Unruhe im Machtzentrum Teherans: Verhaftungen, Atomdebatte und ein abwesender AjatollahUnruhe im Machtzentrum Teherans: Verhaftungen, Atomdebatte und ein abwesender Ajatollah
Während Iran offiziell Stärke demonstrieren will, offenbaren Verhaftungen im reformistischen Lager, Streit um das Atomprogramm und das überraschende Fernbleiben des Obersten Führers von einem traditionellen Staatsakt tiefe Risse im System. Hinter den Kulissen wächst die Nervosität.
Im Iran mehren sich die Zeichen politischer Instabilität. Was von außen oft wie ein monolithischer Machtapparat wirkt, zeigt derzeit ungewohnt deutliche Spannungen. Mehrere hochrangige Vertreter des reformorientierten Lagers wurden in den vergangenen Tagen festgenommen, nachdem sie offen Kritik am Kurs der Führung geäußert hatten. Parallel dazu ringen Regierung und Parlament um die richtige Strategie in den festgefahrenen Atomgesprächen. Und zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten blieb Ajatollah Ali Khamenei einem zentralen staatlichen Ritual fern. Zusammengenommen ergeben diese Entwicklungen ein Bild wachsender Unsicherheit.
Die Verhaftungswelle trifft insbesondere Politiker und Aktivisten, die dem Umfeld von Präsident Masoud Pezeshkian zugerechnet werden. Die Revolutionsgarden nahmen unter anderem Azar Mansouri fest, die Generalsekretärin der Partei des islamischen Volkes und eine der führenden Stimmen der Reformbewegung. Mansouri hatte in der Vergangenheit öffentlich Trauer über getötete Demonstranten geäußert und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verurteilt. Mit ihr wurden auch Ebrahim Asgarzadeh und Mohsen Aminzadeh festgesetzt, beides bekannte Persönlichkeiten, die für einen vorsichtigeren Umgang mit Protesten und für politische Öffnung plädierten.
Diese Festnahmen sind mehr als nur einzelne Sicherheitsmaßnahmen. Sie wirken wie eine gezielte Botschaft an das Umfeld des Präsidenten: Kritik am Kurs des Systems wird nicht geduldet. Pezeshkian hatte im vergangenen Jahr Hoffnungen auf moderate Reformen geweckt und war auch von Teilen der Jugend und der urbanen Mittelschicht unterstützt worden. Doch die Hardliner in Teheran scheinen entschlossen, jegliche eigenständige politische Bewegung zu ersticken, bevor sie an Einfluss gewinnen kann.
Gleichzeitig schwelt der Streit um das iranische Atomprogramm weiter. Am Wochenende trat das Parlament zu einer nicht öffentlichen Sitzung zusammen, in der Außenminister Abbas Araghchi und der Oberbefehlshaber der Streitkräfte über den Stand der Gespräche informierten. Aus dem Umfeld der Atomenergiebehörde kam ein überraschender Vorschlag: Der Leiter der Behörde, Mohammad Eslami, erklärte, Iran könne sich vorstellen, hochangereichertes Uran zu verdünnen, sofern im Gegenzug sämtliche internationalen Sanktionen aufgehoben würden.
Diese Erklärung steht allerdings im Widerspruch zu anderen Berichten, nach denen Iran erwägt, Teile seines 60-prozentig angereicherten Urans nach Russland zu verlagern. Solche widersprüchlichen Signale zeigen, wie unklar der strategische Kurs in Teheran derzeit ist. Die Führung schwankt zwischen der Hoffnung auf wirtschaftliche Erleichterungen durch ein Abkommen und der Angst, im Gegenzug zu viele sicherheitspolitische Zugeständnisse machen zu müssen.
Mitten in diese angespannte Lage platzte eine weitere bemerkenswerte Entwicklung. Zum ersten Mal seit 37 Jahren nahm Ajatollah Khamenei nicht an der traditionellen Zeremonie zum Tag der Luftwaffe teil. Seit seinem Amtsantritt 1989 hatte er keinen einzigen dieser Termine versäumt, selbst während der Corona-Pandemie. Dass er nun ausgerechnet in einer Phase politischer Turbulenzen fernblieb, löste sofort Spekulationen aus. Offiziell wurden keine Gründe genannt. An seiner Stelle traf der Generalstabschef Abdolrahim Mousavi die Vertreter der Luftwaffe.
Ob gesundheitliche Probleme, politische Erwägungen oder Sicherheitsbedenken hinter der Abwesenheit stehen, bleibt unklar. Doch das Signal ist unübersehbar: Das System wirkt verunsichert. In einer Zeit, in der Einigkeit demonstriert werden soll, hinterlässt das Fehlen der wichtigsten Autorität eine auffällige Leerstelle.
Auch gesellschaftlich bleibt die Lage angespannt. Die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi wurde zu einer weiteren Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt. Die Menschenrechtsaktivistin befindet sich seit Jahren im Visier der Behörden und hatte zuletzt mit einem Hungerstreik auf die harten Haftbedingungen aufmerksam gemacht. Ihr neuer Prozess zeigt, wie wenig Spielraum für unabhängige Stimmen im Iran bleibt.
Während die Führung zum Jahrestag der islamischen Revolution zu Massenkundgebungen aufruft und Loyalität beschwört, wird immer deutlicher, dass die Risse im Inneren wachsen. Die Bevölkerung leidet unter Inflation, Sanktionen und politischer Repression. Viele junge Iraner haben das Vertrauen in das System verloren. Gleichzeitig verschärft der Machtkampf zwischen Reformern und Hardlinern die Spannungen.
Die kommenden Wochen dürften entscheidend werden. Gelingt es Teheran, in den Atomgesprächen voranzukommen, könnte dies wirtschaftliche Entlastung bringen. Scheitern die Verhandlungen jedoch erneut, drohen neue Sanktionen und möglicherweise sogar militärische Eskalation. In diesem unsicheren Umfeld reagiert das Regime mit Härte nach innen und taktischem Zögern nach außen.
Der Iran steht an einem gefährlichen Scheideweg. Hinter den Kulissen wird um Macht, Einfluss und die Zukunft des Landes gerungen. Die jüngsten Ereignisse zeigen, wie fragil das Gleichgewicht geworden ist. Was lange als festgefügte Ordnung erschien, beginnt sichtbar zu wanken.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141074394
Dienstag, 10 Februar 2026