Unterstützung benötigt: haOlam.de kann ohne Ihre Hilfe 2026 nicht vollständig weiterarbeiten.
Teherans zweite Tat: Wie das iranische Regime seine Opfer nach dem Tod zu Tätern erklärt

Teherans zweite Tat: Wie das iranische Regime seine Opfer nach dem Tod zu Tätern erklärt


Interne Berichte aus Iran zeigen ein System, das nicht nur tötet, sondern die Getöteten nachträglich zu Regimeanhängern erklärt, um eigene Verbrechen zu vertuschen.

Teherans zweite Tat: Wie das iranische Regime seine Opfer nach dem Tod zu Tätern erklärt

Was im Iran derzeit geschieht, endet nicht mit dem Tod der Demonstrierenden. Für viele Familien beginnt der eigentliche Horror erst danach.

Nach übereinstimmenden Berichten aus dem Inneren des Landes zwingt das iranische Regime Angehörige getöteter Protestierender dazu, ihre ermordeten Kinder, Brüder oder Ehemänner öffentlich als Mitglieder der regimeeigenen Basidsch Miliz darzustellen. Menschen, die von Sicherheitskräften erschossen wurden, sollen nachträglich zu loyalen Systemkräften erklärt werden. Nicht aus Versehen. Nicht vereinzelt. Sondern systematisch.

Mehrere voneinander unabhängige Zeugenaussagen, die über Exil Aktivisten in Großbritannien und Kanada an internationale Medien gelangten, zeichnen ein klares Bild. Wer im Zuge der landesweiten Proteste erschossen wird, gilt für das Regime nicht als Opfer. Er wird umdeklariert. Umgeschrieben. Ausgelöscht.

Die Methode ist immer dieselbe. Familien wird der Leichnam ihrer Angehörigen nur unter Bedingungen ausgehändigt. Sie müssen für die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Kinder getötet wurden. Sie dürfen nur zu bestimmten Zeiten begraben. Sie werden bedroht, überwacht oder vor laufenden Kameras gezwungen, falsche Aussagen zu machen. Wer sich weigert, riskiert weitere Verhaftungen oder den Tod weiterer Familienmitglieder.

Ein Bewohner Teherans schilderte in einer Sprachnachricht, wie Angehörige gezwungen werden, im staatlichen Fernsehen zu erklären, der Getötete sei Basidsch Mitglied gewesen und von Demonstrierenden angegriffen worden. Die Wahrheit soll verschwinden. Die Tat soll legitimiert werden. Der Mord soll rückwirkend zur Notwehr erklärt werden.

Ein besonders erschütternder Fall ist der von Saeed Golsorkhi, 31 Jahre alt, aus der nordöstlichen Stadt Schahrud. Er wurde während der Proteste am 9. Januar angeschossen. Sicherheitskräfte stürmten später das Krankenhaus, um verletzte Demonstrierende festzunehmen. Golsorkhi konnte zunächst fliehen und sich im Haus seiner Mutter verstecken.

Tage später drangen bewaffnete Kräfte in das Haus ein. Sie zerrten ihn hinaus, schlugen ihn und verlangten, dass er Dokumente unterzeichnet, in denen er sich selbst als Mitglied der Basidsch Miliz bezeichnet. Der Zweck war eindeutig. Das Regime wollte behaupten, er sei von Demonstrierenden getötet worden, nicht von staatlichen Kräften.

Golsorkhi weigerte sich.

Daraufhin wurde er vor dem Haus erschossen. Kugeln trafen seinen Kopf und Oberkörper. Bilder seines Leichnams zeigen schwere Misshandlungen und Einschüsse im Augenbereich. Kurz darauf wurde auch sein Bruder verhaftet. Sein Aufenthaltsort ist bis heute unbekannt.

Ein weiterer Fall betrifft Mohammad Zareh aus Isfahan. Er wurde laut Angehörigen von Mitgliedern der Revolutionsgarden mit scharfer Munition getötet. Zunächst beschuldigte das Regime ihn der Zusammenarbeit mit dem Islamischen Staat. Als dafür keine Beweise gefunden wurden, änderte man die Geschichte. Zareh wurde in den staatlichen Medien plötzlich als Basidsch Märtyrer präsentiert.

Der Tote wurde dem System einverleibt. Sein Tod umgedeutet. Seine Familie zum Schweigen gezwungen.

Diese Praxis ist kein neues Phänomen. Bereits bei früheren Protestwellen wurde dokumentiert, dass Angehörigen sogenannte Basidsch Mitgliedskarten angeboten wurden, um die Herausgabe der Leichen zu ermöglichen. Wer unterschreibt, bekommt den Körper. Wer sich weigert, verliert alles.

Auch die Vereinten Nationen bestätigen diese Muster. Der UN Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran verwies in einer Sitzung des Menschenrechtsrats ausdrücklich auf Berichte über erzwungene Falschangaben und posthume Umdeutungen von Todesopfern.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer doppelten Gewalt. Zuerst die physische Vernichtung. Dann die moralische Auslöschung.

Die Zahlen sind erschütternd. Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency wurden mehr als 6.100 Menschen getötet. Darunter mindestens 86 Kinder. Über 41.000 Menschen wurden festgenommen. Viele verschwanden spurlos. Das Regime selbst spricht von deutlich geringeren Zahlen und bezeichnet tausende Tote pauschal als Terroristen.

Der Informationsfluss ist gezielt unterbrochen. Internet wird abgeschaltet, wieder kurz geöffnet, dann erneut blockiert. Städte wirken wie unter militärischer Besatzung. Banken sind verbarrikadiert, Einkaufszentren werden von Sicherheitskräften kontrolliert, Telefone durchsucht. Wer auffällt, verschwindet.

Eine Frau aus Teheran beschrieb die Situation mit nüchterner Klarheit. Protest sei nicht mehr Mut. Protest sei Selbstmord. Wer heute auf die Straße gehe, werde sofort erschossen. Ohne Fragen. Ohne Vorwarnung.

In kleineren Städten sei die Gewalt noch brutaler gewesen als in der Hauptstadt. In Orten mit wenigen zehntausend Einwohnern seien hunderte Menschen getötet worden. Zahlen, die selbst für autoritäre Systeme außergewöhnlich sind.

Besonders erschütternd sind Berichte aus Krankenhäusern. Sicherheitskräfte sollen Operationssäle gestürmt haben, um Leichen zu beschlagnahmen. Ärzte und Pflegepersonal, die sich widersetzten, wurden angeschossen. Auch medizinisches Personal gehört inzwischen zu den Opfern.

Das iranische Regime kämpft nicht mehr gegen Demonstrierende. Es kämpft gegen Erinnerung. Gegen Wahrheit. Gegen jede Spur, die belegt, dass diese Menschen von staatlicher Gewalt getötet wurden.

Die Strategie ist klar. Wer als Basidsch Mitglied stirbt, zählt nicht als Opfer. Wer zum Terroristen erklärt wird, rechtfertigt jede Kugel. Das Regime erschießt Menschen und erklärt danach, warum es angeblich richtig war.

Für viele Familien gibt es keinen Raum für Trauer. Keine Beerdigung in Würde. Keine Wahrheit. Nur Angst.

Was im Iran geschieht, ist kein Ausnahmezustand. Es ist ein System. Ein System, das selbst nach dem Tod nicht aufhört zu lügen.

Und genau darin liegt seine größte Brutalität.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182538663


Donnerstag, 29 Januar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage