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Berichte über Widerstand innerhalb der Revolutionsgarden nach Massentötungen im Iran

Berichte über Widerstand innerhalb der Revolutionsgarden nach Massentötungen im Iran


Nach den blutigen Protesttagen im Iran mehren sich Hinweise auf Ungehorsam und innere Spannungen innerhalb der Revolutionsgarden. Offiziere zweifeln an Befehlen zum Schusswaffeneinsatz gegen Zivilisten, während das Regime mit Drohungen und Indoktrination reagiert.

Berichte über Widerstand innerhalb der Revolutionsgarden nach Massentötungen im Iran

Drei Wochen nach den erschütternden Massentötungen während der jüngsten Proteste im Iran zeichnet sich ein Bild ab, das die Machthaber in Teheran mehr fürchten dürften als jede internationale Sanktion. Hinter den Kulissen des mächtigen Korps der Islamischen Revolutionsgarden, jenem Instrument, mit dem das Regime seit Jahrzehnten seine Herrschaft absichert, regt sich offenbar Widerstand. Berichte über Verweigerung, Depressionen und moralische Konflikte unter Offizieren häufen sich. Was bislang als monolithischer Machtblock galt, zeigt plötzlich Risse.

Ein Mitglied der Revolutionsgarden erklärte über Mittelsmänner, er sei seit Anfang Januar nicht mehr zum Dienst erschienen. Er leide unter schweren psychischen Belastungen und könne es nicht mehr ertragen, Befehle auszuführen, die den Einsatz scharfer Munition gegen unbewaffnete Demonstranten vorsähen. Nach seinen Angaben wurden Anfang Januar ausdrückliche Anweisungen erteilt, auf Protestierende zu schießen. Die Brutalität, mit der diese Befehle umgesetzt wurden, habe selbst viele erfahrene Sicherheitskräfte schockiert. In seiner eigenen Familie gebe es Verwundete und Vermisste.

Solche Aussagen sind nicht isoliert. Aus dem inneren Sicherheitsapparat dringen Informationen nach außen, wonach die Führung der Revolutionsgarden in den vergangenen Wochen vertrauliche Direktiven an Kommandeure verschickt hat. Darin wird vor jeglicher Form von Ungehorsam gewarnt. Wer Befehle verweigere oder sich gar dem Einsatz entziehe, müsse mit sofortiger Festnahme und Militärgerichtsverfahren rechnen. Die Drohungen sind unmissverständlich formuliert und spiegeln eine wachsende Nervosität wider.

Erstmals veröffentlichte die Geheimdienstorganisation der Revolutionsgarden sogar eine offizielle Erklärung, in der sie vor Desertion und Befehlsverweigerung warnte. Ein solcher Schritt zeigt, wie groß die Sorge um die Loyalität der eigenen Truppen geworden ist. Das Regime weiß, dass seine Macht letztlich auf der Bereitschaft bewaffneter Einheiten beruht, die Bevölkerung einzuschüchtern und notfalls zu töten. Wenn diese Bereitschaft zu bröckeln beginnt, steht das gesamte System infrage.

Die Grausamkeit der Niederschlagung hat auch unter einfachen Polizisten Spuren hinterlassen. Ein Beamter aus Teheran berichtete, dass viele Kollegen psychisch am Ende seien. Trotz Bonuszahlungen und Sonderprämien könne kaum jemand noch rechtfertigen, was geschehen sei. In Familien, in denen Angehörige selbst an Protesten teilgenommen haben, komme es zu dramatischen Konflikten. Der Satz eines Polizisten bringt die Lage auf den Punkt: Wir wurden nicht dafür ausgebildet, Menschen auf der Straße zu erschießen.

Gleichzeitig versucht das Regime, durch ideologische Schulungen die Reihen zu schließen. Geistliche und regimetreue Kader halten Vorträge, in denen Demonstranten als Feinde Gottes bezeichnet werden. Repression wird religiös legitimiert. Doch je stärker diese Propaganda wird, desto deutlicher wird auch ihre Verzweiflung.

Auslöser der Proteste waren Aufrufe oppositioneller Gruppen und insbesondere des im Exil lebenden Reza Pahlavi. Er appellierte an Militär und Sicherheitskräfte, nicht auf die eigene Bevölkerung zu schießen. Seine Unterstützer behaupten, Zehntausende Angehörige der Streitkräfte hätten bereits ihre Loyalität zu ihm bekundet. Ob diese Zahlen stimmen, ist unklar. Klar ist jedoch, dass die Realität auf den Straßen eine andere war. Sicherheitskräfte feuerten mit tödlicher Konsequenz.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehr als 30.000 Toten innerhalb weniger Tage. Unabhängige Bestätigungen sind wegen Internetabschaltungen und strenger Zensur kaum möglich, doch Augenzeugenberichte zeichnen ein Bild systematischer Gewalt. Verwundete wurden demnach auf offener Straße erschossen, Verletzte in Krankenhäusern verfolgt, Gefangene hingerichtet. Solche Berichte verbreiten sich trotz aller Versuche der Machthaber, sie zu unterdrücken.

Die Revolutionsgarden verfügen offiziell über rund 290.000 Mitglieder, dazu kommt die paramilitärische Basij-Miliz mit bis zu 700.000 Angehörigen. In Krisensituationen werden besonders loyale Eliteeinheiten eingesetzt. Dennoch mehren sich Zweifel, ob selbst dieser gigantische Sicherheitsapparat ausreicht, um Millionen unzufriedener Bürger dauerhaft zu unterdrücken. Immer häufiger greift das Regime auf ausländische Milizen zurück, etwa schiitische Verbände aus dem Irak. Das ist ein deutliches Zeichen der Schwäche.

Ein Militäranalyst aus Teheran zieht historische Parallelen. Auch das Regime des Schahs schien lange unerschütterlich, bis Massaker an Demonstranten und die Ausrufung des Kriegsrechts schließlich den Zusammenbruch beschleunigten. Heute sei die Lage zwar anders, weil die Islamische Republik ein komplexeres Sicherheitsnetz aufgebaut habe. Doch auch dieses System könne kippen, wenn sich mehrere Faktoren verbinden: anhaltende Massenproteste, wirtschaftlicher Kollaps, internationale Isolation oder der Tod des greisen Revolutionsführers Ali Khamenei.

Besonders beunruhigend für die Machthaber ist die Möglichkeit eines Dominoeffekts. Sollten sich größere Gruppen innerhalb der Revolutionsgarden weigern, Befehle auszuführen, könnte das ganze Kartenhaus in kurzer Zeit zusammenbrechen. Viele der einfachen Soldaten und Polizisten stammen selbst aus Familien, die unter Inflation, Korruption und Repression leiden. Ihre Loyalität ist nicht ideologisch gefestigt, sondern oft nur durch Angst erzwungen.

Der Iran steht damit an einem gefährlichen Wendepunkt. Das Regime versucht mit Drohungen, Indoktrination und Gewalt seine Herrschaft zu sichern. Doch die Ereignisse der letzten Wochen haben etwas verändert. Erstmals seit Jahren wird offen über Zweifel innerhalb der bewaffneten Organe gesprochen. Die Vorstellung, dass Teile des Machtapparats nicht mehr bereit sind, auf Befehl zu töten, erschüttert die Grundfesten der Islamischen Republik.

Für die iranische Bevölkerung ist dies ein Hoffnungsschimmer. Für die Führung in Teheran ist es ein Albtraum. Denn kein System, das sich nur noch auf Furcht stützt, kann ewig bestehen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich etwas ändert, sondern wann und zu welchem Preis.




Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141303782
Samstag, 07 Februar 2026

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