Teheran lässt einen Tatort verschwinden: Gohardasht wird abgerissenTeheran lässt einen Tatort verschwinden: Gohardasht wird abgerissen
Im Gefängnis Gohardasht wurden politische Gefangene gefoltert und 1988 massenhaft hingerichtet. Nun verschwinden Mauern und Wachtürme, obwohl Menschenrechtler seit Jahren vor der Vernichtung möglicher Beweise warnen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Einer der letzten Wachtürme ist gefallen. Bilder aus Iran zeigen, wie am Samstag weitere Teile des früheren Gefängnisses Raja’i Shahr bei Karaj abgerissen werden. Unter seinem alten Namen Gohardasht steht dieser Ort für eines der dunkelsten Kapitel der Islamischen Republik: Folter, Hinrichtungen und vor allem die Massentötungen politischer Gefangener im Sommer 1988.
Das iranische Regime erzählt eine andere Geschichte. Die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim spricht vom „Ende eines Albtraums“ für Karaj. Das Gefängnis habe inzwischen mitten im gewachsenen Stadtgebiet gelegen, der Abriss erfülle eine langjährige Forderung der Bevölkerung. Auf dem rund 60 Hektar großen Gelände sollen Grünflächen, Bildungs- und Kultureinrichtungen entstehen. Ein Teil des Hauptgebäudes soll nach offiziellen Angaben erhalten und einer neuen Nutzung zugeführt werden.
Was in dieser Erzählung weitgehend fehlt, ist die Geschichte dessen, was hinter diesen Mauern geschah.
Menschenrechtsorganisationen warnen deshalb nicht erst seit dem aktuellen Abriss. Bereits als Gohardasht 2023 geschlossen wurde, forderte Iran Human Rights, das Gelände zu sichern. Die Organisation argumentierte, der Ort könne noch Beweismaterial zu Verbrechen enthalten, deren vollständiges Ausmaß bis heute nicht aufgeklärt ist.
Diese Warnung bekommt mit jedem gefällten Wachturm eine neue Dringlichkeit.
1988 wurden Gefangene in wenigen Minuten über Leben und Tod befragt
Im Sommer 1988 ließ Ayatollah Ruhollah Khomeini politische Gefangene in iranischen Haftanstalten erneut überprüfen. Viele saßen zu diesem Zeitpunkt bereits aufgrund früherer Urteile im Gefängnis, teilweise kurz vor dem Ende ihrer Strafe.
Gefangene wurden vor Kommissionen gebracht, die später als „Todeskommissionen“ bekannt wurden. Wenige Antworten konnten darüber entscheiden, ob jemand in seine Zelle zurückkehrte oder zur Hinrichtung geführt wurde.
Amnesty International dokumentierte bereits 1988 die damals größte Welle politischer Exekutionen seit den frühen Jahren der Islamischen Republik. Spätere Recherchen der Organisation kamen zu dem Ergebnis, dass mindestens 5.000 politische Gefangene und Dissidenten landesweit außergerichtlich getötet wurden. Andere Schätzungen liegen höher. Eine abschließende Opferzahl existiert bis heute nicht, auch weil das Regime Akten zurückhält, Grabstätten verschweigt und Angehörigen vielfach nicht mitteilte, wo die Ermordeten begraben wurden.
Gohardasht war einer der zentralen Schauplätze.
Ein Bericht des damaligen UN-Sonderberichterstatters Javaid Rehman ging 2024 noch weiter. Nach Auswertung von Zeugenaussagen, Dokumenten und früheren Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass während der Massaker Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden. Er sah zudem Belege, die nach seiner Bewertung auch den Tatbestand des Völkermordes stützten. Das war die rechtliche Einschätzung eines UN-Sonderberichterstatters, kein Urteil eines internationalen Gerichtes.
Besonders belastend für Teheran ist jedoch, dass ein Teil der Vorgänge von Gohardasht längst Gegenstand eines rechtsstaatlichen Strafverfahrens außerhalb Irans geworden ist.
Der frühere iranische Gefängnisfunktionär Hamid Nouri wurde 2022 in Schweden wegen seiner Beteiligung an den Vorgängen von 1988 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Berufungsgericht Svea bestätigte das Urteil Ende 2023 in wesentlichen Teilen. Die Richter sahen als erwiesen an, dass in Gohardasht zahlreiche Gefangene hingerichtet wurden und Nouri an den Vorgängen beteiligt war.
Damit ist Gohardasht nicht lediglich ein Erinnerungsort oppositioneller Gruppen.
Es ist ein Ort, dessen Geschichte vor einem europäischen Gericht anhand von Zeugenaussagen und Beweismitteln untersucht und in einem rechtskräftigen Urteil festgestellt wurde.
2024 kam Nouri dennoch frei. Schweden tauschte ihn gegen die in Iran festgehaltenen schwedischen Staatsbürger Johan Floderus und Saeed Azizi aus. Ministerpräsident Ulf Kristersson erklärte damals ungewöhnlich deutlich, Iran habe die beiden Schweden als Figuren in einem zynischen Verhandlungsspiel benutzt, um Nouris Freilassung zu erreichen.
Das Regime bekam damit einen wegen schwerster Verbrechen verurteilten früheren Funktionär zurück.
Nun verschwindet auch der Ort, mit dem sein Verfahren verbunden war.
Aus dem Gefängnis soll ein Park werden
Iran Human Rights hatte bereits im August 2023 ausdrücklich davor gewarnt, dass die Schließung und ein möglicher Abriss der gezielten Beseitigung von Beweisen dienen könnten. Direktor Mahmood Amiry-Moghaddam verwies darauf, dass das vollständige Ausmaß der in Gohardasht begangenen Verbrechen noch immer unbekannt sei.
Ob der aktuelle Abriss tatsächlich mit der Absicht erfolgt, Beweise zu vernichten, lässt sich von außen nicht beweisen. Die iranischen Behörden nennen Stadtentwicklung, die Verlagerung von Gefängnissen aus Wohngebieten und eine neue kulturelle Nutzung als Gründe.
Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer: Trotz der international dokumentierten Geschichte des Ortes ist bislang kein unabhängiges Verfahren erkennbar, das mögliche Beweise systematisch sichert, Tatorte dokumentiert oder Angehörige und Überlebende in die Umgestaltung einbezieht.
Iranische Staatsmedien berichten stattdessen ausführlich über Verkehrsprobleme, städtebauliche Entwicklung und neue Grünflächen.
Über die Menschen, die dort 1988 in den Tod geführt wurden, schweigen sie weitgehend.
Das Muster ist nicht neu. Amnesty dokumentiert seit Jahrzehnten, wie iranische Behörden Angehörige der 1988 Ermordeten daran hindern, Wahrheit über das Schicksal ihrer Familienmitglieder zu erfahren. Massengräber wurden nicht transparent untersucht, Grabstätten beschädigt oder überbaut, Familien unter Druck gesetzt.
Der Abriss von Gohardasht fügt sich deshalb in eine Geschichte ein, in der nicht nur Menschen verschwanden, sondern anschließend auch die Spuren ihres Verschwindens.
Besonders bitter wirkt die geplante Umwandlung des Geländes in Grün-, Bildungs- und Kulturflächen. Ein Park oder eine Universität auf einem ehemaligen Gefängnisgelände wäre für sich genommen nichts Verwerfliches. Staaten können Orte der Unterdrückung einer friedlichen Nutzung zuführen.
Voraussetzung wäre allerdings, vorher aufzuklären, zu dokumentieren und zu erinnern.
Genau das fehlt.
Wer einen Ort möglicher Verbrechen abreißt, bevor seine Geschichte vollständig untersucht wurde, schafft keine Aufarbeitung. Er erschwert sie.
Währenddessen richtet die Islamische Republik weiter Menschen hin. haOlam dokumentiert seit Monaten die stark gestiegene Zahl von Exekutionen, darunter politische Gefangene und Menschen, die nach den Protesten Anfang 2026 zum Tode verurteilt wurden. Das macht Gohardasht nicht nur zu einem Kapitel der Vergangenheit.
Es zeigt eine Kontinuität.
1988 verschwanden Gefangene hinter den Mauern.
Heute verschwinden die Mauern selbst.
Autor: Redaktion
Dienstag, 06 Oktober 2026