Feuerwerk über Massengräbern: Irans Regime feiert, während das Volk trauertFeuerwerk über Massengräbern: Irans Regime feiert, während das Volk trauert
Mit staatlich organisierten Jubelfesten begeht Teheran den Geburtstag des Imam Mahdi. Für viele Iraner sind diese Feiern ein Schlag ins Gesicht der Familien von Tausenden getöteten Demonstranten.
Während in zahllosen iranischen Haushalten noch immer schwarze Trauerfahnen hängen, ließ das Regime in dieser Woche Raketen in den Himmel steigen. Straßen wurden mit bunten Lichtern geschmückt, religiöse Gesänge hallten aus Lautsprechern, in Zelten wurden Süßigkeiten und Tee verteilt. Anlass war der Geburtstag des schiitischen Imam Mahdi. Für die Führung in Teheran ein religiöser Feiertag, für einen großen Teil der Bevölkerung eine grausame Provokation.
Die Diskrepanz könnte größer kaum sein. Erst vor wenigen Wochen wurden landesweite Proteste mit äußerster Gewalt niedergeschlagen. Offizielle Stellen sprechen von mehr als 3.000 Toten. Unabhängige Quellen gehen von noch höheren Zahlen aus. Zehntausende sitzen in Gefängnissen, viele Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Angehörigen sind. In dieser Atmosphäre der Angst und Trauer inszeniert der Staat ein Spektakel der Fröhlichkeit.
Das Zentrum der Feierlichkeiten war die Jamkaran-Moschee nahe der heiligen Stadt Qom. Dort versammelten sich große Menschenmengen zu Feuerwerken und Lichtshows. Staatliche Medien berichteten ausführlich und präsentierten Bilder von lachenden Menschen und geschmückten Plätzen. Die Botschaft sollte klar sein: Das Land ist ruhig, die Gesellschaft steht hinter der Regierung, das Leben geht weiter.
Doch außerhalb der staatlichen Kameraperspektive zeigt sich ein völlig anderes Bild. In sozialen Netzwerken reagierten zahlreiche Iraner mit Wut und Empörung. Ein Nutzer schrieb, wer über frische Wunden hinweg feiere, entlarve nur die eigene Schamlosigkeit. Ein anderer kommentierte, die Inszenierung von Freude sei nichts weiter als ein Versuch, die Realität zu überdecken.
Viele empfinden die Mahdi-Feiern nicht als Ausdruck von Glauben, sondern als politische Machtdemonstration. Der Staat zwingt Schulen, Behörden und öffentliche Einrichtungen, sich an den Festlichkeiten zu beteiligen. Kommunen geben erhebliche Summen für Dekorationen aus, während Hinterbliebene von getöteten Demonstranten oft ohne jede Unterstützung dastehen. Für diese Familien wirken die bunten Lichter wie ein Hohn.
Erstmals regte sich sogar leiser Widerstand aus religiösen Kreisen. Zwei bekannte Geistliche erklärten öffentlich, sie würden in diesem Jahr keine Feierlichkeiten ausrichten. Sie begründeten dies mit Respekt vor den Trauernden. Allein diese Geste sorgte bereits für Aufsehen, denn offene Distanzierung vom offiziellen Kurs ist im heutigen Iran selten geworden.
Dennoch blieb es bei Einzelfällen. Die große Mehrheit der religiösen Führung folgte der Linie des Regimes und beteiligte sich an den staatlichen Veranstaltungen. Kritische Stimmen wurden ignoriert oder als unpatriotisch gebrandmarkt. Regierungsnahe Kommentatoren erklärten, religiöse Pflichten müssten unabhängig von politischen Ereignissen erfüllt werden.
Genau diese Haltung treibt den gesellschaftlichen Bruch weiter voran. Viele Bürger erleben täglich, wie Sicherheitskräfte Proteste gewaltsam auflösen, wie Familien unter Druck gesetzt werden, wie Trauerfeiern für getötete Demonstranten behindert werden. Und gleichzeitig sollen sie öffentlich tanzen und feiern, als wäre nichts geschehen.
Aus mehreren Städten wurden spontane Gegenreaktionen gemeldet. Anwohner riefen aus Fenstern Parolen gegen das Regime, als in ihren Vierteln religiöse Musik gespielt wurde. In Teheran kam es zu Zwischenfällen, als Mitglieder der regierungstreuen Milizen versuchten, öffentliche Feierstätten aufzubauen. Die Spannungen sind überall spürbar.
Die Strategie der Machthaber ist durchschaubar. Seit der Revolution von 1979 wird der Mahdi-Kult politisch instrumentalisiert. Religiöse Rituale dienen als Werkzeug zur Mobilisierung und Kontrolle der Gesellschaft. Doch was früher möglicherweise Teile der Bevölkerung erreichte, verliert heute immer mehr an Wirkung.
Zu tief sitzen die Verletzungen der vergangenen Monate. Zu viele Familien haben Söhne und Töchter verloren. Zu viele junge Menschen wurden verhaftet, gefoltert oder in den Tod getrieben. In dieser Situation wirken staatlich verordnete Jubelfeste wie eine weitere Form der Gewalt.
Auch außerhalb Irans stießen die Feiern auf Widerstand. In mehreren Städten im Ausland protestierten Exiliraner gegen Veranstaltungen, die in religiösen Zentren abgehalten wurden. Sie warfen den Organisatoren vor, Propaganda für ein System zu betreiben, das das eigene Volk unterdrückt.
Historisch betrachtet hat das Land ähnliche Momente schon erlebt. In früheren Zeiten wurden religiöse Feste ausgesetzt, wenn das Volk trauerte. Heute jedoch fordert die Führung genau das Gegenteil: Freude als Pflicht, Schweigen als Norm, Vergessen als politische Tugend.
Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht mit Lichterketten zudecken. Jeder staatlich organisierte Jubel verstärkt nur das Gefühl der Entfremdung. Je lauter das Regime feiert, desto deutlicher wird, wie groß die Kluft zwischen Herrschern und Beherrschten geworden ist.
Die Mahdi-Feiern dieser Woche haben deshalb weniger Einigkeit gezeigt als Spaltung. Sie haben nicht Glauben demonstriert, sondern Angst vor Kontrollverlust. Und sie haben eines deutlich gemacht: Ein Staat, der über den Gräbern seiner Bürger Feuerwerk zündet, hat den Kontakt zu seinem Volk längst verloren.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Fars Media Corporation, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68833180
Samstag, 07 Februar 2026