt hinter Mauern, und doch ist jeder eingeschlossen. Bewegung ist gefährlich, Kommunikation verboten, Protest tödlich. Wer stirbt, verschwindet. Wer spricht, hofft, dass die Leitung hält.
Das ist keine Propaganda und keine politische Zuspitzung. Es sind die Stimmen der Menschen selbst. Sie beschreiben ein Land, in dem der Staat Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt und versucht, selbst die Erinnerung daran auszulöschen. Wenn es einen Ort gibt, an dem der Begriff Gefangenschaft zutrifft, dann hier.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Donnerstag, 22 Januar 2026