2,3 Millionen Rial für einen Dollar: Irans Wirtschaft gerät außer Kontrolle2,3 Millionen Rial für einen Dollar: Irans Wirtschaft gerät außer Kontrolle
Der Rial fällt auf ein neues Rekordtief, Benzin wird knapper und Fahrer legen die Arbeit nieder. Krieg, Blockade und wegbrechende Öleinnahmen erreichen nun immer stärker den Alltag der iranischen Bevölkerung.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Ein US-Dollar kostet auf dem freien Markt inzwischen rund 2,3 Millionen iranische Rial. Noch vor wenigen Wochen hatte bereits die Marke von zwei Millionen als historischer Absturz gegolten. Nun beschleunigt sich der Wertverlust erneut und zeigt, wie tief Krieg, amerikanische Blockade, Inflation und sinkende Deviseneinnahmen inzwischen in Irans Wirtschaft eingreifen.
Das Wall Street Journal berichtet von wachsenden Problemen bei der Versorgung mit Kraftstoff und anderen Gütern. Gleichzeitig steigen die Preise, während Einkommen mit der Inflation nicht Schritt halten. Lebensmittel verteuerten sich dem Bericht zufolge im August im Jahresvergleich um 128 Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet für Iran 2026 mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 5,4 Prozent.
Damit bekommt eine Entwicklung konkrete Folgen, über die haOlam seit Monaten berichtet. Die amerikanische Blockade der iranischen Öl- und Handelswege sollte Teheran vor allem die Devisen entziehen, mit denen das Regime Waffenprogramme, RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen und seine regionalen Stellvertreter finanziert. Inzwischen trifft der Druck aber längst auch normale Haushalte.
Reuters berichtete Anfang September, dass die iranischen Ölexporte auf etwa 260.000 Barrel täglich gefallen waren. Ein Jahr zuvor waren es noch rund 1,7 Millionen Barrel. Gleichzeitig verliert Teheran immer stärker den Zugang zu internationalen Zahlungskanälen, während die Kosten für Umgehungsgeschäfte steigen.
Benzin wird zum politischen Risiko
Besonders sichtbar wird die Krise an den Tankstellen.
Die Regierung hat zum 8. September den Preis für Benzin oberhalb der monatlichen Subventionsquote verdoppelt. Die ersten 60 Liter bleiben stark subventioniert, weitere 50 Liter werden zu einem höheren, aber weiterhin staatlich verbilligten Preis abgegeben. Wer mehr als insgesamt 110 Liter benötigt, muss nun 100.000 Rial pro Liter zahlen. Reuters bestätigt, dass diese Erhöhung gezielt Vielverbraucher treffen soll.
Auf den ersten Blick wirkt selbst dieser Preis im internationalen Vergleich niedrig. Für iranische Fahrer ist jedoch nicht der Dollarpreis entscheidend, sondern das Verhältnis zu ihren Einkommen und zu den übrigen Lebenshaltungskosten.
Hinzu kommt ein zweites Problem: Benzin ist teilweise gar nicht verfügbar.
Der Krieg beschädigte Raffinerien und Energieinfrastruktur. Gleichzeitig erschwert die amerikanische Blockade den Import von Kraftstoffen und Komponenten. Iran besitzt riesige Öl- und Gasreserven, kann seinen inländischen Bedarf an Benzin aber dennoch nicht vollständig aus eigener Produktion decken. Die Financial Times berichtete zuletzt von einer täglichen Versorgungslücke von rund zehn Millionen Litern.
Das Regime reagierte auf die Preiserhöhung mit sichtbarer Nervosität. An Tankstellen in Teheran wurden nach Berichten uniformierte Polizisten und Sicherheitskräfte in Zivil stationiert. Das hat einen historischen Grund: Erhöhungen der Benzinpreise lösten in Iran bereits mehrfach schwere Proteste aus.
Diesmal kommt die Wut nicht allein von privaten Autofahrern.
Taxi- und Lastwagenfahrer sowie Beschäftigte des Fahrdienstes Snapp protestieren gegen gekürzte Kraftstoffkontingente und steigende Kosten. Rund 120 Taxifahrer in der Provinz Kerman erklärten nach Angaben des Wall Street Journal, dass die neuen Einschränkungen sie ungefähr ein Drittel jedes Monats praktisch arbeitsunfähig machten.
Auch Snapp-Fahrer legten in mehreren Regionen die Arbeit nieder. Das Unternehmen ist mit rund drei Millionen Fahrern einer der größten privaten Arbeitgeber des Landes. In Semnan und Arak demonstrierten Beschäftigte, weil ihre Einnahmen die Kosten für Kraftstoff, Reparaturen und Fahrzeugverschleiß kaum noch decken.
Ein Fahrer aus Teheran schilderte Euronews, dass ihm bei monatlichen Einnahmen von umgerechnet etwa 236 Euro nach Provisionen, Kraftstoff und Fahrzeugkosten nur ungefähr 127 Euro verblieben. Höhere Fahrpreise seien kaum durchsetzbar, weil auch die Kunden immer weniger bezahlen könnten.
Genau hier beginnt die Wirtschaftskrise sich selbst zu verstärken. Höhere Benzinpreise verteuern Transporte. Teurere Transporte erhöhen die Preise für Lebensmittel und Waren. Gleichzeitig verliert der Rial weiter an Wert, wodurch importierte Produkte und Ersatzteile noch kostspieliger werden.
Teherans eigenes Druckmittel schlägt zurück
Die Krise ist nicht allein Folge amerikanischer Maßnahmen. Sie ist auch das Ergebnis einer iranischen Strategie, die sich zunehmend gegen das eigene Land richtet.
Teheran setzte die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen als wirtschaftliches und militärisches Druckmittel ein, griff Schiffe an und versuchte, eigene Regeln für den Transit durchzusetzen. Washington antwortete mit einer Blockade iranischer Öltransporte.
haOlam hatte Mitte Juli beschrieben, dass damit ausgerechnet Irans wichtigste wirtschaftliche Lebensader zum Gegenstand des Konflikts wurde. Anfang August zeigten die Exportdaten bereits, dass die Blockade zunehmend wirkte. Ein iranischer Wirtschaftsvertreter warnte später sogar, die dauerhafte wirtschaftliche Abschnürung könne für das Land schlimmer werden als ein erneuter Krieg.
Inzwischen lässt sich diese Warnung im Wechselkurs ablesen.
Ende August lag der freie Kurs bei etwa 2,02 Millionen Rial pro Dollar. Jetzt sind es rund 2,3 Millionen. Das entspricht innerhalb weniger Wochen nochmals einem Wertverlust von fast 14 Prozent.
Parallel sinken Irans Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Die USA haben ihre Sanktionen weiter verschärft. Das Finanzministerium kündigte im Rahmen von „Operation Economic Outcast“ zusätzliche Maßnahmen gegen Finanz-, Transport- und Unterstützungsnetzwerke des Regimes und seiner Terrororganisationen an.
Teheran besitzt weiterhin Möglichkeiten, Sanktionen teilweise zu umgehen. Reuters enthüllte erst in dieser Woche ein komplexes System, über das iranische Öleinnahmen in China für Warenkäufe verwendet wurden, ohne dass klassische internationale Zahlungswege genutzt werden mussten. Über diese Konstruktionen sollen Milliarden Dollar abgewickelt worden sein.
Doch solche Systeme können normale Öltransporte, offenen Handel und verlässlichen Zugang zu Devisen nicht vollständig ersetzen.
Das Regime steht deshalb vor einem zunehmend gefährlichen Problem. Militärisch versucht es weiterhin, den USA, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und den Golfstaaten Kosten aufzuerlegen. Wirtschaftlich werden die Kosten dieser Strategie immer stärker auf die eigene Bevölkerung übertragen.
Für die Führung in Teheran ist das besonders riskant. Iraner haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass wirtschaftlicher Druck politische Proteste auslösen kann. Benzinpreise, Arbeitslosigkeit und eine kollabierende Währung sind deshalb keine rein wirtschaftlichen Kennzahlen.
Sie entscheiden darüber, wie lange das Regime seiner Bevölkerung erklären kann, dass Widerstand, Krieg und regionale Machtpolitik wichtiger seien als ein Einkommen, das noch zum Leben reicht.
Der Rial liefert darauf inzwischen eine unübersehbare Antwort.
Autor: Redaktion
Samstag, 12 September 2026