Gestern wollte Pezeshkian den Deal, heute misstraut er WashingtonGestern wollte Pezeshkian den Deal, heute misstraut er Washington
Irans Präsident wollte noch vor den US-Zwischenwahlen eine Einigung. Einen Tag später erklärt er, Teheran vertraue Washington nicht mehr verhandeln will das Regime trotzdem.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Irans Präsident Masoud Pezeshkian vollführt binnen weniger Stunden einen bemerkenswerten Spagat. Noch am Donnerstag erklärte er am Rande der UN-Generalversammlung in New York, Teheran wolle eine Verständigung mit den Vereinigten Staaten möglichst noch vor den amerikanischen Zwischenwahlen im November erreichen. „Wir wollen nicht, dass es bis zu den Midterms dauert“, sagte er und forderte Washington zur Rückkehr zum im Juni vereinbarten Memorandum auf. Am Samstag klingt derselbe Präsident plötzlich grundlegend skeptisch: Iran habe „kein Vertrauen“ mehr in Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten und wisse nicht, auf welcher Grundlage überhaupt noch eine Verständigung möglich sei.
Ein Abbruch der Diplomatie ist das allerdings nicht. Im Gegenteil: Katar und Pakistan übermitteln weiterhin iranische Botschaften an Washington, und Teherans neuer Sieben-Tage-Plan liegt nach iranischen Angaben weiter auf dem Tisch. Außenminister Abbas Araghchi will innerhalb weniger Tage die Voraussetzungen für eine Wiederöffnung der Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen schaffen. Am siebten Tag sollen dann Gespräche über ein endgültiges Abkommen beginnen. Dafür verlangt Iran allerdings erhebliche amerikanische Vorleistungen: die Aufhebung der Seeblockade iranischer Häfen, Ausnahmen von den Sanktionen gegen iranische Ölexporte, die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder sowie eine Feuerpause, die auch andere regionale Fronten erfassen soll. Im Gegenzug würde Teheran die Straße von Hormus wieder für die internationale Schifffahrt öffnen.
Damit liegt der eigentliche Widerspruch offen. Pezeshkian erklärt öffentlich, Washington sei nicht vertrauenswürdig, verlangt aber gleichzeitig von Washington weitreichende Zugeständnisse, bevor Iran sein wichtigstes Druckmittel aufgibt. Die Straße von Hormus ist seit Monaten das zentrale Faustpfand Teherans. Noch vor dem Krieg lief rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Gases durch die Meerenge. Iran will die Blockade erst lockern, wenn die Vereinigten Staaten ihrerseits wirtschaftlichen und militärischen Druck zurücknehmen. Washington wiederum verlangt freie Schifffahrt, bevor es einen Teil dieses Drucks preisgibt. Genau an dieser Reihenfolge sind frühere Versuche einer Verständigung bereits gescheitert.
Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist ein anderer Teil der iranischen Position entscheidend. Während Pezeshkian von neuen Verhandlungen spricht, schließt Teheran Zugeständnisse beim Nuklearprogramm weiterhin weitgehend aus. Ein hochrangiger iranischer Vertreter erklärte Reuters, Iran werde weder auf sein Recht zur Urananreicherung verzichten noch hoch angereichertes Material außer Landes bringen. Präsident Donald Trump wiederum bekräftigte am Samstag erneut seine zentrale Forderung: Iran dürfe keine Atomwaffe besitzen. Damit bleibt ausgerechnet jene Frage offen, die für Israel den Kern jeder Verständigung mit Teheran bildet.
Schon Anfang September hatte haOlam über Pezeshkians Angebot berichtet, zum Juni-Abkommen zurückzukehren. Damals war bereits sichtbar, wo das Problem liegt: Das Memorandum verpflichtete nicht nur Washington zu wirtschaftlichen Erleichterungen. Auch Iran sollte unter anderem die sichere und kostenlose Passage kommerzieller Schiffe durch die Straße von Hormus gewährleisten. Wenige Wochen später war diese Ordnung erneut zusammengebrochen. Teherans heutige Darstellung, der Stillstand sei vor allem Folge amerikanischen Verhaltens, lässt diesen Teil der Vorgeschichte weitgehend aus.
Gleichzeitig versucht Pezeshkian, Iran als möglichen Vermittler in einem weiteren Konflikt zu präsentieren. Im Interview mit Al Jazeera bot er an, zwischen Saudi-Arabien und den vom Iran unterstützten HuthisHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen im Jemen zu vermitteln. Allein das Timing ist bemerkenswert. Nur Stunden zuvor meldete die saudisch geführte Koalition, zwei ballistische Raketen und zwei Drohnen der Huthis seien auf dem Weg nach Saudi-Arabien abgefangen worden. Die Geschosse zielten demnach auf Khamis Mushait und die Hauptstadt Riad. Die Huthis greifen seit Monaten saudische Städte, Energieanlagen und Schiffe an und haben mit ihren Attacken zusätzlich jene Ausweichroute unter Druck gesetzt, die angesichts der weitgehend blockierten Straße von Hormus für den internationalen Handel immer wichtiger geworden ist.
Teheran präsentiert sich damit gleichzeitig als Konfliktpartei, Verhandlungspartner und möglicher Vermittler. Pezeshkian behauptet, regionale Sicherheit müsse von den Staaten der Region selbst geschaffen werden und die Vereinigten Staaten würden dort nicht als „Polizist“ benötigt. Gleichzeitig haben Iran und mit ihm verbündete Kräfte den Konflikt längst über die iranischen Grenzen hinausgetragen: Angriffe auf Golfstaaten, die Blockade der Straße von Hormus, Huthi-Attacken auf Saudi-Arabien und die Aktivitäten iranisch unterstützter Milizen gehören inzwischen zum regionalen Kriegsgeschehen.
Das bedeutet nicht, dass Pezeshkians Misstrauen gegenüber Washington nur Rhetorik ist. Das im Juni vereinbarte Memorandum zerbrach, anschließend folgten erneut militärische Angriffe, Sanktionen und Blockaden. Auch in Washington herrscht tiefes Misstrauen gegenüber iranischen Zusagen. Laut Reuters berichtete das „Wall Street Journal“, Trump habe den neuen iranischen Plan intern bereits zurückgewiesen und rechne eher mit einer erneuten militärischen Eskalation nach den Zwischenwahlen. Offiziell hieß es aus Washington dagegen zuletzt, die Gespräche über Vermittler seien „positiv und konstruktiv“. Die Diplomatie lebt also weiter, obwohl beide Seiten gleichzeitig öffentlich erklären, warum sie der jeweils anderen kaum noch glauben.
Genau darin liegt die eigentliche Nachricht hinter Pezeshkians neuen Aussagen. Teheran zieht sich nicht aus Verhandlungen zurück. Es versucht vielmehr, den Preis für eine Verständigung hochzuhalten und zugleich Washington die Verantwortung für ein mögliches Scheitern zuzuschieben. Noch am Donnerstag wollte Pezeshkian unbedingt vor den amerikanischen Zwischenwahlen zu einem Ergebnis kommen. Zwei Tage später erklärt er, er wisse nicht einmal mehr, auf welcher Grundlage man den Amerikanern vertrauen könne.
Beides gleichzeitig kann politisch durchaus Teil derselben Strategie sein.
Aber Vertrauen entsteht dadurch nicht.
Autor: Redaktion
Samstag, 26 September 2026